Jüdische Gemeinde froh Alte Osnabrücker Synagoge im Miniaturformat

Meine Nachrichten

Um das Thema Osnabrück Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Osnabrück. Die ehemalige Synagoge der Jüdischen Gemeinde Osnabrück existierte bislang nur in der Erinnerung der damals hier lebenden Menschen – und auf Fotos. Der Verein „Judentum begreifen – Projekt für Schule und Bildung“ gab den Anstoß, ein Modell des bedeutsamen Gebäudes herstellen zu lassen. Der Hasberger Modellbauer Paul Hahn hat dieses am Donnerstagabend der Jüdischen Gemeinde übergeben – nur ein paar Tage vor dem 75. Jahrestag der Reichspogromnacht am 9. und 10. November 1938.

Die 1906 an der heutigen Alten-Synagogen-Straße erbaute Synagoge wurde in dieser Nacht vor einem Dreivierteljahrhundert zerstört und später aus angeblich polizeibaulichen Gründen abgerissen. „Nach meinen Recherchen habe ich Zweifel an der Notwendigkeit“, sagte der Leiter der Gedenkstätte Augustaschacht Osnabrück, Michael Gander. Bei der Übergabe im Gebäude der Jüdischen Gemeinde erklärte er, wie es zur Zerstörung der Synagoge kam. Jetzt können sich auch die heutigen Mitglieder der Gemeinde ein Bild von dem für ihre Vorfahren so bedeutsamen Gebäude machen.

Im Maßstab 1:50 hat Paul Hahn die Synagoge nachgebaut – mit allen Details, die diese ausgemacht haben. Da wäre der hohe, turmartige Eingangsriegel mit einem Kuppeldach, der große Gebetsraum daneben. Auch die filigranen Ornamente und Säulen hat er bedacht. „Das Modell besteht zu 95 Prozent aus Holz“, erklärte er den Anwesenden. Die Dächer sind grün, wie im Original.

„Laut den Archäologen waren sie mit von außen grün gebrannten Pfannen gedeckt“, sagte der Modellbauer. Bevor er mit der handwerklichen Arbeit beginnen konnte, stand eine lange Vorbereitungszeit an. Etwa anderthalb Monate benötigte der Hasberger, um die Zeichnungen zu erstellen. „Insgesamt stecken sechs Monate Arbeitszeit darin.“

Möglich wurde das alles durch die finanzielle Unterstützung der Stiftung Stahlwerk Georgsmarienhütte, der Maßarbeit des Landkreises Osnabrück, des Verlags des Kirchenboten und der Stadt Osnabrück. Frank Henning, der als Vertreter der Stadt bei der Übergabe anwesend war, beschrieb seine Neugier, als er von dem Modell hörte. „Jetzt bin ich beeindruckt. Es ist eine Nachbildung mit viel Akribie“, sagte Henning, der sich von Michael Ganders Vortrag betroffen zeigte. Etwas zu tun, dass so etwas Schreckliches nie wieder passiere, sei einer der Gründe gewesen, warum er in die Politik gegangen sei. Hans-Jürgen Fip von der Stiftung Stahlwerk Osnabrück äußerte sich zufrieden, dieses Projekt gefördert zu haben. „Dass das Modell hier den richtigen Platz hat, ist unumstritten“, sagte er.

Hahns Mühen wurden auch von den Mitgliedern der Jüdischen Gemeinde mit Begeisterung belohnt. „Das ist ein erhebender Moment. Ich bin unendlich glücklich, und ich merke, dass meine Gemeinde auch glücklich ist“, sagte Aloys Lögering, Vorsitzender des Vereins „Judentum begreifen – Projekt für Schule und Bildung“, der maßgeblichen Anteil an der Entstehung des Modells hatte.

Ziel des Vereins ist es, vor allem in Schulen über das Leben und den Glauben jüdischer Menschen zu informieren. Die Mitglieder wollten sich nicht länger mit einem Foto der Synagoge begnügen, sondern diese auch in ihrer Architektur bewundern. So entstand die Idee, ein Modell anfertigen zu lassen. „Das ist ein Glücksfall für uns alle, die mit der Schule zu tun haben. Wir können zeigen, was jüdische Kultur ist oder hätte sein müssen heutzutage“, sagte Lögering.

Frank Henning verkündete am Rande der Veranstaltung, dass der Verein keine Kürzungen seitens der Stadt zu erwarten habe. Der Rat habe sich zu einer weiterhin ungeschmälerten Unterstützung bekannt.

Paul Hahn arbeitet bereits an einem zweiten Modell, das der Verein mit in die Schulen nehmen möchte. Zwar hat der Hasberger Modellbauer bereits zahlreiche Modelle hergestellt, allesamt Einzelstücke. Dieser Auftrag aber sei etwas Besonderes gewesen, bekennt der Miniaturspezialist. Bei diesem Modell sei alles anders gewesen, weil das Original durch politische Entscheidungen zerstört worden sei. „Heute wäre es eine Attraktion in Osnabrück“, meinte Hahn.

Für die Arbeit und die Initiative des Vereins bedankte sich auch die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Lea Mor. Das Bild der schönen Synagoge werde ins Gedächtnis zurückgerufen und bewahrt. Nachdem die Gemeinde in Osnabrück durch die Nationalsozialisten fast vollständig vernichtet worden sei, gebe es heute wieder ein lebendiges Gemeindeleben. Mor: „Wir freuen uns sehr über das Modell!“

Box: Jüdische Geschichte in Osnabrück

Laut Silke Grade, Doktorandin an der Uni Osnabrück, konnten sich erst 1803 im Zuge der Französischen Revolution wieder Juden hier ansiedeln. Zunächst taten dies nur etwa acht Familien. Nach dem Wiener Kongress 1815 wurden die Juden wieder in ihrer Freiheit eingeschränkt und erlangten erst nach 1871 die volle rechtliche Gleichstellung. 1872 kaufte die Jüdische Gemeinde Osnabrück in der Nähe der heutigen Katharinenkirche ein Gebäude. Anfang 1900 gehörten der Gemeinde rund 450 Mitglieder an. Diese benötigte mehr Platz für die vorhandenen Mitglieder. Nach einem ersten Entwurf wurde 1905/1906 die Synagoge erbaut. Einheitliche architektonische Vorgaben für den Bau von Synagogen gab es nicht. Die Jüdische Gemeinde entschied sich für neuromanische Elemente. Mit einer Entwurfsänderung wurde die Fassadengestaltung noch mehr an das Stadtbild angepasst und das Gebäude auf dem Grundstück von der Baufluchtlinie zurückgesetzt, damit die Schule direkt daneben erbaut werden konnte. An der höchsten Stelle, der Kuppel, war die Synagoge etwa 34 Meter hoch. Heute erinnern Gedenktafeln an das Gebäude.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN