Rekonstruktion feiert am 9.11. Premiere Wigmans „Sacre“ in Osnabrück: Original-Solo existiert nicht mehr

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Ch. A. Osnabrück. Das Osnabrücker Theater rekonstruiert Mary Wigmans „Le Sacre du Printemps“. Am Samstag, 9. November, feiert die Rekonstruktion, getanzt von den Ensembles Osnabrück und Bielefeld, im Theater am Domhof Premiere. Doch: Wie lässt sich eigentlich eine Choreografie ohne vollständige Notation wiederherstellen? Das Rekonstruktionsteam aus Rebecca Horn, Susan Barnett und Katharine Sehnert gibt Antworten.

Patricia Stöckemann , Tanzdramaturgin und -managerin der Osnabrücker Dance Company und Inhaberin der Nutzungsrechte an Mary Wigmans Nachlass, brauchte eine Person mit choreografischer Erfahrung, wissenschaftlicher Akribie und der Fähigkeit, eine Partitur zu lesen. Sie kam auf Henrietta Horn, die renommierte Choreografin und langjährige Leiterin des Folkwang-Tanzstudios. Auch Bielefelds Tanzchef Gregor Zöllig kennt und schätzt Horn seit Langem – und vertraute ihr voll in Sachen „Sacre“.

Also sichtete Henrietta Horn anfangs einen teilweise unsortierten Wust an choreografischen Skizzen, Fotos und handschriftlichen Notizen Mary Wigmans zu ihrer „Sacre“-Choreografie von 1957. „Es war zum Verzweifeln“, erzählt sie im Gespräch, weil Wigman zwar über jeder Skizze den Titel der Szene vermerkt, aber sich nicht chronologisch an der Partitur Strawinskys vorwärtsgearbeitet hat. „Sie ist hin und her gesprungen, hat überarbeitet, verworfen, schriftlich geflucht“ – und auch den Komponisten Igor Strawinsky nicht nur gut dabei wegkommen lassen.

Leichter wurde das Puzzle, weil die Choreografin Susan Barnett, eine Kollegin Stöckemanns und Horns aus Bremer Zeiten, mithalf. Weil später noch Katharine Sehnert dazustieß. Die aus ihrer Erinnerung der Uraufführung heraus die Skizzen mit getanztem Leben füllen konnte. „Wir haben von da an immer zu dritt getanzt“, erzählt Horn, „Susan die Männer, ich die Frauen und Katherine die Ritualfiguren, den Weisen oder andere Rollen aus ,Sacre‘.“

Die im Klavierauszug notierten Ideen Wigmans hielt das Trio für die Rekonstruktion am relevantesten. „Wigman hat sehr eng an der Partitur entlanggebaut und die auch rhythmisch komplizierte Musik mit ihren abrupten Stimmungswechseln unheimlich gut sortiert für uns, sodass sich die Tanzschritte bestens verfolgen ließen“, erklärt Horn.

Es war ein extrem langer, zäher und auch sehr konfliktreicher Prozess“, meint Horn rückblickend. Doch langsam nahm die Choreografie Gestalt an. Beglückende Momente vertrieben die vorherigen Strapazen, als die Osnabrücker und Bielefelder Tänzer den Bühnenraum füllten. „In der großen Formation tauchte nun aber das deutlich auf, was wir nicht bedacht hatten. “

Es klaffte noch eine ganz entscheidende Lücke. Die Tänzerin Dore Hoyer hatte 1957 die zentrale Rolle des Opfers, die Wigman als „Auserwählte“ verstand, selbst gestaltet und nicht aufzeichnen lassen. „Wir hatten wirklich nichts dazu, nur 14 Fotos.“ Zwei Wochen lang befassten sich die Frauen nur mit dem Solo, lockten Erinnerungen aus den Wigman-Tänzerinnen, Brigitta Herrmann und Emma Lou Thomas, heraus. Doch das ergab nur ein grobes Gerüst. „Dieses Solo existiert nicht mehr.“ So musste sich Horn entscheiden, es entweder „auf der Grundlage des Erarbeiteten neu für eine andere Tänzerin als Dore Hoyer zu gestalten – oder es eben wegzulassen.“ Sie wählte Ersteres.

Horn glaubt, dass nicht so sehr der verdrängte Tod in unserer Gesellschaft „Sacre“ für heutige Interpretationen interessant macht. Sondern der „Urknall“, den Strawinskys Werk für die Musikgeschichte und den modernen Tanz bedeutete. „Es ist eines der Ballette, das für die Moderne im Tanz die Schleusen geöffnet hat.“ Sie bezieht sich auf Vaslav Nijinskij mit seiner Pariser Uraufführung von 1913, der mit seiner Bewegungssprache das Ballett revolutioniert habe. Keine Spitzenschuhe mehr, kein technisches Tanzen zum Leichten, Lichten, zur Höhe hin, sondern Verinnerlichung, eingedrehte Füße, Hässlichkeit, Erdung der Tänzer – „eine Zumutung für das Pariser Publikum“ laut Horn. Dieser Bruch mit der Konvention des ästhetisch Schönen, meint sie, hat auch Mary Wigman gereizt.

Premiere von „Sacre“ ist am Samstag, 9. November, um 19.30 Uhr im Stadttheater.


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