Verlockendes Gewinnspiel Werbeaktion in Osnabrück führt in Abo-Falle

Mit diesem Flyer warben die Männer und Frauen in der Osnabrücker Innenstadt. Foto: Sven MechelhoffMit diesem Flyer warben die Männer und Frauen in der Osnabrücker Innenstadt. Foto: Sven Mechelhoff

Osnabrück. „Jetzt mitmachen und einen Mini Cooper gewinnen!“ Immer öfter werben in deutschen Innenstädten junge Frauen und Männer mit knallig-pinken Flyern für ein Gewinnspiel. Doch dahinter verbirgt sich eine ausgeklügelte Abo-Verkaufsstrategie. Verbraucherzentrale und Polizei raten, nicht leichtfertig persönliche Daten herauszugeben.

Von Stephanie Kriege und Sven Mechelhoff

Der Flyer wirkt verlockend: Ein schnittiger Neuwagen in knalliger Farbe zum Nulltarif. Dazu das Logo des Magazins „Stern“ unter dem abgedruckten Auto. Es wirkt vertrauenerweckend. Wer am Gewinnspiel teilnehmen will, muss „nur“ seine Daten auf der Rückseite des Zettels eintragen. Glück bringt Gewinnspiel wohl eher nicht. Am Schluss haben viele Teilnehmer ein Abo abgeschlossen, das sie eigentlich nicht haben wollten. Hinter dem Gewinnspiel steckt laut Flyer der „Deutsche Video Ring“.

Wer den Firmennamen googelt, trifft auf unzählige Einträge in ebenso vielen Foren. Und das Thema ist immer das gleiche: Abzocke durch Drückerkolonnen in der Fußgängerzone. Die Erfahrungsberichte ähneln sich auf erschreckende Weise. Was auffällt: Die Werber in den Innenstädten wenden sich gezielt an junge Leute.

Geschickt werden die Passanten in ein Gespräch verstrickt, berichten die Betroffenen . Viele geben dann schließlich wirklich ihre Daten heraus – sei es, weil sie den Werbern glauben oder weil sie keine andere Chance sehen, schnell aus dieser Situation herauszukommen.

Die Geschichten variieren, das Prinzip ist dasselbe: Einige Wochen nach dem Gespräch auf der Straße klingelt das Telefon und man wird beglückwünscht, eine Reise oder ein Auto gewonnen zu haben. Um an den Gewinn zu gelangen, müsse man nur ein Probe-Abo einer Zeitschrift in Anspruch nehmen, das nach drei Monaten problemlos gekündigt werden könne. Was die Angerufenen meistens nicht wissen: Sie schließen ein Jahres-Abo ab, bei dem die ersten drei Monate verrechnet werden. Doch die Verkäufer am anderen Ende der Leitung drücken sich so verklausuliert aus, dass sie selten richtig verstanden werden.

„Vor Jahren war Werber des Deutschen Video Rings schon einmal in Osnabrück aktiv“, sagt Petra Borgmann von der Verbraucherzentrale in Osnabrück. Damals bedienten sich die Werber noch einer anderen Variante ihrer Masche. Sie sprachen junge Leute an und fragten, welche Videos sie interessierten. Es entwickelte sich ein Gespräch, dann wurden die Passanten um eine Unterschrift gebeten, um irgendetwas zu bestätigen. „Häufig wurde dann kein Durchschlag ausgehändigt.“ Ohne es zu wissen, hatte man also irgendetwas unterschrieben. Das böse Erwachen folgte manchmal erst Monate später - wenn eine Rechnung ins Haus trudelt. „Der Verbraucher hat ein 14-tägiges Haustürwiderrufsrecht“, erklärt Borgmann. Die Frist beginnt nicht an dem Tag, an dem unter dubiosen Umständen eine Unterschrift in der Fußgängerzone zustande kam. „Die Frist beginnt erst, wenn der Verbraucher schriftlich über sein Widerrufsrecht belehrt worden ist“, sagt Borgmann. „Wir kritisieren, dass in diesen Fällen über das eigentliche Gesprächsziel hinweggetäuscht wird. Die sollen einfach mit offenen Karten spielen.“

Kriminalhauptkommissar Ulrich Klus von der Polizei Osnabrück sind die Methoden der Werber bekannt. Im Oktober habe die Polizei drei Personen überprüft, die in der Innenstadt Passanten nach ihren Daten fragten. „Was die mit den Daten machen, ist fraglich“, sagt Klus. Strafrechtlich war der Gruppe nichts nachzuweisen. „Das Problem ist, dass die Leute ihre Daten freiwillig herausgeben“, sagt Kriminalhauptkommissar Klus. Deshalb haben die Beamten den Fall an die Stadt weitergegeben. Denn die kann solche „Gewinnspielaktionen“ in der Fußgängerzone verbieten. Denn derlei Aktionen müssen vom Ordnungsamt genehmigt werden. Zweimal musste die Stadt in den vergangenen zwei Wochen einschreiten, um die Werber zu vertreiben. Man sei mit dem OS-Team, dem städtischen Ordnungsaußendienst, gegen die Gruppe vorgegangen, bestätigt Karin Heinrich vom Ordnungsamt.

Die Polizei in Limburg, wo der Deutsche Video Ring ansässig ist, teilte auf Nachfrage mit, dass dort kein Verfahren gegen das Unternehmen vorliege. „Das hat etwas mit der Struktur zu tun“, sagte Pressesprecher Peter Meier. Anzeigen gingen in diesem Zusammenhang zwar häufiger ein, allerdings richten diese sich gegen die Werber direkt. „Die handeln selbstständig“, erklärt Meier. Dem Deutschen Video Ring könne man praktisch nichts anlasten. „Uns ist aber bekannt, dass der Ring seine neuen Kunden anruft und sich erkundigt, ob die Werbegespräche einwandfrei gelaufen sind“, ergänzt der Beamte. Zu der Frage, ob er den Deutschen Video Ring für seriös halte, wollte Meier sich nicht äußern.

Auf dem Flyer des Mini-Cooper-Gewinnspiel ist auch ein Logo der „F.A.S.I.“ zu sehen. Dahinter verbirgt sich die „Flight Ambulance Services International Agency GmbH“. Diese Firma wirbt damit, ihre Mitglieder bei Abschluss einer entsprechenden Versicherung bei Krankheit im Ausland kostenlos zurückzuholen. Die F.A.S.I. hat ihren Sitz an der gleichen Adresse wie der Deutsche Video Ring. Auch für die Flugambulanz sind Werber auf den Straßen unterwegs oder klingeln an Haustüren. Ziel ist es, den Verbrauchern einen Zweijahresbeitrag für die Flugambulanz aufzuschwatzen. Auch hier finden sich im Netz zahlreiche Berichte von Betroffenen , die sich von den Werbern übers Ohr gehauen fühlen. Ulrich Klus von der Polizei Osnabrück ist die F.A.S.I. ein Begriff: „Die sind mit aggressivem Werbemitteln aufgefallen.“

Und schließlich findet sich noch eine dritte ominöse Firma unter der gleichen Anschrift wie F.A.S.I. und der Deutsche Video Ring: Die „Video Aktuell Betriebs GmbH“. Dieses Unternehmen ist der Verbraucherzentrale Niedersachsen durch ähnliche Werbemethoden bekannt. „Nach einer Abmahnung durch die Verbraucherzentrale in Baden-Württemberg hat die Video Aktuell Betriebs GmbH eine strafbewehrte Unterlassungserklärung abgegeben“, sagt Gabriele Peters von der Verbraucherzentrale Niedersachsen.

Und was hat das Magazin „Stern“ mit der ganzen Sache zu tun? „Der Verlag weiß nichts davon“, sagte Suntka von Halen, Pressesprecherin des Vertriebs bei Gruner & Jahr. „Wir stehen in keiner Vertragsbeziehung mit den Werbefirmen. Selbstverständlich ist das geschilderte Vorgehen der Werber nicht im Sinne des Stern und auch nicht im Sinne von Gruner & Jahr.“ Wenn dem Verlag konkrete Fälle bekannt würden, wo Kunden gegen ihren Willen ein Abo verkauft worden ist, dann setze sich Gruner & Jahr dafür ein, die Verträge auf Kulanzbasis rückgängig zu machen. „Wir arbeiten jeden Tag hart an einer guten Vertrauensbasis mit unseren Kunden“, so von Halen. „Wenn dann so etwas passiert, ist das der Super-GAU.“


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