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27.10.2013, 14:43 Uhr KOLUMNE

Der eigene Kleingarten (1): Aller Anfang ist schwer

Von Jörg Sanders



Osnabrück. Gärtnern in der Wüste – das können nicht viele Menschen als ihr Hobby nennen. Ich schon! Denn seit einem Monat sind meine Freundin und ich stolze Besitzer einer 371 Quadratmeter großen Parzelle im Kleingärtnerverein Deutsche Scholle im Osnabrücker Stadtteil Wüste. Dabei bin ich schon stolz, wenn ich Grünkohl von Rosenkohl unterscheiden kann.

Mit einem Zettel samt Telefonnummer fing im September alles an. Meine Freundin (31) und ich (35) spazierten an einem Abend durch die Gartenkolonie in der Wüste. Am Gewächshaus eines Gartens sahen wir einen Zettel: „Garten zu vergeben“, stand darauf geschrieben. Das wäre doch mal was, meinten meine Freundin und ich. Ohne groß zu überlegen, folgte der Griff zum Smartphone. Immerhin ist ein Garten ein fantastischer Ausgleich, wenn man den ganzen Tag im Büro vorm PC hängt und zu Hause selbst keinen Garten sein Eigen nennen kann. Löcher buddeln, Unkraut jäten, Rasen mähen – wunderbar. Und eigenes Gemüse anzubauen, ist doch auch eine tolle Idee – da weiß man wenigstens, dass es nicht gespritzt ist. Bio-Äpfel aus dem eigenen Garten. Ach, watt schön ...

Anfangs Begeisterung

Der Garten sei noch zu vergeben, meldete sich der Noch-Pächter am Telefon. Sofort vereinbarten wir einen Besichtigungstermin. Und waren begeistert. Neun Obstbäume (Apfel, Kirsche, Pflaume), zwei Gemüsebeete, Rasenflächen, Blumenbeete, ein kleiner Teich, ein tolles Gewächshaus – und eine Hütte mit Strom und Ofen. Im Nebenraum ein willkommener Freizeitvertreib mit Freunden für die schönen Monate des Jahres: ein gemauerter Grill. Eine Kloschüssel ohne Spülung gibt es auch, doch bis heute wissen meine Freundin und ich nicht, wo hingeht, was reingeht. Vielleicht besser nicht nutzen ...

Gut verhandelt

Schnell waren wir uns einig: Wir wollten den Garten und einigten uns mit dem Vorpächter auf einen Kaufbetrag. Später stellte sich heraus, dass wir gut verhandelt hatten, denn die Wertermittlung durch den Verein lag über dem vereinbarten Preis. Mh, ich witterte bereits ein Geschäftsmodell und sah mich als Heuschrecke im Kleingärtnerverein. Schließlich könnten wir den Garten umgehend wieder mit Gewinn abstoßen. Aber das wollen wir ja nicht.

Nach den schwierigen Verhandlungen mit dem Vorpächter luden uns auch sogleich unsere neuen Nachbarn auf einen Tee ein. Das Paar nutzt den Garten seit rund 15 Jahren und erzählte uns, dass früher eine vierköpfige Familie in ihrem Gartenhaus gewohnt hatte. Der erste Kontakt zu den Nachbarn war geknüpft.

Der Weg zum Garten

Doch dann wurde es schon schwieriger. Abgesehen davon, dass das Regelwerk des Vereins unendlich erscheint, mussten wir in zwei Terminen mit dem Vorstand klären, wie man denn nun Pächter eines Gartens wird. Mitgliedschaft beantragen, Pachtvertrag unterschreiben, Kündigungsfristen – und brauchen wir eine Versicherung? Letzteres war egal, da hatten wir gar nicht Wahl, die war Pflicht. Warum – das habe ich nicht verstanden, aber bei rund 25 Euro im Jahr fragte ich nicht weiter nach. Ich war erst mal froh, dass uns der Garten insgesamt lediglich rund 165 Euro im Jahr kosten soll. Und die Vorstandsmitglieder beantworteten all unsere Fragen mit viel Geduld. Ein kostenloses Eis gab es übrigens auch noch.

Erste Zweifel und Ramsch-Bäume?

Die Wertermittlung durch den Verein war übrigens interessant – und zugleich ernüchternd. Mit strengem Blick ging der Wertermittler durch den Garten und diktierte uns eine immer länger werdende Mängelliste. Giersch aus der Hecke entfernen: 25 Stunden. „Sagte er eben 25 Stunden?“, schrie eine Stimme in mir. Junge Eiche entfernen. Hecke schneiden ... Meine Freundin hatte jedenfalls Mühe, alles in ihr iPhone einzugeben. Mehrfach trafen sich unsere erstmals zweifelnden Blicke – erstmals dachten wir, dass ein eigener Garten aufgrund der offenbar unterschätzten Arbeit vielleicht doch keine so gute Idee war. Ein kurzes Vieraugengespräch am Rande der Wertermittlung ergab aber: Wir gehen das Risiko ein. Übrigens: Ein mehrere Meter hoher Apfelbaum, der Hunderte von Früchten trug, ist gerade einmal zwei Euro wert. Das fand ich schon enttäuschend. Die noch am Baum hängenden Äpfel waren schließlich schon weitaus mehr wert.

Gärtnerin ist voll „in“

Sehr überraschend war für uns, dass offenbar vermehrt junge Menschen Gefallen an einem Kleingarten finden. Mehrere junge Leute zwischen 25 und 35 meldeten sich mit uns beim Verein an – jung in Relation zum Klischee des typischen Kleingärtners über 65 Jahren. Und zu unserer Verwunderung fanden alle Freunde und Familienmitglieder es toll, dass wir unter die Kleingärtner gegangen waren. Schließlich hätte ich mich vor 15 Jahren noch selbst für die Idee verprügelt und als Spießer bezeichnet. Aber alle, denen wir vom Garten erzählten, fanden es toll. Erst recht, nachdem bekannt wurde, dass wir einen Grill haben.

Endlich ran ans Werk

Als dann endlich alles unterschrieben war, ging es ans Werk. Erst mal in den Baumarkt: Blumenzwiebeln kaufen, einen Komposter und sonstigen Bedarf wie etwa Handschuhe. Ein paar Gartengeräte sowie Geschirr für die Hütte bekamen wir für ein paar Euro bei der Möwe. In Anbetracht der langen Mängelliste luden wir Freunde und Familie an einem Samstag zum Helfen mit Grillen in den Garten ein; doch das miese Wetter machte uns einen Strich durch die Rechnung. Dabei hatten wir unseren ärgsten Feind schnell ausgemacht: Giersch. Doch dazu mehr im nächsten Teil ...

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