„Wir brauchen keine Musterschüler“ Erwin Wagenhofer stellt seine Doku „Alphabet“ vor

„Alphabet“-Regisseur Erwin Wagenhofer. Foto: Egmont Seiler„Alphabet“-Regisseur Erwin Wagenhofer. Foto: Egmont Seiler

Osnabrück. Züchten unsere Bildungssysteme uniforme Leistungsträger heran? Mit dieser These tritt Erwin Wagenhofers Dokumentation „Alphabet“ an. Die Vorpremiere im Cinema-Arthouse war ausverkauft.

Wie viele Zuschauer in der Bildung arbeiten würden, will eine junge Zuschauerin wissen. Nicht mal zehn Finger im voll besetzten Kinosaal des Cinema-Arthouse gehen in die Höhe. Auch wenn nicht deutlich wurde, was die Frau mit der Frage bezweckte: Es dürften wesentlich mehr Kinobesucher an diesem Sonntagmittag bei der Vorpremiere von „ Alphabet “ gewesen sein, die irgendwas mit Bildung machen.

Die ab Donnerstag bundesweit in den Kinos zu sehende Dokumentation des Österreichers Erwin Wagenhofer stellt die PISA-Studie auf den Kopf. Während überall gewetteifert wird, möglichst gut in der Schulleistungsstudie abzuschneiden, wirft der Regisseur einen Blick auf deren Schattenseiten. In China etwa, das mehrfach am besten abschnitt, können die Schüler zwar gut auswendig lernen. Ihre Kreativität und ihre Fähigkeit zum unkonventionellen Denken verkümmern dagegen.

Die These des Films lässt sich so zusammenfassen: Ziel der heutigen Schulbildung ist es, leistungsfähige Schüler heranzuzüchten, wie Unternehmen wie McKinsey sie sich wünschen. So wird etwa gezeigt, wie junge Nachwuchskräfte bester Chief Executive Officer (CEO) werden wollen. Überhaupt stellt Erwin Wagenhofer seine Schulkritik in den Zusammenhang mit Berufswelt und Hirnforschung.

Die starke These lässt nicht unberührt. So jedenfalls könnten die Reaktionen bei der Vorpremiere gedeutet werden. Wagenhofers Dokumentation erntete vor allem Beifall und Zuspruch. Kritik kam eher verhalten, etwa mit Fragen, wie das Bildungssystem sich denn verändern lasse und dass es doch auch alternative Schulen mit ganzheitlicheren Vorstellungen von Bildung oder die Sinn-Stiftung gebe. Letztere schafft Lebenslernorte für nachhaltige Entwicklung. Genauso gab es auch Bekräftigung: Der Film müsse an Hochschulen gezeigt werden, wo die Pädagogen von morgen ausgebildet würden, forderte eine Zuschauerin.

„Wir brauchen keine Musterschüler, wir brauchen Rulebreaker (Regelbrecher)“, forderte Regisseur Wagenhofer. Der 52-Jährige („ We Feed the World “ und „ Let’s Make Money “) ist überzeugt, dass es ein neues System braucht, eines, in dem nicht uniforme Leistungsträger herangezüchtet werden und in dem es nicht um Konkurrenz, sondern um Verbundenheit geht. „Kultur der Liebe“ statt „Kultur der Angst“ nennt das im Film Pablo Pineda Ferrer, der erste Europäer mit Downsyndrom, der einen Hochschulabschluss machte und den Wagenhofer beim Osnabrücker Publikumsgespräch zitierte.

Wer unter Pädagogen den Film eventuell persönlich nimmt, konnte zum Schluss beruhigt sein. „Das ist kein Film gegen Schule und Lehrer“, sagte Hermann Thieken, Geschäftsführer des Cinema-Arthouse. „Ein gutes Schlusswort“, bestätigte Erwin Wagenhofer.


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