Dokumentation „Salma“ mit dem Friedensfilmpreis ausgezeichnet

Das Schicksal und Aufbegehren der zwangsverheirateten Inderin Rajathi Samsudeen schildert der preisgekrönte Film „Salma“. Foto: Michael GründelDas Schicksal und Aufbegehren der zwangsverheirateten Inderin Rajathi Samsudeen schildert der preisgekrönte Film „Salma“. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. Die Jury hat entschieden: Der Friedensfilmpreis der Stadt Osnabrück geht in diesem Jahr an Kim Longinotto für ihre Dokumentation „Salma“. Der britisch-indische Film setzt sich mit dem Problem der Zwangsheirat auseinander, die in der muslimischen Bevölkerung Indiens zur Tradition gehört. Geschildert wird die Geschichte von Rajathi Samsudeen, die den Preis am Sonntagabend in der Lagerhalle entgegennahm.

Der Film „Salma“ ist ein bedrückendes Dokument. Für Europäer ist es schwer vorstellbar, wie junge Frauen in Südindien ihrer Freiheit beraubt werden. Der beschriebene Fall ist symptomatisch: Mit 13 Jahren wird Salma alias Rajathi Samsudeen von ihren Eltern in einem kleinen Raum eingesperrt, um auf ihre Ehe mit einem ihr fremden Mann vorbereitet zu werden. Doch Salma begehrt auf: Sie weigert sich, in die Ehe einzuwilligen. Daher wird sie neun Jahre wie eine Gefangene davon abgehalten, am öffentlichen Leben teilzunehmen. Ihren Wunsch, weiter zur Schule zu gehen oder gar zu studieren, muss sie begraben. „Es ist ein Problem in den ländlichen Kreisen Südindiens. Dort sind die muslimischen Traditionen so stark verwurzelt, dass es kaum ein Entkommen gibt“, sagt Rajathi Samsudeen.

Ihr ist der Bruch gelungen. In ihrer Abgeschiedenheit beginnt sie, Gedichte zu schreiben. Auf Papierfetzen, die sie vor ihrer Familie verstecken muss. Als sie mit 22 Jahren doch in die Heirat einwilligt, schreibt sie weiter, geheim, weil auch ihr Mann ihr Handeln strikt ablehnt. Es gelingt ihr, die Verse einem Verleger zuzuspielen, der sie veröffentlicht. Das Buch macht sie zu einer der einflussreichsten Poetinnen im tamilischen Sprachgebiet.

„Mein Verleger Urvashi Buttalia hat mein Buch auf einer Konferenz in Delhi vorgestellt, an der auch die britische Filmemacherin Kim Longinotto teilnahm“, erzählt die heute 44-jährige Autorin. Nach deren Rückkehr nach London habe sie eine Mail von Longinotto erhalten, in der sie ihr die Idee zu dem Film schilderte. Drei Monate filmte die Britin schließlich in Samsudeens Heimatdorf und in Chennai, ihrem jetzigen Wohnort. Dort lebt sie mit ihren beiden erwachsenen Söhnen.

War die Veröffentlichung des Gedichtbandes der erste bedeutende Einschnitt in ihrem Leben, so brachte die Filmdokumentation über ihr Schicksal als junge Frau weitere tief greifende Veränderungen mit sich. Heute arbeitet Rajathi Samsudeen für die Organisation „Your Hope Is Remaining“, mit der sie sich für die Rechte der Frauen einsetzt. „Ich zeige den Film ,Salma‘ in Schulen und an Universitäten, damit der Tradition der Zwangsheirat ein Ende gesetzt wird“, sagt sie. Um die Schulvorführungen finanzieren zu können, bekommt sie Unterstützung von Amnesty International. „Ich habe das Gefühl, dass ich etwas verändern kann“, so Rajathi Samsudeen. Obwohl ihre Familie ihr Handeln immer noch ablehne, werde sie nicht zuletzt wegen der internationalen Anerkennung ihrer Aktivitäten akzeptiert.

Fünf Awards hat der Film verliehen bekommen, unter anderem wurde er beim renommierten Sundance Film Festival in Utah ausgezeichnet und auf der Berlinale gezeigt. Der Friedensfilmpreis der Stadt Osnabrück, der ihm jetzt verliehen wurde, ist mit 5000 Euro dotiert, gespendet von der Sievert-Stiftung für Wissenschaft und Kultur.


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