Tradition in Osnabrück Steckenpferdreiten bleibt ewig jung

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Osnabrück. Am 22. Oktober 1948 ritten knapp einhundert Jungen auf Steckenpferden durch die zerstörte Osnabrücker Altstadt und erhielten hinterher etwas Gebäck, Anlass war der 300. Jahrestag des Westfälischen Friedens. Zwischenzeitlich auf den 25. Oktober verlegt und auch Mädchen zugänglich gemacht, ist das Osnabrücker Steckenpferdreiten längst fester Bestandteil im lokalen Traditionskanon. Angestaubt ist es dabei kein bisschen: Jahr für Jahr wiederholen die Viertklässler schließlich den Ritt auf dem Steckenpferd, rund 1400 waren es gestern bei der 63. Auflage.

Im Zeichen des Steckenpferdes steht zunächst mal der Platz um die Johanniskirche: Bevor sich die Reiter von dort auf den Weg zum Rathaus machen, ordnet Oberbürgermeister Wolfgang Griesert das Geschehen in einen größeren Zusammenhang ein: „Ihr reitet, weil ihr ein Zeichen setzt für den Frieden, und ihr erinnert daran, dass der Friede das Wichtigste ist.“ Dann setzt sich der Zug in Bewegung.

63 Jahrgänge haben in Osnabrück mittlerweile die Idee des Steckenpferdreitens mit Leben gefüllt. Man könnte fast von einer Art Initiationsritus sprechen, oder auch von einem Band, das die Generationen verknüpft: Der Weg der Steckenpferdreiter durch die Stadt ist gesäumt von Geschwistern, Eltern und Großeltern, von denen viele selbst mal irgendwann dabei waren. Bis heute immer wieder mal dabei ist Christel Zumsande: Die Lehrerin der Anne-Frank-Schule ist gebürtige Osnabrückerin, als Schülerin habe sie 1963 oder 1964 am Steckenpferdreiten teilgenommen: „Damals durften die Mädchen noch keine Steckenpferde haben, sondern mussten Laternen tragen. Das fand ich blöd.“ Achtmal sei sie seitdem als Grundschullehrerin hautnah bei den Umzügen dabei gewesen, längst reiten auch die Mädchen auf Steckenpferden, und auch sonst habe sich vieles geändert: „Das Drumherum ist viel bunter, es gibt Live-Musik und eine große Bühne.“

Demgegenüber stehen als Konstanten die Steckenpferde, aber auch der Bezug zur Stadtgeschichte. „Wir haben im Sachunterricht über den Dreißigjährigen Krieg gesprochen, das Rathaus besichtigt und die ganzen Hintergründe kennengelernt“, schildern ihre Schüler Bastian und Arno Inhalte, die damals wie heute mit dem Steckenpferdreiten verknüpft sind. Für andere lebt im Steckenpferdreiten nicht nur ein Stück Tradition oder eine Kindheitserinnerung wieder auf, vielmehr eröffnet es den Zugang zu einer ganz neuen Kultur: Zum wiederholten Mal nahmen auch Schüler der Ismail-Kaymak-Schule aus Osnabrücks türkischer Partnerstadt Çanakkale teil.

„Wir haben uns im Unterricht mit der Geschichte Osnabrücks und dem Westfälischen Frieden beschäftigt“, sagt Lehrerin Selma Cambaz Özdemir. Sie selbst sei im Osnabrücker Land geboren und kenne den Brauch. Für ihre Schüler mache der Aufenthalt in Osnabrück nicht nur Tradition und Kultur greifbarer: „Für die ist das auch einfach ein Riesenspaß.“

Ehe alle Reiter auf dem Marktplatz eintreffen, vergeht eine ganze Zeit: 1400 Grundschüler heißt 1400 Brezeln, die auf der Rathaustreppe verteilt werden. Stephan Rodefeld und die Queen Swing and the Rock’n Royals sorgen für musikalische Kurzweil, ehe in einer multimedialen Farbperformance in den Rathausfenstern das große Thema, der Friede, noch einmal aufgegriffen wird: Das Stück „Der Streit der Farben“ erzählt die Geschichte der Farben, die durch Selbstsucht und Größenwahn die Vielfalt des Farbspektrums zu zerstören drohen.


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