Wohnungsnot im Wintersemester Osnabrück: Studenten ziehen ins Pflegeheim

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Osnabrück. Die Wohnungsnot der Studenten in Osnabrück treibt seltsame Blüten. Mangels Alternative zogen jetzt zwölf Studienanfänger in ein Pflegeheim ein. Im Katharina-von-Bora-Haus im Stadtteil Sonnenhügel finden sie zumindest bis Ende Dezember eine Bleibe.

Die Zimmer sind möbliert, die Lage am Bürgerpark ist exquisit, der Mietpreis anständig. 250 Euro warm zahlen die Erstsemester monatlich für 20 Quadratmeter – eigenes Bad und gemeinschaftliche Wohnküche samt Industriespülmaschine für den 18-Minuten-Abwasch inklusive. Den ständigen Kontakt zu acht teils pflegebedürftigen Menschen jenseits der 70, die mit den Studenten auf einem Flur leben, gibt es gratis.

Win-win-Situation

„Bunter geht es nicht“, sagt Pflegeleiter Kai Wiese über die wohl kurioseste Wohngruppe des Wintersemesters. Vorgesehen waren die Räume eigentlich für Patienten aus der Kurzzeitpflege. Weil die ihr neues Domizil an der Veilchenstraße aber erst im Januar beziehen, verhindert Wiese mit der Übergangsnutzung einen langen Leerstand. Und hilft verzweifelten Studenten, die gegenwärtig in die Stadt strömen, aus einer schier ausweglosen Lage. „Die haben sich in Osnabrück zum Teil furchtbare Butzen für teures Geld angeschaut. Einer sagte mir, ohne uns hätte er auf den Campingplatz ausweichen müssen.“

Offene Türen rannte Wiese deshalb ein, als er vor gut einem Monat – kurz vor Semesterbeginn – das Studentenwerk Osnabrück um Hilfe bei der Vermittlung bat. Dort ist man angesichts restlos gefüllter Studentenwohnheime und langer Wartelisten für zusätzliche Angebote von privaten Vermietern immer dankbar. Binnen weniger Tage seien alle zwölf Zimmer vergeben gewesen, berichtet Wiese. Manche Studenten unterschrieben zunächst für zwei Wochen, andere direkt bis Jahresende. Ende September zogen die Ersten ein. Inzwischen haben sich drei Männer und neun Frauen um die 20, die unter anderem Lehrer, Arzt oder Wirtschaftswissenschaftler werden wollen, häuslich eingerichtet.

„Lustiger Gedanke“

Eine von ihnen ist Helen Overkamp. Die 19-Jährige aus Iserlohn im Sauerland studiert Psychologie und ist seit dem 13. Oktober hier. Wochenlang hatte sie nach einer geeigneten und bezahlbaren Unterkunft Ausschau gehalten, ein WG-Zimmer so gut wie sicher. Als daraus kurz vor Beginn der Vorlesungszeit plötzlich doch nichts wurde, gab eine befreundete Mitbewohnerin den Tipp, sich ebenfalls im „Kabo“ zu bewerben. Mit Erfolg: Bis zum 15. November hat sie jetzt ein festes Dach über dem Kopf – Verlängerung möglich. „Ich bin total erleichtert, endlich was gefunden zu haben“, sagt Overkamp. Auch wenn der Gedanke, in einem Pflegeheim zu wohnen, sie und ihre Familie zunächst sehr amüsiert habe. „Vom Elternhaus ins Altenheim – vor allem meine Mutter fand das ziemlich witzig.“

Das Zimmer im Katharina-von-Bora-Haus genüge ihren bescheidenen Ansprüchen jedoch voll und ganz. „20 Quadratmeter, eigenes Duschbad – das ist doch Luxus für einen Studenten.“ Dass sie in ihrer Interimsbleibe auf Fernseher und Festnetzanschluss verzichten muss, falle ihr nicht schwer. Overkamp: „Dann lese ich halt ein Buch oder sitze mit den anderen in der Küche und plaudere.“ Vielleicht erübrigt sie ja sogar etwas Zeit für Unternehmungen mit den Senioren von nebenan. Gisela Armborst, 78 Jahre alt und seit 2005 im Katharina-von-Bora-Haus, würde sich bestimmt sehr darüber freuen. „Ganz toll“, findet sie die unerwartete Gesellschaft der „fleißigen jungen Menschen“ und stellt sich das Zusammenleben „sehr schön“ vor. Bei einer spontanen Begegnung auf dem Flur spricht sie gleich eine Einladung aus: „Komm doch morgen mit mir in die Stadt ein Eis essen – ich nehme dich umsonst im Taxi mit.“

Partys erlaubt

Übrigens: Kochen und putzen müssen die Studenten, anders als die übrigen Heimbewohner, selbst. Außerdem dürfen sie an den Zimmern nichts verändern. Ein Partyverbot hat Pflegeleiter Wiese jedoch nicht verhängt. „Erstsemester benehmen sich noch in den ersten Wochen“, erinnert er sich an seine eigene Studienzeit in Osnabrück Mitte der Nullerjahre. „Erst danach wird es schlimmer.“ Und dann seien die Studenten ja bereits wieder ausgezogen.


Auch in anderen Universitätsstädten weichen Studenten angesichts der Wohnungsnot in Altenheime aus. Laut Medienberichten ist das in Norddeutschland unter anderem in Kiel und Hannover der Fall, darüber hinaus unter anderem in Köln in Saarbrücken. Mancherorts weichen die Studienanfänger sogar in Hotels, Jugendherbergen und Turnhallen sowie auf Zeltplätze oder auch in Wohncontainer aus. Selbst von ausrangierten Eisenbahnwaggons und Kleinbussen als Unterkunft wird berichtet.

Kurz nach Beginn der Vorlesungszeit suchen noch immer viele Studienanfänger eine preiswerte Bleibe in Osnabrück. Mitte Oktober standen 600 Studenten auf der Warteliste des Osnabrücker Studentenwerks. Ein Zimmer in den 23 Wohnheimen finden sie nicht mehr. Die 1500 Plätze sind bereits vergeben. Nach Auskunft von Geschäftsführerin Birgit Bornemann entspanne sich die Lage jedoch zusehends. Die private Wohnraumvermittlung des Studentenwerks kenne noch um die 50 Adressen von Bürgern, die Zimmer vermieten. Interessierte können sich unter der Telefonnummer 0541/33107-30 melden.

Das Diakoniewerk Osnabrück, zu dem auch das Pflegeheim Katharina-von-Bora-Haus im Stadtteil Sonnenhügel gehört, ist wie die Caritas ein kirchlicher Wohlfahrtsverband. Es betreibt in der Stadt und der Region insgesamt 20 Einrichtungen des Gesundheitswesens, der Jugendhilfe und der Altenhilfe. Träger der gemeinnützigen Gesellschaft sind die Kirchenkreise Osnabrück, Georgsmarienhütte, Melle, Bramsche und Bentheim.

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