Studenten erzählen über ihre Mitgliedschaft Alltag einer schlagenden Osnabrücker Verbindung

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Osnabrück. Zu Beginn des neuen Semesters strömen Tausende neuer Studenten an die Universität Osnabrück. Sie suchen günstige Wohnungen und neue Freunde. Einige Erstsemester finden beides bei Studentenverbindungen wie der „Landsmannschaft Marchia Berlin zu Osnabrück im CC“.

Die Klinge bewegt sich so schnell, dass man ihr kaum folgen kann. Immer wieder trifft sie eine mit Leder bezogene Kugel, die auf Kopfhöhe auf einer Stange befestigt wurde. Fabian Schöpke drischt mit seinem Säbel auf die Kugel ein. Das Metall vibriert. Immer wieder fliegen Lederfetzen durch die Luft. Genauso hat Kai Elfring sich für seine erste Mensur aufgewärmt.

Die beiden jungen Männer sind Verbindungsstudenten in Osnabrück und haben beide bei der „Landsmannschaft Marchia Berlin zu Osnabrück“ fechten gelernt. Für Elfring keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Der damals 19-Jährige hatte sich zu Beginn seines Jurastudiums in Osnabrück bewusst gegen schlagende Verbindungen wie die Marchia entschieden. „Das war mir suspekt, das war mir fremd“, sagt er. Obwohl er einer Verbindung beitreten wollte, fühlte sich der junge Student bei keiner der fünf Osnabrücker Verbindungen wohl. Auf ein billiges Zimmer im Verbindungshaus war er nicht angewiesen. Er wohnt zusammen mit einem Schulfreund in einer WG in der Nähe der Uni.

Erst im vierten Semester trat Elfring einer Verbindung bei – allerdings nicht in Osnabrück, sondern in Paderborn. Ein Freund hatte ihn auf die Akademische Jagdcorporation Nimrod zu Paderborn im WJSC aufmerksam gemacht. Die Tradition der Verbindung sowie die Möglichkeit, über den Tellerrand hinauszuschauen, hätten ihn gereizt, erklärt der junge Student.

Im Gegensatz zur „freischlagenden“ Jagdcorperation, die es ihren Mitgliedern freistellt, zu fechten oder nicht, fordert die Marchia als „pflichtschlagende Verbindung“ von ihren Mitgliedern drei Mensuren, also Fechtkämpfe mit scharfen Waffen. Sie seien jedoch nicht als Wettkampf oder Duell zu verstehen, erklärt Fabian Schöpke: „Man ficht miteinander, nicht gegeneinander.“

Die Mensur soll den Zusammenhalt innerhalb der Gemeinschaft stärken und zeigen, dass der Paukant – also der Fechter – bereit ist, für die Verbindung einzustehen. „Man vertraut den Leuten so unglaublich, dass man für sie sogar den Kopf hinhält“, sagt Kai Elfring, der vor Kurzem seine erste Mensur gefochten hat.

Zu Beginn des Trainings werden die beiden Studenten in eine Schutzausrüstung eingepackt, damit sich niemand ernstlich verletzt. Sie legen einen Stulp an, der den Fechtarm schützt. Ein weiterer Verbindungsstudent hilft Kai Elfring die Paukweste anzulegen und schließt sie am Rücken. Das dick wattierte Kleidungsstück schützt den Oberkörper vor Treffern. Zur Mensur muss Elfring zusätzlich ein Kettenhemd tragen.

Sein Paukteam legt ihm eine Halskrause an, die Blutgefäße und Nerven vor Verletzungen schützt, und setzt ihm eine sogenannte Paukbrille auf, die Augen und Nase abdeckt.

Rund vier Monate hat Kai Elfring trainiert, um sich auf diesen Moment vorzubereiten. „Man übt, und irgendwann hat man sich damit abgefunden, dass man keine Angst mehr hat“, erzählt Elfring. Als die Mensur immer näher rückt, übt der Verbindungsstudent vier- bis fünfmal pro Woche. „Das hat dann auch meinen Tagesablauf mitbeeinflusst“, erzählt Elfring. Als es dann ernst wird, ist der junge Student trotz aller Vorbereitung aufgeregt. „Man kriegt diese Brille aufgesetzt, man weiß, man steht einer scharfen Waffe gegenüber“, schildert der 22-Jährige seine Gefühle kurz vor dem Kampf.

Bei der eigentlichen Mensur geht dann plötzlich alles ganz schnell. Genau wie beim Training im Garten ertönt zuerst das Kommando „Hoch bitte! Fertig! Los!“. Dann beginnen die beiden Paukanten, die Säbel über ihren Köpfen zu schwingen. Die Klingen verwischen und scheinen manchmal sogar ganz zu verschwinden, so schnell werden sie durch die Luft gewirbelt. Läuft alles gut, trennen sich die beiden Paukanten nach dem ungefähr 15 Minuten langen Kampf unverletzt, berichtet Fabian Schöpke, der bereits mehrere Mensuren geschlagen hat: „Wenn beide alles richtig machen, geht es nicht darum, die Gegenseite zu verletzen.“

Kai Elfring zieht sich bei seiner ersten Mensur eine Schnittwunde an der Stirn zu, sein Gegner kassiert ebenfalls einen Schmiss, also eine Schnittwunde im Gesicht. Elfrings Verletzung muss mit drei Stichen genäht werden, bei seinem Gegner reicht ein Stich, um die Wunde zu verschließen. Nach 17 von 30 Runden bricht die Gegenseite den Kampf ab. „Ich glaube, er hatte einfach ein bisschen Angst“, kommentiert Kai Elfring, während er stolz ein Foto präsentiert, auf dem man ihn nach der Mensur sieht: Arm in Arm mit seinem Gegner, beiden läuft das Blut über das Gesicht. „Man stellt sich das schlimmer, vor als es ist“, fügt er angesichts des martialischen Fotos hinzu. „Man ist so mit Adrenalin vollgepumpt, dass man das gar nicht spürt.“

Immer wieder muss er sich mit Vorurteilen auseinandersetzen. „Meine Eltern waren nicht begeistert“, erzählt er. Bei seinen Freunden stoße schon die Tatsache, dass er in einer Verbindung sei, auf Unverständnis. Fabian Schöpke betont hingegen, dass das Image der Verbindungen in Osnabrück eher positiv sei. In jeder Studentenstadt gebe es „eine verschwindend geringe Minderheit“, die Verbindungsstudenten als Feindbild betrachtet, erzählt er. Den Vorwurf, nationalistisch, frauenfeindlich und gewaltverherrlichend zu sein, weist Schöpke weit von sich. Weder er noch Elfring erwecken den Eindruck, solche Klischees zu erfüllen. Trotz aller Vorurteile will Kai Elfring weiter Mensuren fechten. „Es hat Spaß gemacht“, sagt der 22-Jährige.


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