Gegen die Wegwerfgesellschaft Junge Menschen „containern“ in Osnabrück

Ein Teil der „Beute“ der Lebensmittelretter – die Ware ist zuvor in Osnabrücker Supermarkt-Containern gelandet, weil sie Druckstellen hatte oder weil das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist.Foto: Esther GardeiEin Teil der „Beute“ der Lebensmittelretter – die Ware ist zuvor in Osnabrücker Supermarkt-Containern gelandet, weil sie Druckstellen hatte oder weil das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist.Foto: Esther Gardei

Osnabrück. Eine Gruppe von jungen Osnabrückern fischt nachts Lebensmittel aus Containern. Ihr übergeordnetes Ziel: ein Ende der Wegwerfgesellschaft.

Zwei Stunden haben sie auf die Dunkelheit gewartet. Angespannt schaut Nina (alle Namen von der Redaktion geändert) auf die Uhr. Sieben Personen stehen neben ihr auf einem Platz in der Altstadt. Das milchige Licht der Straßenlaternen stört, denn sie wollen nicht erkannt werden. Sie sind zwischen 20 und 30 Jahre alt, sportlich gekleidet; zwei mit Fahrrädern, andere zu Fuß.

Einer nickt mit dem Kopf, und das ist das Zeichen. Jetzt geht es los zur ersten Supermarktkette. Die Gruppe möchte heute Abend „containern“, also weggeworfene Lebensmittel aus Mülltonnen holen, um sie vor der Vernichtung zu retten. Beim ersten Supermarkt angekommen, geht es über den nächtlichen Parkplatz. Das Ziel befindet sich hinter dem Haus. Plötzlich gehen Scheinwerfer an. Nervöse Blicke werden ausgetauscht. „Das ist nur die Automatik, hier ist keiner mehr“, flüstert Nina.

Die Gruppe schleicht sich zu den Containern. Ein Zaun versperrt den Weg, doch trotz eines Fahrradschlosses kann man die Türen einen ganzen Meter öffnen. So als wolle ein Supermarktmitarbeiter unbewusst den Zutritt vereinfachen. Julia, eine zierliche, blonde Studentin mit Jutebeutel, ist zum ersten Mal dabei. Sie wirkt erstaunlich ruhig, obwohl es doch in Deutschland verboten ist, Essen aus Mülltonnen zu holen – was zuletzt im März mehreren Jugendlichen ein Strafverfahren einbrachte, die beim Containern in Osnabrück erwischt und vom Inhaber eines Supermarktes angezeigt wurden, nicht zuletzt, weil sie beim Klettern auf das Grundstück versehentlich eine Tür beschädigt hatten. Da der Supermarkt-Chef seine Strafanzeige nach einem klärenden Gespräch zurückzog und es bei einem Hausverbot beließ, wurde das Verfahren gegen sie schließlich eingestellt.

Die Gruppe um Nina klettert nicht über Zäune, sie möchte nichts zerstören oder dreckig machen. „Wir brechen nirgendwo ein“, sagt die junge Frau. Sie hat den Kreis in Osnabrück vor etwa einem Jahr gegründet, die Mitgliederzahl wächst seitdem ständig. Das Prinzip ist einfach: Wer zu viele Lebensmittel hat, zum Beispiel Obst aus dem eigenen Garten, der kann es den anderen in der Gruppe anbieten. Für manche gehört auch Containern dazu.

„Freunde von mir arbeiten im Supermarkt und finden es grauenhaft, wie viel weggeworfen wird“, sagt Julia. Markus steht neben ihr und blickt sich um. „Sind nicht die großen Konzerne die eigentlichen Verbrecher?“, fragt er. Nina beugt sich mit der Taschenlampe über die Mülltonne und lacht. „Bananen können wir bis Weihnachten essen“, sagt sie und beginnt, die Lebensmittel unter dem Zaun durchzureichen. Julia ist draußen geblieben und nimmt sie entgegen. Sie ist überrascht, wie gut das Essen noch aussieht. Verwundert fängt sie an, die Lebensmittel in die Tüten zu packen: ein Bund Bananen nach dem anderen, Salat, Gurken, Tomaten, Birnen. Es nimmt schier kein Ende. „Reichen die Tüten? Ich hab sonst auch noch welche im Rucksack“, sagt Nina hinter dem Zaun.

Geldnot oder Idealismus

Markus hilft ihr beim Einpacken, prüfend betrachtet er das Obst: Wirklicher Müll scheint nicht dabei zu sein. Zumindest nicht in den Augen der Lebensmittelretter. Im Supermarkt sieht das anders aus. „Wenn ein Apfel einen Fleck hat, kauft ihn keiner“, sagt Markus, „und wenn eine Banane braun ist, wird oft der ganze Bund weggeworfen.“ Stephanie, Hartz-IV-Empfängerin und alleinerziehende Mutter dreier Kinder in Osnabrück, wandte sich einmal in Geldnot übers Internet an die Lebensmittelretter-Gruppe. Sie kann noch heute kaum glauben, wie viel Hilfe ihr angeboten wurde. Es meldeten sich viele und kamen mit Essenskörben oder Obst aus ihrem Garten vorbei: „Es war wie Weihnachten und Ostern zusammen. Meine Kinder haben sich so gefreut“, sagt sie.

Nina aus der Gruppe kann Geldsorgen gut nachvollziehen. Sie hat schon einmal auf der Straße gelebt. „Viele containern auch aus finanzieller Not“, sagt sie.

An einer Bushaltestelle teilen die Lebensmittelretter das gefundene Essen auf. Behutsam wird es auf den Sitzen ausgebreitet. „Braucht jemand noch Rucola? Ich hab einfach zu viel davon.“ – „Mag jemand Linsen?“ – „Könnte ich vielleicht den Joghurt mitnehmen?“ Heute war für die Gruppe ein guter Abend. „Lebensmittel sind für uns mehr als nur Waren“, sagt Markus und reicht Nina die Radieschen. Die lächelt und antwortet: „Und wir teilen mehr als nur Beute“.

Für sie ist es ein kleiner Sieg über die Wegwerfgesellschaft – und noch dazu ein leckerer.


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