Ein IQ-Test im Selbstversuch Wie intelligent bin ich?

Albert Einstein wird ein IQ von 148 nachgesagt. Fotos: dpa, Colourbox/Montage: Neue OZ/MichelAlbert Einstein wird ein IQ von 148 nachgesagt. Fotos: dpa, Colourbox/Montage: Neue OZ/Michel

Osnabrück. Die Frage nach der eigenen Intelligenz macht viele Menschen neugierig, ist aber auch mit Angst verbunden. Denn wer lässt gerne sein Gehirn testen und sein eigenes Können aufgrund von einigen Fragen bewerten? Der Selbstversuch unserer Zeitung soll zeigen, wie ein IQ-Test abläuft und wie ernst Probanden diesen nehmen müssen.

Es ist ein sonniger Samstagmittag, den ich in einem urigen Osnabrücker Wirtshaus verbringe. Ich bin jedoch nicht hier, um ein kühles Bier zu trinken oder mir ein leckeres Wiener Schnitzel zu gönnen. Denn heute geht es im Gasthaus Holling nicht um die Wurst, sondern ums Köpfchen. Der Hochbegabten-Verband Mensa bietet zu seinem Tag der Intelligenz, der seit 2008 immer um den 1.Oktober stattfindet, die Teilnahme an einem IQ-Test. „Normalerweise kosten diese Testungen rund 800 Euro pro Person“, weiß Kay-Detlev Brose, Testleiter der Osnabrücker Ortsgruppe. Heute können Interessierte sich für günstige 49 Euro der Herausforderung stellen.

„Wenn Sie wollen, dass Ihre Kinder intelligent werden, erzählen Sie ihnen Märchen. Wenn Sie wollen, dass Ihre Kinder hochintelligent werden, erzählen Sie ihnen noch mehr Märchen“, glaubte einst Albert Einstein, dem ein Intelligenzquotient von 148 nachgesagt wird. Wie ich an diesem Tag abgeschnitten habe, erfahre ich erst in drei Wochen. Sollte der berühmte deutsche Physiker allerdings recht haben, stehen meine Chancen vielleicht doch nicht so schlecht. Schneewittchen, Dornröschen oder Hans im Glück – an Märchen mangelte es mir in meiner Kindheit nicht. Im Haus meiner Eltern reihten sich die fantasievollen Geschichten der Gebrüder Grimm und Hans Christian Andersens im Bücherregal aneinander. Zum Einschlafen erzählte mir meine Großmutter vom Wolf und den sieben Geißlein oder von Rotkäppchen. Und auch als ich bereits selber lesen konnte, blieben die Geschichte von Prinzen, Hexen und verwunschenen Gestalten meine große Leidenschaft. In der vierten Klasse gewann ich gar einen Lesewettbewerb zu diesem Thema. Ganze 138 Märchen vermerkte ich auf meiner langen Liste, ungläubig schauten mich meine Klassenkameraden an: „Du hast doch bestimmt geschummelt.“

Ob das als Vorbereitung auf den IQ-Test reicht? Ich bleibe skeptisch und nehme an den dunklen Tischen im oberen Stockwerk des Gasthauses Platz. Eine Dame wird sich gemeinsam mit mir den kniffligen Fragen stellen. Sie sei nicht aufgeregt, erzählt sie mir. Ende der 1960er-Jahre habe sie für einen Einstellungstest in Hannover schon einmal einen Fragenmarathon absolviert. Heute, mehr als 40 Jahre später, will sie es wieder wissen. „Außerdem wollte ich so einen Intelligenztest schon immer mal machen“, gibt die Frau zu, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will.

Kurz bevor es losgeht, fragt eine Kellnerin in Lederhose noch, ob wir ein Getränk bestellen möchten. Wir ordern ein Glas Wasser. Schließlich besteht unser Gehirn überwiegend daraus. Zudem soll Wasser die Konzentration steigern – ich bin gespannt, ob es wirkt. Während die Kohlensäure in meinem Glas vor sich hin sprudelt, erklärt Kay-Detlev Brose die Regeln. „Hilfsmittel sind in der nächsten Stunde nicht erlaubt“, ordnet er an. „Bitte schalten Sie Ihre Handys aus.“ Meine Leidensgenossin und ich müssen uns trennen. Außer einem Blatt Papier für Notizen, dem Testbuch und einem Testbogen, auf dem wir unsere Antworten per Kreuz vermerken müssen, bleiben die Tische leer. Fast fühle ich mich zurückversetzt in meine Schulzeit, als ich schnell nach einem Stift suche. Die Dame gegenüber rückt ihre Brille zurecht, dann geht es endlich los: Als wir die erste Seite des Heftes aufschlagen, steigt meine Nervosität. Dabei habe ich einen ähnlichen Test bereits vor drei Jahren schon einmal gemacht. Für eine Freundin, die Psychologie an der Universität Wien studierte, sprang ich als Ersatzproband ein. Ganze vier Stunden musste ich knobeln und rechnen. Dagegen erscheint die heutige einstündige Testung knackig-kompakt. Und auch wenn ich diesen IQ-Test locker nehme, möchte ich trotzdem eine gute Leistung bringen. Denn am Ende des Tages wollen wir vieles, aber eines sicher nicht: unintelligent oder, salopp formuliert, strohdumm sein.

Im Gasthaus Holling werden von Testleiter Brose unsere sprachlichen, optischen und mathematischen Fähigkeiten überprüft. „Machen Sie sich keine Sorgen, wenn Sie nicht alle Fragen beantworten können“, beruhigt Brose zu Beginn. Einerseits würden die Aufgaben immer schwieriger, andererseits seien sie so konzipiert, dass es nur hochintelligente Menschen innerhalb der vorgegebenen Zeit schaffen. Bevor wir mit der ersten Aufgabe starten, geht Brose ein Beispiel mit uns durch. „Haben Sie alles verstanden?“, fragt er in die kleine Runde. Wir nicken konzentriert und zücken unsere Kugelschreiber. „Wunderbar. Dann haben Sie ab jetzt vier Minuten Zeit.“

Jede Aufgabe wird einzeln angekündigt, besprochen und dann das Zeitlimit angegeben. Als ich mehrere Würfel mit verschiedenen Mustern auf der Seite entdecke, graut es mir. Jede Würfelseite hat ein anderes Muster, fünf Würfel sind vorgegeben. Ein sechster ist am Rand der Aufgabe platziert. Unsere Aufgabe: Wir sollen ankreuzen, welche beiden Würfel identisch sind. Im Kopf drehe ich die quadratischen Kästen hin und her. Wider meine Erwartungen fällt mir diese Aufgabe nicht wirklich schwer. Vielleicht bin ich im räumlichen Denken doch nicht so schlecht?

Mit einer Zahlenschlange muss ich mich wenig später befassen. Mehrere Ziffern reihen sich aneinander. Als Testpersonen sollen wir den Algorithmus herausfinden und die letzte Zahl der Reihe benennen. Nun kommt das leere Blatt Papier zum Einsatz. Völlig vertieft rechne ich vor mich hin, überlege mir Zahlenschritte. Sobald ich glaube, die richtige Ziffer erkannt zu haben, kreuze ich diese auf dem Antwortbogen an. Leider vergesse ich dabei, auf die Aufgabennummern zu achten. Als ich die siebte Zahl eintragen möchte, bemerke ich, dass ich bereits in Reihe neun gekreuzt habe. Vollkommen verwirrt versuche ich, mir einen Überblick zu verschaffen. Doch das kostet Zeit. Als Kay-Detlev Brose uns bittet, die Aufgabe zu beenden, habe ich zwar alle Zahlen wieder richtig verteilt, aber nur 70 Prozent der Aufgabe absolviert. Ich ärgere mich. So eine Unachtsamkeit darf mir nicht noch einmal passieren. Mein Ehrgeiz ist geweckt.

Als Nächstes folgt eine Merkaufgabe. Verschiedene Produkte aus unterschiedlichen Ländern mit variierenden Markennamen und Preisen sind aufgelistet. Nun bleiben zwölf Minuten Zeit, sich die Waren einzuprägen. Das ist ja wie Vokabelnlernen, merke ich und versuche, Denkbrücken zu bilden. Zwei Aufgaben später werden die Listen wieder abgefragt: Aus welchem Land kommen Produkte für 14,99 Euro? Gute Frage, denke ich und kreuze Deutschland an. Sicher bin ich mir aber nicht. Die sprachlichen Aufgaben machen für mich an diesem Tag den wenigsten Sinn. Während ich die Suche nach artverwandten Wörtern einigermaßen meistere, fällt es mir wahnsinnig schwer, Beziehungen zwischen verschiedenen Ausdrücken zu finden. Denn oft empfinde ich mehrere Wörter als passend. Diese letzte Aufgabe ist alles andere als zufriedenstellend. Dabei dachte ich, besonders im sprachlichen Zweig glänzen zu können.

Dafür gibt es am Ende des Tests aufmunternde Worte von Kay-Detlev Brose: „Na, das sind aber viele Kreuze. Sieht doch gut aus!“ – „Nun müssen sie nur noch alle richtig sein“, entgegne ich lachend und würde am liebsten jetzt schon mein Ergebnis erfahren. Doch drei lange Woche noch muss ich mich in Geduld üben. Ein unabhängiger Psychologe wird unsere Leistungen auswerten, unser IQ-Wert wird dann ganz klassisch mit der Post zugestellt.

Kay-Detlev Brose rät, das Ergebnis nicht zu ernst zu nehmen. „Egal, welches Resultat man erreicht, die Welt sollte deswegen nicht zusammenbrechen.“ Ab einem Intelligenzquotienten von 130 gilt ein Mensch als hochbegabt. Ein Wert, den nur zwei Prozent der Bevölkerung erreichen. Der Durchschnitt liegt bei 100. Wobei auch dieser trainierbar sei. „Gehirnjogging oder Sudoku – das alles hilft, um sich zu fördern“, sagt Brose, der seit 1981 Mitglied im Hochbegabten-Verein Mensa ist und stolz erzählt, noch persönlich von einem deutschen Mensa-Gründer getestet worden zu sein.

Vor allem in England und Amerika hat der elitäre Club viele Mitglieder. Hier häufen sich die Meldungen über hohe IQ-Werte. Erst kürzlich wurde einer dreijährigen Engländerin ein IQ von 162 bescheinigt. Eine Entwicklung, die Brose kritisch sieht. Denn die Aufgaben seien „in diesen Regionen“ sehr einseitig, sodass hohe Werte schnell getestet werden könnten. Einen anderen Nutzen als den, mehr über eigene Stärken und Schwächen zu erfahren, sieht der Testleiter in dem Wissen über den eigenen IQ-Wert übrigens nicht. „Was wollen Sie damit machen?“, fragt er grinsend. „Sie können sich das Ergebnis schlecht mit einem Aufkleber auf das Auto kleben.“


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