Bojara korrigiert Pressesprecher Osnabrücker Amtsarzt: Legionellen sind ein Problem

Gerhard Bojara, Leiter des Gesundheitsdienstes von Stadt und Landkreis Osnabrück. Foto: ArchivGerhard Bojara, Leiter des Gesundheitsdienstes von Stadt und Landkreis Osnabrück. Foto: Archiv

Osnabrück. Wie gefährlich sind Legionellen wirklich? Amtsarzt Gerhard Bojara korrigiert den Pressesprecher des Landkreises, der das Risiko einer Infektion generell als gering eingestuft hatte. „Jede einzelne Legionelle kann ein Problem sein“, stellt Bojara klar. Das gelte vor allem für Menschen mit geschwächtem Immunsystem, etwa Krebspatienten. Eine Entwarnung habe der Gesundheitsdienst jedenfalls nicht gegeben.

In den Warmwasseranlagen von 50 Mehrfamilienhäusern in Osnabrück sind bislang erhöhte Legionellenvorkommen festgestellt worden. „Das sind Grenzwertüberschreitungen“, vermerkt Bojara, der den Gesundheitsdienst von Stadt und Landkreis Osnabrück leitet. Auch wenn das Risiko mit steigender Anzahl der Bakterien wachse, könne schon bei einer geringeren Konzentration eine Gefahr lauern.

Der Grenzwert, Fachleute sprechen vom technischen Maßnahmewert, liegt bei 100 KBE – das sind koloniebildende Einheiten pro 100 Milliliter. In Osnabrück lag der höchste Wert im laufenden Jahr sogar bei 17000. Ab einem Wert von 10000 KBE spricht der Gesundheitsdienst eine Nutzungsbeschränkung aus.

Bojara zitiert eine Studie, nach der jedes Jahr 15000 bis 30000 Menschen in Deutschland an einer durch Legionellen verursachten Lungenentzündung erkranken. Immer wieder werde er von Politikern gefragt, wie viele Sterbefälle in Osnabrück oder im Landkreis auf eine Legionelleninfektion zurückzuführen seien. Das lasse sich aber nicht so einfach sagen, weil dann jede Lungenentzündung eingehend untersucht werden müsste.

Es gebe aber auch in Osnabrück „hochdramatische Verläufe“ und auch Todesfälle. Ein junger Mann sei in diesem Jahr nachweislich an einer Legionelleninfektion gestorben. „Wir werden oft nicht ernst genommen“, klagt der Amtsarzt. Das gelte auch, wenn die Politik über die personelle Ausstattung für Kontrollen zu entscheiden habe.

In einem Interview geht Bojara im Detail auf die Legionellenproblematik ein.

Eine Gagfah-Sprecherin sagt, in Osnabrück müsse man sich zur Legionellenproblematik keine Sorgen machen. Sehen Sie das auch so?

Das sehe ich ganz anders. So bagatellisiert man den wirklichen Sachverhalt. Tatsache ist, dass uns auch in Osnabrück massive Überschreitungen des Grenzwerts gemeldet wurden. Natürlich muss man sich darüber Sorgen machen. Selbst sehr niedrige Werte, sogar unterhalb des Grenzwerts, können im Einzelfall eine Gesundheitsgefährdung darstellen. So können Menschen mit Immunschwäche auch durch sehr niedrige Konzentrationen gefährdet werden. Aus diesem Grund akzeptieren wir in Risikobereichen, z.B. auf Intensivstationen, überhaupt keine Legionellennachweise.

Was unternehmen Sie, wenn Ihnen ein zu hoher Legionellenwert gemeldet wird?

Hauseigentümer müssen mindestens alle drei Jahre die Wassererwärmungsanlage auf Legionellen überprüfen lassen – und Überschreitungen dem Gesundheitsdienst anzeigen. Darüber hinaus sind sie verpflichtet, unverzüglich die Ursachen herauszufinden. Häufig führen zu niedrige Betriebstemperaturen zu Legionellenverunreinigungen, eine Ursache sind aber auch stillgelegte Leitungen, sogenannte Totstränge. Dann muss die Anlage regelkonform saniert werden. Leider kommen die Hauseigentümer ihren Verpflichtungen nicht immer nach. Manchmal muss ein Zwangsgeld angedroht werden.

Und was raten Sie den betroffenen Bewohnern – aufs Duschen verzichten?

Ein Duschverbot ist in der Praxis kaum umsetzbar. Vorübergehend könnten bestimmte Filter eingesetzt werden. Die thermische Desinfektion – also das vorübergehende Hochfahren der Betriebstemperatur – eignet sich als Sofortmaßnahme, löst aber oft nicht das Problem der Anlage.

Bis zum Jahresende müssen alle Großanlagen zur Trinkwassererwärmung untersucht werden – auf Initiative des Eigentümers. Was passiert, wenn er das versäumt?

Seit der letzten Änderung der Trinkwasserverordnung besteht für Großanlagen keine Anzeigepflicht mehr beim Gesundheitsdienst. Auch von unauffälligen Untersuchungsbefunden erfahren wir nichts. Der Gesundheitsdienst hat daher keinerlei Übersicht darüber, ob Hauseigentümer ihren Untersuchungspflichten nachkommen oder nicht. Mehr Möglichkeiten haben die Mieter. Vermieter von großen Wohngebäuden sind verpflichtet, ihren Mietern die aktuellen Untersuchungsbefunde zu Legionellen unaufgefordert mitzuteilen. Mieter können Einblick in die aktuelle Situation nehmen. Davon sollten sie auch Gebrauch machen, wenn Vermieter dieser Informationspflicht nicht nachkommen. Wer dagegen verstößt, begeht eine Ordnungswidrigkeit, die mit bis zu 25000 Euro geahndet werden kann.


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