Osnabrücker Islamexperten „Viele Lehrer sind mit Salafismus überfordert“

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<em>Die Osnabrücker Islamexperten Rauf Ceylan und Michael Kiefer </em>kritisieren in ihrem Buch „Salafismus“ das empirische Entwicklungsland Deutschland und wollen als Reaktion auf dieses Forschungsdefizit an der der Uni Osnabrück eine Arbeitsstelle Radikalisierungsprävention etablieren. Foto: Jörn MartensDie Osnabrücker Islamexperten Rauf Ceylan und Michael Kiefer kritisieren in ihrem Buch „Salafismus“ das empirische Entwicklungsland Deutschland und wollen als Reaktion auf dieses Forschungsdefizit an der der Uni Osnabrück eine Arbeitsstelle Radikalisierungsprävention etablieren. Foto: Jörn Martens

Osnabrück. Die Osnabrücker Islamexperten Rauf Ceylan und Michael Kiefer kritisieren die mangelnde Aufklärung deutscher Schüler über islamistische Extremisten. „Viele Lehrer sind mit Salafismus überfordert“, sagte Ceylan im Gespräch mit NOZ-Redakteur Jean-Charles Fays. Die Wissenschaftler des Osnabrücker Islam-Instituts, Professor Rauf Ceylan und Dr. Michael Kiefer, warnen in ihrem neuen Buch „Salafismus - Fundamentalistische Strömungen und Radikalisierungsprävention“ vor der Mobilisierung der Salafisten über das Internet.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass die Schule für die Radikalisierungsprävention am wichtigsten ist. Dort gebe es einen „erheblichen Fortbildungsbedarf“, um der „inflationären Zunahme von neo-salafistischen Internetangeboten“ entgegenzuwirken. Wie gefährdet sind die Schüler?

Ceylan: Das Problem ist, dass der Großteil der Salafisten zwischen 15 und 25 Jahren alt ist und sich von den einfachen Botschaften der Salafisten angezogen fühlen. Wir machen die Erfahrung, dass viele Lehrer mit Salafismus überfordert sind. Die Salafisten sind die kleinste Gruppe bei den Muslimen, aber die dynamischste. In den letzten Jahren ist keine Gruppe so rasant gewachsen. In Nordrhein-Westfalen gab es binnen eines Jahres eine Verdoppelung, in Niedersachsen ist die Entwicklung ähnlich. Während es in Braunschweig und Hannover starke Strukturen gibt, ist die Szene in Osnabrück aber noch sehr klein. Das Problem ist die Vernetzung der Gruppierungen. Wir haben eine sehr starke virtuelle Kommunikation im Internet. Die Lehrer müssen wissen, dass neo-salafistische Internetangebote stark zunehmen.

Kiefer: Die Schule ist der wichtigste Präventionsort. Dort ist ein vorzüglicher Ansatzpunkt, um Radikalisierungsprävention zu betreiben. Während es für Rechtsextremismus sehr viel Lehrmaterial gibt, gibt es für religiösen Extremismus viel zu wenig. Das Phänomen Salafismus in den aktuellen Auswüchsen ist erst drei oder vier Jahre alt. In der Regel braucht ein Bildungssystem mindestens drei Jahre, um Antworten zu finden.

Also hätte die Schule inzwischen reagieren müssen.

Kiefer: Die Religionsunterrichte und die Fächer der Werteerziehung beginnen erst langsam diese Thematik aufzugreifen mit ersten Materialien. Pioniere auf dem Gebiet sind etwa die Bundeszentrale für politische Bildung. Es gibt dort Modellprojekte wie „Dialog macht Schule“, das ich in unserem Buch vorstelle. Insgesamt steckt das aber alles noch in den Kinderschuhen. Bislang wurden zu wenige Ressourcen bereitgestellt, um entsprechendes Material zu entwickeln. Es gibt eine große Diskrepanz zwischen Sicherheit und Prävention. Im Vergleich zu den enormen Mitteln für die Terrorismusabwehr wird nur sehr wenig für die Radikalisierungsprävention in Deutschland getan.

Kritisieren Sie die Schwerpunktsetzung des Bundesinnenministers Hans-Peter Friedrich (CSU)?

Kiefer: Großbritannien hat immerhin zum Beispiel im Jahr 2007 zirka 150 Millionen Pfund für Präventionsmaßnahmen bereitgestellt. Bei uns gibt es so einen Bundestopf mit entsprechendem Finanzvolumen gar nicht. Es gibt nur kleinere Programme, wo wir gerade einmal den zweistelligen Millionenbereich erreichen. Es gibt da ein klares Ungleichgewicht.

Ceylan: Das Problem ist, man setzt in Deutschland immer dann an, wenn es schon zu spät ist. Wir können nicht erst reagieren, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. Für mich wäre schon ein guter Religionsunterricht wichtige Prävention. Es geht darum, Akzeptanz und Toleranz zu fördern. Eine solide religiöse Grundbildung, die Vielfalt und Widersprüche erträgt, muss angegangen werden. Die Fortbildung von Imamen und die Ausbildung von Religionslehrern an unserem Institut sind da schon ein Anfang.

Sie sprechen in Ihrem Buch vom „empirischen Entwicklungsland Deutschland“. Wie kommt es dazu?

Kiefer: Es ist seit einigen Jahren so, dass die Sicherheitsbehörden der größte Arbeitgeber für Islamwissenschaftler sind. Es sind einige Hundert die eine Anstellung bei 16 Landesämtern für Verfassungsschutz, bei 16 Landeskriminalämtern oder beim Bundesnachrichtendienst und anderen Behörden. Wenn Sie umgekehrt die Frage stellen: Wie viele Islamwissenschaftler arbeiten im Präventions- oder Forschungsbereich, um diese Phänomene zu erhellen oder auf andere Art und Weise zu bekämpfen, da antworte ich Ihnen: Es gibt nur eine kleine Zahl, die in diesem Bereich arbeiten. Wir kritisieren die Einseitigkeit, in der das vom Innenministerium gemacht wird. Das ist leider die politische Entscheidung.

Wie reagieren Sie auf diese politische Entscheidung?

Ceylan: Wir möchten an unserem Institut für Islamische Theologie als größeres Ziel eine Arbeitsstelle Radikalisierungsprävention etablieren. Wir müssen dafür aber erst einmal ein Konzept erarbeiten und mit den muslimischen Verbänden abstimmen. Erst danach gehen wir damit auf die Politik zu. An der Universität haben wir mit dem islamischen Religionsunterricht und mit den Religionspädagogen sehr gute Voraussetzungen für diese Arbeitsstelle.

Die Uni Osnabrück ist der einzige Standort für die Ausbildung islamischer Religionslehrer in Norddeutschland. Bei fast 50000 muslimischen Schülern in Niedersachsen ist der Lehrerbedarf enorm. Warum blieb bei Ihnen ein Drittel der Studienplätze für die Ausbildung islamischer Religionslehrer im vergangenen Semester unbesetzt?

Kiefer: Ein Faktor ist der Notendurchschnitt. Viele Menschen mit Interesse an islamischer Religionspädagogik kommen aus bildungsbenachteiligten Familien. Da sollte man sich was überlegen. Das müssen die Universitätsgremien angehen. Einige Leute, die hier nicht angenommen wurden, sind nach NRW gewechselt. Bewerbungen hatten wir genug. Außerdem nimmt Münster keine Studiengebühren. Viele Studenten kommen aus dem Ruhrgebiet zu uns. Die zahlen dann doppelt: Einerseits Studiengebühren, andererseits Fahrtkosten, die in NRW nicht über unser Semesterticket abgedeckt sind.

Lehrerinnen für islamische Religion dürfen nur im Religionsunterricht ein Kopftuch tragen, nicht aber in anderen Fächern. Schreckt das Studentinnen ab?

Ceylan: Viele Studentinnen, die ein Kopftuch tragen, studieren Theologie, weil sie davon ausgehen, dass sie als Lehrer keine Chance haben. Es ist zudem noch nicht ganz klar, wie man verfährt, wenn man das Schulgebäude betritt. Muss man das Kopftuch dann als Lehrerinnen ausziehen oder eine Perücke aufsetzen? Da gibt es noch viele ungeklärte Fragen.


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