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8800 Pilger Teilnehmer der Telgter Wallfahrt werden immer jünger - Organisator: Das ist ein Phänomen

Von Stephanie Kriege


Osnabrück/Telgte. „Das ist ganz schön anstrengend.“ Die 15-jährige Sarah Brune lehnt sich an den nächsten Baum und atmet tief durch. Ihre Freundin Anna Schwieger kramt währenddessen in ihrem Rucksack. „Ich habe Traubenzucker dabei, vielleicht hilft das.“ Es ist 10.30 Uhr, die beiden Jugendlichen sind seit fast acht Stunden unterwegs. Über 30 Kilometer haben sie schon zurückgelegt – zu Fuß. Zwanzig liegen noch vor ihnen. Sarah und Anna sind aber nicht allein auf Wanderschaft. Sie sind nur zwei unter Tausenden. Die beiden Mädchen nehmen zum ersten Mal an der Telgter Wallfahrt teil.

Nachts um drei Uhr sind die Freundinnen aus Melle in Osnabrück gestartet. Nun machen sie ihre zweite große Pause in Oedingberge. Die Erschöpfung steht ihnen ins Gesicht geschrieben. „Dass es so anstrengend ist, hätte ich nicht gedacht“, sagt Anna. „Der da ist schuld.“ Sie zeigt lachend auf den jungen Mann neben ihr. Helmut Schumacher ist Kaplan in Melle und hat die beiden Messdienerinnen vom Unternehmen „Wallfahrt“ überzeugt.

Aber auch er ist sichtlich geschafft. „Für mich ist es auch das erste Mal.“ Während Anna und Sarah sich noch fragen, warum sie sich überhaupt auf den 50 Kilometer langen Fußmarsch eingelassen haben, ist der Funke bei Schumacher schon übergesprungen. „Die Gemeinschaft hier ist etwas ganz Besonderes.“ Allerdings müsse man bereit sein, sich auf „volkskirchliche Elemente“ einzulassen. „Hier wird ja schon eher das traditionelle Liedgut gesungen. Wenn man da nicht hundertprozentig dabei ist, wird es schwierig.“

8800 Pilger haben sich in diesem Jahr zur Pietà in der Telgter Wallfahrtskapelle aufgemacht. Damit ist es die größte Fußwallfahrt im deutschsprachigen Raum. Denn die Wallfahrt von Regensburg nach Altötting, die fälschlicherweise immer als die größte bezeichnet wird, kommt gerade einmal auf 4000 Pilger, die den Weg zu Fuß zurücklegen. „Da kommt der Großteil mit Autos und Bussen vorgefahren“, erklärt Karl-Heinz Schomaker. Er ist technischer Leiter der Telgter Wallfahrt und sichtlich zufrieden mit dem Verlauf. „Das Wetter ist nahezu optimal, nicht zu heiß wie im letzten Jahr.“ Geregnet hat es lediglich zwischen Glandorf und Oedingberge. Ab Ostbevern kamen noch starke Windböen hinzu, die vor allem für die Fahnenträger hinderlich waren. Den Rest des Weges konnten die Wallfahrer aber bei Sonnenschein zurücklegen.

Deshalb hatten auch die Helfer vom Deutschen Roten Kreuz und den Maltesern nicht so viel zu tun wie im Vorjahr. „Wir müssen nur Blasen versorgen und verspannte Muskeln lockern“, erzählt Jörg Haunhorst vom DRK Hagen. Für ihn ist es die 21. Wallfahrt. „Es macht immer wieder Spaß.“ Na ja, er fährt ja auch die meiste Zeit mit dem Auto voraus.

Der 22-jährige Jan Brüggemann aus Wallenhorst ist zum 16. Mal dabei. Er ist gemeinsam mit seinem Kumpel Matthias Loch aus Hollage unterwegs und hat sichtlich Spaß. „Man lernt hier immer neue Leute kennen und kommt mit wildfremden ins Gespräch.“ Warum pilgern sie nicht zu Festivals wie andere in ihrem Alter? „Das hier hat Tradition, da geht die ganze Familie mit“, sagt Brüggemann.

Den Eindruck, dass erstaunlich viele junge Leute auf dem Weg nach Telgte sind, hat auch Karl-Heinz Schomaker. „Das ist ein Phänomen. Die Wallfahrt wird immer jünger.“ Woran das liegt? „Vielleicht ist es auch sportlicher Ehrgeiz.“

Manch einer nimmt dafür auch einen etwas längeren Anreiseweg in Kauf. Ralf Westholt zum Beispiel. Der 42-Jährige stammt gebürtig aus Georgsmarienhütte, wohnt aber schon seit 14 Jahren weit entfernt in Karlsruhe. „Ich komme jedes Jahr zur Telgter Wallfahrt wieder.“ Das Gefühl, die Strecke geschafft zu haben, sei für ihn das schönste. „Das ist wie eine Sucht.“

Doch neben der Freude an körperlicher Ertüchtigung ist der Fußmarsch nach Telgte vor allem eines: eine Wallfahrt mit Andachten, Gebeten und Chorälen. Weihbischof Theodor Kettmann hielt in diesem Jahr die Predigten in Oedingberge und in Telgte. Eigentlich sollte auch Bischof Franz-Josef Bode mit von der Partie sein, doch er hält sich zurzeit in Mannheim auf. „Hoffnung ist kein Zustand, sondern wächst immer neu aus Beziehungen“, so die Botschaft des Weihbischofs. Mit Blick auf das Wallfahrtsmotto „Zur Hoffnung berufen“ betont Kettmann, dass gerade in der für die Kirche schwierigen Zeit die Hoffnung eine zentrale Rolle spiele.

8800 Pilger wurden beim Einzug in Telgte gezählt. Fast eine halbe Stunde dauerte es, bis alle Gläubigen auf dem Kirchplatz versammelt waren.

Gestern Morgen machten sich immerhin noch 5000 Wallfahrer auf den Rückweg. „Viele müssen morgen arbeiten und brauchen den freien Tag zur Erholung“, erklärt Schomaker die reduzierte Zahl. Wer richtig Durchhaltevermögen bewies, nahm dann noch an der Abschlussandacht in der Peter-und-Paul-Kirche in Oesede teil. Jetzt heißt es für die meisten erst mal: Füße hochlegen!