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„Officium novum“ in St. Marien zum Abschluss von Musica Viva Resolute Zerstörung von Anmut



Osnabrück. Geplante musikalische Störfeuer zum Abschluss von Musica Viva in St. Marien: Bei „Officium novum“ treffen harmonischer Gesang und Saxofon-Improvisationen aufeinander.

Seit 1993 gibt es nun bereits das Officium-Konzept, das den Gesang des Hilliard Ensembles mit Jan Garbareks freien Improvisationen auf dem Saxofon verbindet. Eigentlich ist verbinden nicht das richtige Wort, denn Gesang und Saxofon erklingen zwar gleichzeitig, aber dennoch quasi unabhängig voneinander. Wirklich verbunden wird hier gar nichts, selbst wenn Jan Garbarek Motive der Vokalmusik aufgreift. Meistens ist das aber auch gar nicht der Fall, und seine Improvisationen wirken wie Störfeuer, das die harmonisch ausgewogenen Stimmen der Hilliards übertönt. Das ist kein Vorwurf, sondern gehört zum Konzept. Wenn Jan Garbarek ansetzt zu schroffen, lauten und hohen Tönen, dann macht er damit den gleichmäßig fließenden Gesang platt. Doch dann verklingt sein Einwurf, und die Stimmen, der reine Hilliard-Sound, klingen weiter, als wäre nichts gewesen.

So klingt Officium seit 18 Jahren, doch verändert hat sich das Programm schon, denn seit einem Jahr gibt es „Officium novum“. Von geistlichen Gesängen des Mittelalters, natürlich alle in lateinischer Sprache, sind die Hilliards nun zu anderen Stilistiken übergegangen. Da gibt es zum Beispiel nun bei zeitgenössischer Musik schon innerhalb des Ensembles scharfe Dissonanzen.

In St. Marien intonierten die Hilliards vielleicht manchmal nicht ganz so sauber, wie man es von ihnen gewohnt ist, außerdem kann man nicht behaupten, dass sie beispielsweise für russisch-orthodoxe Musik eine Autorität wären. Von dem Standard russischer Sänger sind die Hilliards nämlich weit entfernt, ganz im Gegensatz zu den Werken des ursprünglichen Officium-Programms, für die sie selbst seit Langem den Standard setzen.

Vielleicht wäre das ein Problem, wenn sie diese Werke allein aufführen würden, durch die Vermischung mit Jan Garbareks Improvisationen relativiert sich das jedoch. In der akustisch bestens geeigneten Marienkirche jedenfalls wird das Publikum gepackt von der meditativen Ruhe des Gesangs und dem Kontrast, dem Störfeuer des Saxofons.

Wenn sich dann die Musiker noch in der Kirche verteilen und langsam schreitend weitermusizieren, sich die Klänge im Kirchenschiff bewegen und immer andere Stimmen hervortreten, dann sitzt man inmitten eines großen Klanges, der durch Schönheit und Anmut ebenso bestimmt wird wie durch deren resolute Zerstörung. Letztlich stört Jan Garbarek zwar immer wieder die Musik, aber eben nie die Stimmung, die bei Officium ja besonders wichtig ist.


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