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Feingeist und Unternehmer Stadtteilserie: Gerhard Schoeller hat die Papierfabrik durch zwei Weltkriege geführt

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Osnabrück. Wie oft Gerhard Schoeller wohl selbst über die später nach ihm benannte Straße gefahren ist? Oder sich von seinem Chauffeur hat fahren lassen? Wenn das handverlegte Blaubasalt-Pflaster hätte mitzählen können, wären sicher einige Tausend Male zusammengekommen. Denn die von der Mindener Straße abzweigende Gerhard- Schoeller-Straße ist die alte Hauptzufahrt zur Feinpapierfabrik Felix Schoeller auf Burg Gretesch.

Wäre nicht das historische Pflaster, würde man sich heute eher wie auf einem Radwanderweg ins Grüne fühlen, der an dem jungsteinzeitlichen Großgrab der „Gretescher Steine“ vorbei durch ein kaum berührt scheinendes Wäldchen führt. Bis man dann plötzlich vor der alten Pförtnerei steht und den dahinter sich ausdehnenden Mitarbeiter-Parkplatz sieht. An die Werksgeschichte erinnern im Straßenverlauf sonst nur die beiden einzigen Wohnhäuser an der Straße. Gerhard Schoeller ließ sie für seine Industriemeister Fricke und Duhme bauen, damit die auch außerhalb ihrer Schichten bei Vorkommnissen jederzeit schnell im Werk sein konnten – wie so oft bei Schoellers wurden Sozialfürsorge und Förderung der Unternehmensziele klug miteinander verwoben. Heute muten die beiden Anwesen wie idyllische Landhäuser an.

Gerhard Schoeller wird am 26. Juni 1886 im mecklenburgischen Neu-Kaliss geboren. Sein Vater Felix Hermann Maria Schoeller arbeitet dort in der Papierfabrik des Großvaters. Noch im selben Jahr zieht die Familie nach Düren um, dem Stammsitz der Schoellers, wo der Vater Aufgaben in der Papierfabrik Schoellershammer übernimmt. Mit seinen älteren Brüdern Felix Heribert und Lothar und der Schwester Magdalene verlebt Gerhard seine Kindheitsjahre am Nordrand der Eifel. 1895 steht für den Achtjährigen der nächste Umzug an: Der Vater hat sich den Wunschtraum erfüllt, eine eigene kleine Papierfabrikation aufzubauen. Er kauft Christian Gruner für 165000 Goldmark die seit 1812 bestehende Papiermühle in Gretesch ab. Die ist wirtschaftlich und technisch nicht im Bestzustand, besitzt aber einen für Vater Felix entscheidenden Standortfaktor, nämlich das saubere Wasser des Belmer Bachs. Das braucht er für die geplante Produktion von Fotobasispapieren.

Bereits ein Jahr später läuft in Burg Gretesch die erste moderne Papiermaschine an, die ersten Rollen gehen an die Firma Gevaert in Belgien. Vater Felix hat auf das richtige Pferd gesetzt. Das anbrechende Zeitalter der Fotografie sorgt für eine stete Aufwärtsentwicklung. Gerhard erhält unterdessen eine breit angelegte Ausbildung. Nach dem humanistischen Abitur am Ratsgymnasium und dem Wehrdienst bei den Husaren in Paderborn studiert er in München Jura, in Freiburg und Darmstadt Chemie. 1907 stirbt der Vater überraschend früh. Die älteren Brüder Lothar und Felix Heribert haben kaum ihre Ausbildung beendet und müssen sofort Verantwortung im Betrieb übernehmen. 1911 stößt auch Gerhard hinzu. 1913 wird er zum Mitgeschäftsführer bestellt. Felix Heribert und Lothar kümmern sich um die technische Seite der Produktion, Gerhard um die kaufmännische. Noch vor dem Ersten Weltkrieg nimmt Gerhard weitreichende Auslandskontakte auf und legt somit den Grundstein dafür, dass das Werk zu einem „Global Player“ mit einer Exportquote von heute über 60 Prozent werden konnte. 1912 wird ein Tochterunternehmen in den USA gegründet.

Im Krieg wird der 30-Jährige nach einer Verwundung 1916 ins Kriegsministerium berufen, wo er für die Zuteilung der bewirtschafteten Rohstoffe auf die deutschen Papierfabriken zuständig ist, also der familieneigenen wie auch derjenigen der Konkurrenten. „Mit der ihm eigenen Ruhe und Geschicklichkeit“, so beschreibt es Richard Friess in einem Aufsatz, sei er „mit einer so undankbaren Aufgabe“ fertig geworden. Zwischen den Kriegen leitet er weiterhin branchenbezogene Wirtschaftsverbände, legt aber 1939 aus Gewissensgründen sämtliche Ehrenämter nieder.

Nach 1945 bringt Gerhard mit seinem Bruder Lothar das eigene Werk wieder in Gang. Gerhard steht in ständigem Kontakt mit der britischen Besatzungsmacht, um die nötigen Genehmigungen und Rohstoffzuweisungen zu erhalten. Im August 1945 läuft die erste Papiermaschine wieder an. Als „Außenminister“ der Firmengruppe nimmt Gerhard wieder zahlreiche öffentliche Ämter wahr. Von 1945 bis 1950 ist er Präsident der IHK. Auch das kulturelle Leben seiner Heimatstadt liegt ihm am Herzen. 1949 sichert er den Weiterbestand des Osnabrücker Symphonieorchesters, wird Vorsitzender des Musikvereins und des Schlossvereins, wobei Letzterer sich insbesondere um die Förderung der Kammermusik verdient macht.

Gerhard Schoeller hat in idealer Weise das Fürsorgliche und Feinsinnige aus dem Wesen seiner Mutter Agnes mit dem unternehmerischen Mut und Weitblick vonseiten des Vaters vereint. Richard Friess bescheinigt ihm „großzügiges Denken und gesundes Urteilsvermögen“, „Güte und vornehme Zurückhaltung“ und ein Auftreten mit einer „souveränen, aber nie verletzenden Überlegenheit“ und Autorität. Der Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes stirbt 84-jährig am 24. Oktober 1970.


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