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Hier ist nichts mehr regional: Wie sich die neue Arte Regionale selbst überholt Phantom Kunst

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Osnabrück. Der Tipp sei gewagt: Die fünfte Arte Regionale wird auch die letzte sein. Mit gerade noch neun Namen ist die Ausstellung, die 1996 als Überblicksformat für die Kunstszene der Osnabrücker Region gestartet war, nicht nur sensationell knapp besetzt. Die Präsentation in der Kunsthalle Dominikanerkirche macht auch unmissverständlich klar, dass regionale Verankerung längst keine Kunstschau mehr definieren und damit legitimieren kann.

Joshua Sassmannshausen liefert mit seinem Glitzerexponat, einer aus Glas-Epoxy nachgebildeten Frachtpalette, prompt den visuellen Kommentar zum unübersehbaren Prozess. Der umstandslos zum blau schimmernden Bijou verwandelte Nutzgegenstand erhebt Mobilität zum Selbstzweck. Wie und womit die Palette gefüllt wird, ist nebensächlich: Hauptsache, es bewegt sich etwas. Die kühle Perfektion des Objektes braucht kein spezifisches Umfeld, um sich in Szene setzen zu können. Orte werden austauschbar.

Das gilt auch für die gesamte, im Kirchenschiff der Kunsthalle als Resultat einer Juryentscheidung präsentierte Ausstellung. Die Exponate sind nicht nur durchweg von gutem Qualitätsstandard, sie würden in dieser Kombination auch an vielen Ausstellungsorten als stimmige Präsentation funktionieren. Mag die fünfte Ausgabe der Arte Regionale das Stichwort „Weitwinkel“ als Titel führen – in Wirklichkeit haben Juroren und Kuratoren kräftig am Zoom gedreht. Statt einer regionalen Szene mit ihrer tendenziell unüberschaubaren Vielfalt künstlerischer Idiome fokussieren wir nun eine vergleichsweise homogene Szenerie. Bei aller Unterschiedlichkeit der Genres – immerhin kommen Objekt, Malerei, Installation und Fotografie zum Zuge – fügen sich die Exponate zu einer glatten Kunstperfektion, die sich polemisch als Marktgängigkeit bezeichnen ließe. Obendrein versammeln sich mit mehreren der präsentierten Werke prominente Vorbilder als stille Mitläufer in der Osnabrücker Kunsthalle. Die Malerei von Sebastian Osterhaus erinnert fast aufdringlich an Neo Rauch und Daniel Richter, Sascha Weidners coole Fotos nehmen unverkennbar Anleihen bei der Bildästhetik von Wolfgang Tillmans, Peter Möllers feingliedrige Zeichnungen rufen die wandfüllenden Bleistiftarbeiten von Kunststar Ralf Ziervogel ins Gedächtnis. Schließlich führt Christian Bögelmann mit seinen abgezirkelten Stahlrohrobjekten reinsten Minimalismus vor.

Ohne sicheren Halt

Dies alles muss kein Nachteil sein. Die perfekt funktionierende Anschlussfähigkeit der von den Juroren auserkorenen Exponate, ihre Glätte und Stringenz entfaltet auch einen thematischen Bezug, der über Fragen des Kunstbetriebes weit hinausführt. Das verbindende Thema dieser Schau ist der prekäre Bezug zur Wirklichkeit, der hier in jeder Position durchscheint. Der durch frühere Arte Regionale-Teilnahmen bestens bekannte Stephan Fischer fügt jedes seiner Bilder aus gemalten Reminiszenzen an das, was einmal sicheren Halt versprach. Gegenständliche Motive, Ornamentmuster und abstrakte Malgesten finden auf Fischers Leinwänden zu neuem, überaus fragilem Gleichgewicht.

Als unheimliche Wiedergänger einer vertrauten Alltagsrealität postiert Christian Bögelmann Objekte in der Kunsthalle, die an Wäschestangen oder Spielgeräte erinnern. Im ungewohnten Kontext der Kunst verwandeln sich harmlose Dinge nun in Objekte von garstiger Fremdheit. Bögelmann perfektioniert dieses Verfahren mit Fotos, die er am Computer komponiert. Wir sehen Spiellandschaften, die halb im Sand versackt scheinen – und schauen eigentlich doch nur auf eine Realität, die so perfekt nachgemacht ist, dass sie ihre eisige Künstlichkeit vollkommen zu verbergen vermag.

Zwischen zwei Extremen

Wirklichkeit gibt es eigentlich nicht. Sie lässt sich nur momentweise zur Erscheinung bringen. Nach dieser Struktur funktionieren die Fotografien von Sascha Weidner, der Motive gesammelter Lebenserfüllung aus nachtschwarzen Hintergründen auftauchen lässt, und die Zeichnungen von Peter Möller, der Gebäude und Räume in detailversessenen Aufsichten zu verwirbelten Labyrinthen transponiert. Wer ganz genau hinschaut, sieht am Ende nichts mehr: So trist, dafür aber ästhetisch perfekt scheitern diese Versuche, Realität medial zu bannen.

Was also bleibt? Vielleicht nur zwei Extrempositionen. Bei Sebastian Osterhaus zerfasern Bildwirklichkeiten zu gespenstischen Szenerien, die in fahl beleuchteten Endzeiten spielen. Die Figuren sind hier, wie ihre Pendants auf den Bilder des Starmalers Neo Rauch, Irrläufer in einer Zeit, die sich selbst nicht mehr versteht. Gegen solche Bodenlosigkeit hilft nur die durch Kunst geschaffene Ordnung. Gleich zwei Positionen beziehen sich, bezeichnend genug, auf die Perfektion der Nichtfarbe Weiß. Frank Gillich malt in hauchfeiner Abstufung weiße Gitter auf weißem Grund, Elisabeth Lumme verhängt ein ganzes Turmgeschoss im Bürgergehorsam mit Laken zu einem strahlend weißen Labyrinth, fügt in finsterem Verlies schneeweiße Kissen zu tröstlich bergender Höhle. Erblinden wir im endlosen Weiß – wie die Figuren in José Saramagos Roman „Die Stadt der Blinden“? Oder werden wir in dieser blendenden Helligkeit der Kunst endlich sehend?

Am Ende einer Idee

Sehen, Nichtsehen: Aus dieser Polarität haben die Arte-Kuratoren in der Ausstellungsabteilung mit dem Titel „Nacht“ noch eine kleine Themenschau gefügt. Unheimliche Architekturen (Friedel Kantaut), eine tanzende Straßenlaterne (Christian Bögelmann), der Flug von Goyas gespenstischen Nachtfaltern (Nikola Dicke): Diese und weitere Positionen, die in Foyer und Forum gezeigt werden, funktionieren bestens, auch als Kommentar zur Jury-Auswahl in der großen Kirchenhalle. Eines brauchen diese Ausstellungen hingegen nicht, um aufschlussreich zu sein: regionalen Bezug. Der ist bei den Künstlerinnen und Künstlern sehr unterschiedlich zu definieren. Wer Erfolg haben will, tut sich ohnehin woanders um. Mit ihrer fünften Ausgabe kommt die Arte Regionale damit an ein Ende ihrer leitenden Idee. Die „Arte“ wird Nachfolger haben. Sie werden nur nicht mehr so heißen.


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