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Schwerer Ausstieg aus dem Höllenleben

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Sonderermittler beim BKA fordert Brigitte Hahn.Sonderermittler beim BKA fordert Brigitte Hahn.

Der Satanismus ist nach Ansicht kirchlicher Sektenbeauftragter eine unterschätzte Gefahr. Die Opfer ritueller Gewalt leben mit tiefen Verletzungen und in ständiger Angst. Es gibt sie auch im Raum Osnabrück, mit Schwerpunkt im Nordkreis.

Diese Geschichte fängt ganz harmlos an, in einer Kneipe, beim Bier. Die Bedienung zündet eine Kerze auf dem Tisch an. Einer der Gäste ist Hermann Wieh, Pfarrer von St. Johann und Stadtdechant in Osnabrück.

Beim Blick auf die Kerze erwähnt der Priester, dass aus St. Johann häufig Kerzen vom Altar geklaut wurden. Satanisten steckten dahinter, vermutet er und verweist einige Wochen später in der Sonntagspredigt darauf, dass es auch in Osnabrück eine Szene des Satanismus gebe, mit Treffen auf dem Johannisfriedhof und dem Hasefriedhof.

Ingolf Christiansen, Weltanschauungsbeauftragter in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannovers, ordnet solche Treffen dem jugendzentristischen Satanismus zu. Der, so meint er, sei im Grunde genommen kein echter Satanismus. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass auf dem Friedhof Rituale abgehalten werden“, ergänzt Christiansen, seit Jahren Experte in Sachen Satanismus. Er rät davon ab, die Jugendlichen vorschnell zu kriminalisieren.

Von diesem jugendzentristischen Satanismus unterscheidet Christiansen Formen des Erwachsenen-Satanismus wie den rationellen Satanismus der „Church of Satan“, der bewusst mit gängigen Moralvorstellungen brechen will.

Da kommt es vor, dass Kerzen aus der Kirche missbraucht werden als Penisersatz oder geweihte Hostien für sexualmagische Kulte verwendet werden.

Was in den nächtlichen „schwarzen Messen“ passieren soll, klingt wie aus einem Horrorfilm: Satanisten würden Blut trinken, Leichen schänden, Menschenfleisch essen und sogar Babys töten – erzählen Aussteiger durchaus glaubhaft klingend und übereinstimmend den Sektenexperten.

Die Fachleute sehen in diesen Kulten und der Ideologie des Bösen eine Umdrehung des Christentums, das sich für die Schwachen und für Nächstenliebe einsetzt; sie halten den Satanismus mit seiner Betonung von Macht und Lust für eine Ersatzreligion und eine „Fratze des Katholizismus“.

„Es ist eine aggressive Szene, die vor nichts zurückschreckt, weil sie nichts zu verlieren hat“, warnt Brigitte Hahn, Leiterin der Fachstelle für Sekten und Weltanschauungsfragen des Bistums Münster. Andere Fachleute haben selbst Telefonterror und anonyme Morddrohungen und -anschläge erlebt.

„Diese Gruppen agieren über Grenzen hinweg“, hat Hahn festgestellt. Nach einer Anfrage bei Therapeuten im Ruhrgebiet im Hinblick auf Opfer des Satanismus erhielt die Sektenbeauftragte eine „erschreckende Zahl von Rückmeldungen“.

„Im Kern wird die Persönlichkeit zerstört“, erklärt ein anderer Fachmann, der nicht genannt werden will, um Aussteiger und den mühsam aufgebauten Kontakt zu ihnen nicht zu gefährden. Auf die Opfer werde enormer psychischer und physischer Druck ausgeübt, sagt der Mann, der persönlich einige Fälle von Selbsttötungen erlebt hat und so manche „Hilfeschreie“, die sich als Selbstmordversuche tarnten.

Brigitte Hahn ist davon überzeugt, dass die Szene bundesweit, vielleicht sogar europaweit vernetzt vorgeht. Unter dem Deckmantel des Satanismus gebe es Drogengeschäfte, Menschenhandel und Kinderpornografie.

Nach Einschätzung des Satanismus-Experten Christiansen kommt es vor, dass sich pädophile Täter hinter den satanistischen Kulten auch nur verstecken, um eine Begründung für ihr Vorgehen zu haben – ganz nach dem Motto „Satan hat mir das befohlen“ würden hier Befehlsnotstände behauptet. Deshalb verwendet er für diese Gruppen den Begriff „krimineller Pseudosatanismus“.

Fragt man angesichts der geschilderten Straftaten bei den Ermittlungsbehörden nach, beispielsweise beim Niedersächsischen Landeskriminalamt und bei der Polizei in Osnabrück, so heißt es nur übereinstimmend: Es sind keine satanistischen Vorkommnisse bekannt. „Es gab zwar immer mal wieder Gerüchte, aber es liegt nichts vor“, sagt etwa der Osnabrücker Polizeisprecher Georg Linke. „Da hat sich höchstens mal eine verwirrte Frau gemeldet.“ Dem für Pressekontakte zuständigen Staatsanwalt entfährt auf die Frage nach satanistischen Vorkommnissen nur ein „oh Gott“ – doch er meldet sich am Tag danach ebenfalls mit einer Fehlanzeige.

Experten der Kirchen dagegen vermuten, dass das Problem viel weiter verbreitet ist, als man denkt. Es seien eben nicht nur ein paar „Durchgeknallte“. Die Fachleute gehen davon aus, dass Satanisten in allen Schichten vertreten sind – das Mitglied einer Rockerbande ist ebenso dabei wie Juristen und Lehrer, ja sogar Ärzte. Diese Mediziner würden die schwer misshandelten Opfer mit Narben im Intimbereich wieder „zusammenflicken“, ohne dass es in einer Klinik oder Arztpraxis auffalle.

Wie aber erklärt sich dann dieser krasse Unterschied? Einerseits die Erfahrungen der Sektenbeauftragten, andererseits eine absolute Fehlanzeige bei den Ermittlungsbehörden – eine Erfahrung, die nicht nur für die Region Osnabrück zutrifft?

Der Hauptgrund: Wer bei einem satanistischen Kult dabei war, darf nichts, aber auch gar nichts erzählen. Führende Satanisten drohen allen Beteiligten mit quälenden Strafen, wenn diese über ihr Höllenleben auspacken. Die Opfer würden terrorisiert, erpresst und mit Gehirnwäsche regelrecht programmiert, meinen Experten. Selbst ein immenser Leidensdruck reiche angesichts dieser Verfolgungsangst nicht aus – zusätzlich müsse nach und nach Vertrauen in einen Ansprechpartner aufgebaut werden.

Weitere Gründe: Aussteigewillige und Hilfesuchende haben selbst Straftaten begangen, sind in das System verstrickt. Auch das macht es ihnen natürlich schwer, sich der Polizei anzuvertrauen – gerade, wenn engste Familienangehörige oder Nachbarn Gewalt angetan haben. Hinzu kommt, dass die Polizei nicht geschult ist, um Fälle von Satanismus zu erkennen und entsprechend darauf zu reagieren. Brigitte Hahn wünscht sich daher, dass sich Sonderermittler des Bundeskriminalamtes um den Satanismus kümmern.

Die Opfer, meistens Frauen, sind aufgrund der Gewalt, die ihnen angetan wurde, psychisch krank, müssen zur Behandlung in Therapie, zum Beispiel ins Landeskrankenhaus Osnabrück. Viele leiden unter Multipler Persönlichkeitsstörung (MPS), auch dissoziative Identitätsstörung genannt: In ihrer Wahrnehmung kommen Personen unterschiedlichen Alters vor, die abwechselnd die vollständige Kontrolle gewinnen.

Als Auslöser gilt ein Trauma, besonders ein mehrfacher sexueller Missbrauch in der Kindheit. MPS wird als der Versuch gedeutet, als unerträglich empfundene emotional ungeheuerliche Erlebnisse zu bewältigen. Das Höllenleben hinterlässt tiefe, lebenslängliche Spuren – ein Ausstieg ist fast unmöglich.

„Mitleid wird gezielt abtrainiert“
hav Osnabrück.
Sie will Robin genannt werden, ist Ende 30 und kommt aus Norddeutschland. Mehr möchte die junge Frau nicht verraten. Sie sucht den Abstand von Satanisten. Die Angst, als Abtrünnige terrorisiert zu werden, nicht nur durch tote Ratten im Briefkasten, ist für die Kult-Überlebende riesengroß.

Nervös spielt Robin während unseres gut dreistündigen Gesprächs mit den Fingern, und wenn ihre grausamen Erinnerungen sie heftig erschüttern, wird plötzlich die Stimme höher. Weil sie eine multiple Persönlichkeit ist (Näheres im Haupttext), sagt sie statt des Wortes „ich“ manchmal „wir“, wenn sie über ihre grausame Vergangenheit redet.

Wie viele andere Satanismus-Opfer wurde Robin in den Kult hineingeboren. Sie wuchs auf in einem bürgerlichen Elternhaus, in dem Klavier gespielt wurde. Schon in frühester Kindheit haben Satanisten sie abgerichtet. So musste sie als kleines Mädchen nachts allein im Wald in der Lüneburger Heide ausharren, während sie mörderische Schreie hörte. Das war das Angsttraining.

Andere Arten von Training bekam sie in den Ferien in einem Haus an der holländischen Nordseeküste, offiziell im Kinderlager, faktisch in einem Schulungszentrum. Da mussten Kinder auch schon mal lebendige Tiere essen. Voll gepumpt mit Drogen, ohne genügend Schlaf, ohne Essen und Trinken wurden sie, wie Robin sagt, gefügig gemacht.

„Mitleid wird einem gezielt abtrainiert“, stellt die Frau fest. „Wenn selbst Atmen ein Privileg ist, macht jeder alles.“ Andere Menschen zu quälen empfinde man dann irgendwann als Ehre.

Zum Gruseltraining gehörte es, den Sarg eines frisch beerdigten Menschen zu öffnen und Leichenteile zu entnehmen. Robin sagt, sie habe Anatomie-Kunde erhalten. Dann musste sie den Mittelhandknochen einer Leiche besorgen. Noch Jahre später hätten Kult-Überlebende Angst vor Insekten, weil sie mit Schlangen, Spinnen, Mäusen oder Tausendfüßlern in einen Sarg gelegt worden seien. Was beim Ausstieg am Körper haftete, musste verspeist werden. „Da haben wir mal eine Kreuzotter gegessen.“

Nach ihren Erfahrungen bestehen immer Verbindungen zwischen machthungrigen Satanisten und der Kindersex-Mafia. So zählt es zu ihren Kindheitserinnerungen, dass sie vergewaltigt und in den Ferien ins Bordell geschickt wurde, um Geld zu verdienen. Oder sie denkt an eine Pädophilen-Party in einem Boot auf dem Meer, mit einem Mann, der als „lieber Onkel“ vorgestellt wurde. „Ich bin von meinem Vater verkauft worden“, sagt sie.

Dann waren da noch die „schwarzen Messen“ – Rituale zur Sonnenwendfeier oder am „Blutfest“, dem 26. Dezember, als Kontrast zu Weihnachten. An den Kulten hätten auch Ärzte und Psychologen teilgenommen, ja sogar jemand vom Kinderschutzbund, von denen man es nicht geahnt hätte. „Man kann die Leute nicht erkennen.“

Die „schwarzen Messen“, so erzählt die Frau, fanden in Luftschutzkellern, schallgeschützten Bunkern oder Burgruinen statt. Aus der Asche von Toten und Mehl seien „Hostien“ gebacken worden, und sie hat erlebt, dass Satanisten neugeborene Jungen „opferten“ oder Menschenfleisch aßen.

Den Ausstieg wagte Robin erst nach dem Tod ihrer „Bezugspersonen“. Nachdem sie zur Polizei ging, fragten die Beamten ausgerechnet bei ihrer Familie nach, ob die Schilderungen denn stimmen würden. Ein Psychiater sollte ihre Aussagen in einem Glaubwürdigkeitsgutachten beurteilen. „Wir haben einem Täter gegenübergesessen“, sagt sie. Und so hat Robin den Gedanken verworfen, sich selbst anzuzeigen, weil auch sie gefoltert und getötet hat. Denn sie weiß: Gerichtsfeste Beweise hat sie nicht.

Der Satanismus
Einen Überblick über den Satanismus zu geben ist schwierig: Es handelt sich bei dem Begriff um eine Sammelbezeichnung für viele Kulte. Zudem lebt die Szene abgeschottet. Satanisten sind im Denken und Handeln geprägt von Brutalität und dem Gefühl, viel Macht zu haben. Im Mittelpunkt steht die Selbstverherrlichung des Menschen, der sich wie Gott fühlen soll. Theoretische Grundlagen legte der englische Okkultist Aleister Crowley (1875–1947). In seinem Werk „Liber Al vel Legis sub figura“ vermittelt Crowley seine Vorstellungen. Ein Grundsatz: „Tu, was du willst, soll sein das ganze Gesetz.“ Er ist Ideenlieferant für viele Gruppen und Organisationen, etwa bei nächtlichen Ritualen. Sie sind oft verbunden mit sexuellen Misshandlungen. Manche Riten der satanistischen Ideologie bewegen sich in der Grauzone von exzessiver, perverser und krimineller Energie. Sie sollen bis zur Leichenschändung und zum Kannibalismus und zur Tötung von Säuglingen reichen. In einigen Gruppen soll Schmerztraining und Ekeltraining Hemmschwellen senken. So kam es vor, dass Ausbilder Einsteigern befahlen, reichlich Wodka zu trinken und dann Kot und Urin zu konsumieren.

Die schwarze Messe ist das Gegenteil der von Katholiken gefeierten heiligen Messe. Sie bietet den Rahmen, um Einstiegswillige in den Kult einzuweihen. Dabei kommt es oft zu Tieropfern, Schnitten in den Arm oder im Genitalbereich oder zu Vergewaltigungen durch alle Männer der Gruppe. Die Satanisten wollen nicht, dass Informationen über sie nach außen gelangen. Es herrscht eine Arkandisziplin (vom Lateinischen arcanum – Geheimnis). Wer dennoch redet, wird verfolgt. Abtrünnigen drohen Folter, Vergewaltigung und Tod. Daher lässt sich nicht sagen, wie viele Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit satanischen Kulten zu tun haben. Eine Verbindung besteht vom kriminellen Pseudosatanismus zur Kinderpornografie, wie Ingolf Christiansen, Weltanschauungsbeauftragter der Evangelischen Landeskirche Hannovers, feststellt. In einer Broschüre der Hamburger Innenbehörde zum Thema „Brennpunkt Esoterik“ berichtet er von Gerüchten, wonach Kinder aus der Pädophilen-Szene an Satanisten oder umgekehrt „vermietet“ oder verkauft werden. Satanismus ist nach Ansicht Christiansens dann oft nur aufgesetzt, um Opfer gefügig zu machen.

In der Broschüre geht Christiansen auch auf den Ordo Saturni (OS) ein, der im Osnabrücker Land aktiv war. Ende der 1980er Jahre tauchten an der Hauptschule Bersenbrück und der Realschule Ankum Schriften des OS auf. Christiansen schreibt, der damalige Lehrer Dieter Heikaus habe ihn gegründet: „Getragen wird der OS von einer Esoterischen Studiengesellschaft e.V. in Ankum bei Bersenbrück.“ Nach Eltern-Protesten musste Heikaus den Schuldienst quittieren. Er verlegte den Sitz der „Esoterischen Studiengesellschaft“ nach Dortmund. Der OS schlug in Bremen eine neue Residenz auf. Nach Angaben von Insidern der Szene sei der OS nicht mehr aktiv, betont Christiansen.


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