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Mit türkischen Wurzeln Osnabrücker Therapeutin berät in der Muttersprache

Von Ulrike Schmidt

Nennt sich selbst eine „getürkte Deutsche“: Birsel Yay. Foto: Jörn MartensNennt sich selbst eine „getürkte Deutsche“: Birsel Yay. Foto: Jörn Martens

Osnabrück. Birsel Yay weiß, wie es ist, wenn man plötzlich sprachlos in einem fremden Land lebt. Heute kann die gebürtige Türkin anderen als Systemische Familientherapeutin dabei helfen, Krisen zu überwinden oder interkulturelle Kompetenzen zu verbessern.

Fast 13 war Birsel Yay, als ihre Eltern sie nach Deutschland nachholten. Als einziges Mädchen unter fünf Brüdern fühlte sie sich unglücklich und allein. Sie wollte zurück zu ihren Großeltern nach Kappadokien und rebellierte mit Magersucht. Nur langsam kann sie in Deutschland an. Machte den Hauptschul- und später den Realschulabschluss, besuchte das Wirtschaftsgymnasium, wurde Bürokauffrau und holte schließlich das Abitur nach.

Nach der Hochzeit und der Geburt eines Kindes ließ ihr Bildungshunger nicht nach. Birsel Yay studierte an der Universität Osnabrück Erziehungswissenschaft und Soziologie mit dem Schwerpunkt Frauenforschung. Sie engagierte sich im Frauenkulturverein Mother Jones, im internationalen Frauennetz und bei der Caritas.

An der Berliner Humboldt-Universität setzte sie ihre Ausbildung fort, wurde Systemische Familientherapeutin und Trainerin für interkulturelle Kompetenzen. In dieser Eigenschaft wird die Osnabrückerin auch in ganz Deutschland angefragt.

Schon während ihrer Ausbildung hatte sich Birsel Aya auf Migranten spezialisiert. Das ist so geblieben, zumal türkischsprachige Therapeuten noch außerordentlich selten sind. „Ich habe Klienten, die sprechen perfekt Deutsch, aber sie können Probleme besser in der Muttersprache erklären“, sagt die Therapeutin. Manche, die in Deutschland keine Hilfe finden, fliegen nach ihrer Erfahrung sogar in die Türkei, um eine Therapie zu machen.

Ein Deutscher reagiere verständnislos, wenn ihm jemand sagt: „Meine Niere brennt.“ Im Türkischen sei das der Begriff, um seelisches Leid zu erklären. Das deutsche „Etwas brennt mir auf der Seele“ treffe es auch nicht, weil ein drängendes Anliegen nicht unbedingt etwas mit seelischem Schmerz zu tun haben muss.

Seit sich Birsel Yay im Herbst vergangenen Jahres selbstständig gemacht hat, therapiert sie hauptsächlich Frauen in Krisen. Meist geht es um familiäre Probleme wie Trennung, Scheidung, körperliche Gewalt und psychische Erniedrigung. Auch die Folgen der Migration können ihren Klienten „auf der Niere brennen“, wie Birsel Yay aus eigener Erfahrung weiß.

Die Familientherapeutin ist in zweiter Ehe mit einem Deutschen verheiratet und hat inzwischen einen deutschen Pass. Als was fühlt sie sich selbst? „Als Kosmopolitin“, sagt Birsel Yay und fügt lachend hinzu: „Ich nenne mich selbst eine getürkte Deutsche. Das ist so schön zweideutig.“