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100 Jahre Wachsamkeit Öko-Agenten seit 1911: Der Osnabrücker NABU feiert am Sonntag sein großes Jubiläum

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Osnabrück. Wenn Charlotte Roche nicht wäre, dann könnte man über den NABU ganz unbefangen sagen: Ein wesentlicher Teil seiner Arbeit sind die Feuchtgebiete. Ohne die Aktivisten vom Osnabrücker Naturschutzbund (NABU) wäre das Venner Moor jedenfalls schon vollständig ausgetrocknet. Und ohne die warnenden Naturschützer hätte das auch wohl kaum jemand mitbekommen. Seit hundert Jahren kämpft der Osnabrücker NABU für den Erhalt natürlicher Lebensräume.

Was als Spleen elitärer Herren begann, ist ein Anliegen für die ganze Gesellschaft geworden. „Als unser Verband gegründet wurde, gab es noch gar keinen Naturschutz im heutigen Sinne“, sagt Andreas Peters. „Naturschutz war damals Vogelschutz. Vögel haben die Menschen schon immer fasziniert.“

Seit den 80er-Jahren ist Andreas Peters engagiertes Mitglied im NABU. 2006 wurde er an dessen Spitze gewählt. Andreas Peters ist Naturschützer durch und durch. Um ihn und sein Selbstverständnis kurz zu beschreiben, nennt man am besten seine E Mail-Adresse, die auch auf der NABU-Homepage steht: oekoagent@aol.com.

An einem windigen Dienstag sitzen Peters und seine Mitstreiterin Jutta Wermke im Garten hinter dem NABU-Hauptquartier. Das Idyll gehört zwar dem Schölerberg-Museum, doch der NABU nutzt es kräftig mit. Schon von Weitem sieht man zwei Nistkästen für Krabbeltiere – im Fachjargon: Insektenhotels.

Käfer, Fliegen und Schmetterlinge genießen noch nicht lange den Schutz der organisierten Naturfreunde. Die kümmerten sich wie erwähnt lange Zeit nur um die natürlichen Feinde der Insekten. Auch wenn der Osnabrücker NABU in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag feiert, seinen Namen tragen er und der 1899 gegründete Bundesverband erst seit Ende der 80er-Jahre. Bis dahin hieß der NABU „Deutscher Bund für Vogelschutz“. Dessen Mitglieder trugen aber bereits Kröten über die Straße und kämpften für den Erhalt von Feuchtgebieten, als man mit dem Begriff noch ausschließlich Moore und Sümpfe verband.

Indem man ihnen dort ihren Lebensraum zurückgab, half man so natürlich auch vielen Vögeln. Nistkästen und Meisenknödel reichten vielleicht noch zu Beginn des Jahrhunderts aus. Der Straßenbau und die weiter fortschreitende Industrialisierung verlangten in den kommenden Jahrzehnten aber deutlich mehr als selbst gezimmerte Unterkünfte und regelmäßige Fütterung.

„Der Vogelschutz entwickelte sich immer mehr zum Flächenschutz“, sagt Andreas Peters. Für den symbolischen Preis von einer Mark kaufte der NABU-Vorläufer 1959 das erste Vogelschutzgehölz am Bröckerweg. Das Motto damals wie heute: Man kann die Arten nur schützen, wenn man ihren Lebensraum schützt.

Die Vogelfreunde von damals zogen aus dieser Erkenntnis allerdings völlig andere Schlüsse als die Naturschützer von heute: „Die haben Nistkästen reingehängt und dann das ganze Gelände einfach eingezäunt“, sagt Andreas Peters. Naturschutz unter Ausschluss der Öffentlichkeit also. Heute wissen Peters und seine Verbandskollegen, dass dieses Konzept nicht funktioniert.

„Die Menschen schützen nur das, was sie kennen.“ Deshalb betreibt der NABU heute auf der Fläche am Bröckerweg sogar eine Art Abenteuerspielplatz. Dadurch liegt dort zwar auch ständig Müll herum, den die Naturschützer zweimal im Jahr aufsammeln müssen; doch das nehmen sie in Kauf.

Wenn Andreas Peters über seine Vorgänger spricht, dann tut er das manchmal mit einem Lächeln, aber ohne jeden Spott. Die Vogelschützer von damals waren wie er Idealisten, die ausschließlich für die Sache kämpften. Gemäß der Zeit aber taten sie das mit einem anderen Verständnis und mit anderen Mitteln.

Den heute vom Aussterben bedrohten Spatz etwa haben damals auch viele Vogelfreunde aus den Nistkästen geworfen. „Man kann sich das jetzt nicht mehr vorstellen, aber der Spatz hat den Bauern die wenige Saat weggepickt und war damit ein Nahrungskonkurrent“, sagt Ornithologe und NABU-Mitglied Gerhard Kooiker.

Bis 1979 die Vogelschutzrichtlinie in Kraft getreten sei, habe für die Elster oder den Eichelhäher übrigens dasselbe wie für den Spatz gegolten: „Jeder durfte sie töten, sie waren also vogelfrei!“

Dass es in dieser Zeit auch Vogelfreunde gab, die ihrem Namen alle Ehre machten, zeigt das Beispiel von Eichelhäher-Hänschen. Bis er tot in der Regentonne lag, weil er wohl sein Spiegelbild auf der Wasseroberfläche angegriffen hatte, lebte das gezähmte Hänschen im Haushalt von Gustav Werfft, dem langjährigen Vorsitzenden des Osnabrücker NABU.

„Um die Tiere hat sich meine Mutter gekümmert, mein Vater war praktisch nicht sehr begabt“, sagt Ruth Werfft. Der Eichelhäher habe sich sein Futter übrigens noch mit einer zahmen Elster teilen müssen – und, ach ja, für einige Zeit hätten sie auch einen Dachs gehabt. „Mit dem sind wir sogar an der Leine spazieren gegangen.“

Ruth Werfft ist 91 Jahre alt. Der Gesprächspartner muss langsam reden, damit sie ihn versteht. Sobald aber die alte Dame spricht, vor allem über ihren Vater, klingt sie fast wie ein Teenager, so viel Begeisterung ist in ihrer Stimme.

„Mein Vater konnte noch bis ins hohe Alter wunderbar mit der Jugend umgehen. Er hat sie wie Erwachsene behandelt, und sie haben ihn geliebt.“ Bei den Leuten hätten seine Zöglinge nur „Vogeljungs“ geheißen, gemeinsam mit ihrem Vater seien sie in den Wald gezogen, hätten dort „aufgeräumt“, Vogelstimmen bestimmt und Nistkästen gebaut.

Über den NABU vor Gustav Werfft gibt es laut Chronist Gerhard Kooinken kaum Aufzeichnungen. Wenn Werfft auch nicht der Gründer des früheren Vogelschutzbundes ist, so hat er ihn in 45 Jahren als Vorsitzender doch maßgeblich geprägt. Als „Syndikus“ (heute Geschäftsführer) der Industrie- und Handelskammer gewann er für den Vogelschutz viele Osnabrücker Honoratioren, unter anderen den früheren Sparkassendirektor Hermann Henning.

Nach Gustav Werffts Tod steckte der NABU für kurze Zeit in der Krise. Es gab interne Querelen, 1978 legte der komplette Vorstand seine Arbeit nieder. „Der Verein drohte, den Bach runterzugehen“, sagt Ruth Werfft.

Das Lebenswerk ihres Vaters sei in Gefahr gewesen, deshalb habe sie schließlich entschieden, für ein paar Jahre den Vorsitz zu übernehmen. „Obwohl ich mit Naturschutz eigentlich nichts am Hut hatte“, sagt die alte Dame und lacht.

Mit dem Tod von Gustav Werfft änderte sich auch die Mitgliederstruktur des NABU. „Dann kamen ja plötzlich die 68er, die ganzen Ökologen“, sagt Gerhard Kooiker. Was abfällig klingt, ist bloße Selbstironie. Gerhard Kooiker gehört selbst zu dieser Generation und ist auch noch Grünen-Politiker.

Die 68er erweiterten den NABU um das, was der heutige Vorsitzende Andreas Peters „die dritte Säule“ nennt. Praktischer Umweltschutz und Umweltbildung, in Form etwa von Exkursionen, das habe schon immer zum NABU gehört. „In den 80er-Jahren wurden wir dann aber auch richtig politisch.“ Der Natur- und Umweltschutz habe sich in dieser Zeit insgesamt mehr eingemischt, die Anti-Atombewegung an erster Stelle.

Heute ist der NABU eine gesellschaftliche Institution. Er wird zu Gesetzgebungsverfahren gehört, die die Natur betreffen, und wenn Angeklagte zu einer Geldauflage verurteilt werden, müssen sie die Strafe nicht selten an den NABU überweisen. „Wir sind also auch auf die Richtergunst angewiesen, deshalb beschicken wir die auch kräftig mit unseren Programmheften“, sagt Andreas Peters.

Neben den Mitgliedsbeiträgen lebt der NABU aber vor allem von Spenden – und die werden trotz eines gestiegenen ökologischen Bewusstseins in der Gesellschaft immer weniger.

Vor einiger Zeit, sagt Andreas Peters, sei das Auto des Kreisverbandes kaputt gegangen. Nach vielen Bitten und Mühen habe dann endlich die Haarmann-Umweltstiftung 5000 Euro für einen neuen Wagen gespendet. „Und auch wir Umweltschützer sind auf ein Auto angewiesen“, sagt Andreas Peters. „Ins Venner Moor kommt man leider nicht mit dem Bus.“


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