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Erstmals bei Kommunalwahl Partei gegründet: Muslime wollen im Osnabrücker Rat mitmischen

Von Cornelia Achenbach

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Die Osnabrücker Erhat Toka und Qamma Shamzar haben die Muslimisch Demokratische Union gegründet. Die Partei tritt bei der Kommunalwahl am 11. September an. Foto: Hermann PentermannDie Osnabrücker Erhat Toka und Qamma Shamzar haben die Muslimisch Demokratische Union gegründet. Die Partei tritt bei der Kommunalwahl am 11. September an. Foto: Hermann Pentermann

Osnabrück. Wenn es eine Christlich Demokratische Union gibt, warum soll es nicht auch eine Muslimisch Demokratische Union geben? Das dachten sich die Osnabrücker Erhat Toka und Shamzad Qammar und gründeten die MDU. Die neue Partei wird bei der Kommunalwahl am 11. September antreten.

Erhat Toka ist heiser. „Ich träume schon davon, Interviews zu geben“, sagt der 38-jährige Leiter einer Kampfkunstschule in der Johannisstraße. Die Medien reißen sich um ihn – zumindest die türkischen. Den deutschen Zeitungen ist der MDU-Kreisvorsitzende noch weitgehend unbekannt. Das soll sich bald ändern: Denn am 11. September treten er und 13 weitere Kandidaten für die Muslimisch Demokratische Union in Osnabrück an.

Islam stärken

Auf dem Stimmzettel wird dann noch von der Muslemisch Demokratischen Union die Rede sein. Ein Übersetzungsfehler: Muslimisch soll es heißen. „Aber das macht keinen Unterschied“, meint Erhat Toka.

Der Familienvater sitzt in seiner Kampfschule neben Shamzad Qammar und nimmt ein Wahlplakat der MDU in die Hand. „Mehr Gerechtigkeit“ steht auf dem Plakat, „Arm trotz Arbeit“ und „Löhne sinken – Gewinne steigen“. Vom Islam ist keine Rede, auch die Abkürzung MDU wird nicht entschlüsselt. „,Ist das die Marxistisch Demokratische Union?‘, hat uns ein Punker gefragt“, sagt Toka und lacht. An ihre Wahlwerbung müssen sie wohl noch einmal ran.

Aber es ging ja auch alles so schnell: Im Oktober fassten Toka und Qammar den Entschluss, eine Partei zu gründen, im April traute man sich damit noch etwas zaghaft in die Öffentlichkeit, doch inzwischen zählt die MDU 120 Mitglieder, in erster Linie Freunde und Bekannte, wie Toka und Qammar zugeben. Dann hieß es Unterschriften sammeln, um sich überhaupt für die Kommunalwahl aufstellen lassen zu können.

Na, bei dem Wählerpotenzial dürfte das doch nicht so schwierig sein, die nötigen 30 Unterschriften pro Kandidat zu finden. „Von wegen“, sagt Toka und seufzt. „Kilometerweit sind wir gelaufen, manchmal haben wir in drei Stunden nur drei Unterschriften gesammelt.“ Denn noch mal zur Erinnerung: Wahlberechtigt sind bei der Kommunalwahl nur EU-Bürger. In Deutschland lebende Türken ohne deutsche Staatsbürgerschaft können die MDU zwar gut finden und moralisch unterstützen – nur wählen dürfen sie die Partei nicht.

Doch vor der Wahl steht das Wahlprogramm: Was will die MDU überhaupt? „Wir möchten die Rechte der Muslime in Deutschland stärken“, sagt Qammar.

Die Idee, eine Partei zu gründen, sei aus der Unzufriedenheit der vergangenen Jahre entstanden. „Wir haben uns von keiner der etablierten Parteien mehr angesprochen gefühlt. Muslime leben seit 40 Jahren friedlich hier, doch mit dem 11. September wurde alles umgekrempelt. Schon dreimal war die Polizei bei mir zu Hause, nur weil ich zum Beten in einer Moschee war“, sagt Qammar. „Verdachtsunabhängige Kontrollen“, erläutert Erhat Toka das Vorgehen.

Christen in der MDU

In ihm fand der Angestellte eines Telekommunikationsunternehmens Shamzad Qammar schnell einen Mitstreiter. „Ich wusste ja, dass Erhat bereits viel Öffentlichkeitsarbeit geleistet hat.“ Abgesehen von Gewaltpräventionskursen an Schulen fungierte Toka als ehrenamtlicher Pressesprecher des Bündnisses Islamischer Gemeinden in Osnabrück.

Ähnlich wie Qammar möchte er sich künftig an politischen Entscheidungen beteiligen, da man nur so Integrationspolitik eine wirkliche Chance geben könne. „Ich bin in Lengerich geboren und kenne die Türkei nur aus dem Urlaub. Viele Deutsche – wobei ich ja selbst Deutscher bin – kennen die Türkei besser als ich, weil sie dort öfter Urlaub machen.“ Die Interviews mit „Hürriyet“ und „Zaman“, den auflagenstärksten türkischen Zeitungen, waren eine gute fremdsprachliche Übung, sagt Toka.

Und wie soll sie nun aussehen, die Stärkung der Rechte der Muslime? „Wir möchten, dass der Islam als Religion in Deutschland anerkannt wird“, sagt Qammar. Dabei gehe es aber nicht darum, wie die christliche Kirche Steuereinnahmen zu erhalten, sondern allein um die Anerkennung. Auch ein islamischer Religionsunterricht sei ein wichtiger Punkt. Und was möchte die MDU sonst? Shamzad Qammar dreht auf: „Wir geben Milliarden für Banken aus, führen aber ewige Diskussionen darüber, ob man einem Hartz-IV-Empfänger fünf Euro mehr geben soll. Wir reden immer nur über Export, Export, Export, stärken aber nicht den Binnenmarkt.“ Sozialpolitik – für die MDU ein großes Thema.

Bundestagswahl

Denn die Partei soll nicht ausschließlich eine Partei von und für Muslime sein. Auch Christen können Mitglied werden, wie das Beispiel von Dennis Ehlers zeigt, der im Wahlbereich zwei (Schinkel) antritt. Christen haben zudem im Vorfeld der Wahl ihre Unterschrift für die Kandidatur der MDU gegeben. Zudem sind unter den Gründern Türken, Ägypter, Marokkaner, Pakistaner und Ugander, von einer „Türken-Partei“ könne also nicht die Rede sein.

Die MDU ist auch keinem Verband und keiner Organisation angeschlossen. Die Partei möchte auf eigenen Beinen stehen und bald auch bundesweit eine Rolle spielen. Die beiden Osnabrücker geben sich selbstbewusst: „Wir bereiten uns schon auf die Bundestagswahl und die Europawahl vor. Aus mehreren Städten gibt es Anfragen zur Gründung eines Ortsverbandes.“ Doch vor Brüssel und Berlin kommt Osnabrück. Und hier müssen neue Plakate aufgehängt werden. Toka nickt. Alles schon im Druck.


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