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„Quellen akademisch reflektieren“ Sieben Professuren am Institut für Islamische Theologie


Osnabrück. Es riecht nach frischer Wandfarbe, in einigen Büros stehen schon Schreibtische und Stühle, andere sind noch ganz leer. Das neue Institut für Islamische Theologie zieht in eine großzügige Etage am Kamp. Die neue Adresse mitten in der Stadt darf man in doppelter Hinsicht verstehen: Mit einem eigenen Studiengang kommt der Islam mitten in der Gesellschaft an. „Normalisierung, Partizipation und Beheimatung sind Schlüsselbegriffe für uns“, sagt Bülent Ucar, Professor für Islamische Religionspädagogik.

„Der Schritt zur Akademisierung ist ein Akt der Anerkennung“ sagt auch Rauf Ceylan, Professor für Religionswissenschaft mit Schwerpunkt Religionspädagogik. Als Soziologe ist für ihn wichtig, dass man „für Theologie die Gesellschaft kennen muss“ und im Studium „fachlich und menschlich Anschlussfähigkeit gewinnt“ an die anderen Religionen. Ceylan und Ucar verkörpern den modernen Typ des islamischen Gelehrten: in Deutschland geboren und verwurzelt, mit selbstbewusstem Auftreten und Smartphone auf dem Tisch.

Vorbereitet wurde der neue Studiengang am Zentrum für interkulturelle Islamstudien, das es an der Uni Osnabrück seit vier Jahren gibt. Hier konnte man bei den Professoren Ucar und Ceylan islamische Religionspädagogik nur als Erweiterungsfach studieren oder eine Fortbildung für Imame und anderes religiöses Personal über zwei Semester besuchen. Nun gibt es einen Qualitätssprung: Islamische Theologe wird ab dem kommenden Wintersemester als Bachelor und Master angeboten, man kann promovieren und sich habilitieren. Auch die islamische Religionspädagogik wird aufgewertet. Erstmalig in Deutschland wird sie als reguläres zweites Unterrichtsfach angeboten.

Aufwertung

Mit sieben geplanten Professuren entsteht in Osnabrück bundesweit das größte Institut. Eine Kooperation mit Münster, wo fünf Professorenstellen geplant sind, hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung vorgeschrieben. Bundesweit wird es noch drei weitere Institute geben: in Erlangen/Nürnberg, Frankfurt/Gießen und in Tübingen.

„Wir wollen, dass die Muslime ihre Quellen akademisch reflektieren können“, sagt Rauf Ceylan. Ein Muss im Studium ist deshalb das Erlernen der arabischen Sprache. Die Quellen der islamischen Religion muss man lesen können, um wissenschaftlich rational damit umgehen zu können. Beide Professoren gehen fest davon aus, dass die Meinungsvielfalt innerhalb des Islam in Deutschland durch die Akademisierung sich entwickelt. „Man unterschätzt hierzulande die Interpretationsvielfalt des Islam“, so Ceylan.

Im Moment allerdings gibt es diese inhaltlichen Debatten noch nicht. Der Aufbau des Instituts braucht alle Ressourcen. Man fängt fast bei null an. Woher plötzlich das qualifizierte Personal für die Lehre nehmen? Deshalb werden zunächst nur Forschungsprofessuren ausgeschrieben und Promotionsstellen vergeben. Erst in fünf bis zehn Jahren hat man vermutlich am Institut die Wissenschaftler qualifiziert, die man für die Lehre dringend braucht. Der Bedarf ist enorm. Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen haben entschieden, islamischen Religionsunterricht als reguläres Fach für muslimische Schüler einzuführen. Allein dafür werden Tausende Lehrer gesucht.


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