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Calmeyer-Ausstellung in Den Haag Er rettete Juden und riskierte viel


Den Haag/Osnabrück. Calmeyer hat ihr Leben gerettet. Er hatte sein Büro im Haager Binnenhof, und Ruth van Galen war noch ein junges Mädchen. Im Rathaus von Den Haag, nur 300 Meter von Calmeyers Dienststelle entfernt, ist jetzt eine Ausstellung über den Osnabrücker Rechtsanwalt zu sehen, der mehrere Tausend Juden vor den Gaskammern der Nazis gerettet hat.

Als Saboteur des Holocaust ist Hans Calmeyer (1903 – 1972) in Deutschland erst nach seinem Tod bekannt geworden. Die israelische Gedenkstätte Yad Vashem hat ihm den Ehrentitel „Gerechter der Völker“ verliehen. In den Niederlanden wurde seine Rolle als Rädchen im Getriebe des NS-Apparats aber bislang eher zwiespältig gesehen.

Die Ausstellung „Ich bin kein Held“ fordert zur Auseinandersetzung mit diesem deutschen Juristen auf, der 1941 wegen seiner Sprachkenntnisse zum Leiter der Entscheidungsstelle für Abstammungsfragen in Den Haag berufen wurde, für Menschen mit jüdischer Abstammung die Entscheidungsstelle über Leben und Tod. Inhaltlich gestaltet wurde die Ausstellung von dem Osnabrücker Historiker Dr. Joachim Castan, finanziert wurde sie von der Euregio, dem Prins Bernhard Cultuurfonds, der Deutschen Botschaft in den Niederlanden und der Stadt Osnabrück.

„Er war kein Nationalsozialist und kein Antisemit, er sympathisierte mit den Juden, und er war unbestechlich.“ So beschrieb Ruth van Galen-Herrmann ihren Lebensretter Hans Calmeyer in ihrer Rede zur Ausstellungseröffnung. Sie und ihre beiden Geschwister entkamen der Mordmaschine der Nazis, weil Calmeyer ihre gefälschten Abstammungserklärungen akzeptierte. Aber ihre Eltern wurden in Bergen-Belsen ermordet.

Die 1926 geborene Juristin, die im niederländischen Justizministerium gearbeitet hat, wendet sich seit Jahren entschieden gegen Vorbehalte, die Calmeyer von ihren Landsleuten entgegengebracht werden. Erst nach ihrer Pensionierung hat sie sich eingehend mit dem Holocaust in den Niederlanden auseinandergesetzt. Und mit der Frage, was für ein Mensch Hans Calmeyer war.

Ruth van Galen-Herrmann ist überzeugt, dass Calmeyer aus menschlichen Beweggründen Juden rettete und dabei ein hohes Risiko einging. Hätte er seine Arbeit in der Entscheidungsstelle für Abstammungsfragen quittiert, wäre der ganze Schwindel aufgeflogen, und die von ihm „arisierten“ Juden wären doch noch in die Vernichtungslager gekommen.

Die Juristin warf eine entscheidende Frage auf, vor der Calmeyer unablässig stand: Sollte er mehr Menschen retten, indem er mehr Anträge bewilligte? Damit wäre das Risiko gestiegen aufzufliegen. Es gehe nicht um die Frage, ob Calmeyer ein Held gewesen sei, vermerkte Ruth van Galen-Herrmann in ihrer Ansprache. Sondern ob er in einer unglaublich schwierigen Situation verantwortlich gehandelt habe.

Dass in Den Haag eine Ausstellung über Hans Calmeyer gezeigt wird, mag ein Indiz sein, dass sich das Bild dieses ambivalenten Deutschen in der niederländischen Öffentlichkeit wandelt. Ausstellungsmacher Castan mutet seinen niederländischen Gastgebern zugleich ein Kapitel über die Kollaboration mit den Nationalsozialisten zu – ein Thema, das lange Zeit tabuisiert wurde. Auf einem Plakat der Ausstellung ist die Hakenkreuzfahne neben der niederländischen Flagge zu sehen. Und niemand regt sich darüber auf.

Die Ausstellung steht im Stadhuis, einem riesigen Verwaltungsbau im Zentrum von Den Haag. Viele Passanten, die Ämter oder Geschäfte aufsuchen wollen, kommen in dem ausladenden Foyer an den Stellwänden vorbei. Zum Beispiel Willem van Toor (64), der mit dem Namen Calmeyer bislang nichts anzufangen wusste. Bei seinem Rundgang fiel sein Blick längere Zeit auf die Aussage, dass in den Niederlanden ein höherer Anteil Juden deportiert wurde als in den meisten anderen von den Nazis besetzten Ländern. Das habe wohl am perfekten Einwohnermeldewesen gelegen, konstatierte er nachdenklich.

Leo Pelgrom (74) ist der Name Calmeyer dagegen seit seinem achten Lebensjahr ein Begriff, weil er aus einer jüdischen Familie stammt. Für ihn ist es heute noch „unglaublich“, was die Deutschen damals angerichtet haben. Gerade die Deutschen, die doch auch einen Bach und einen Beethoven hervorgebracht haben, wie er sagt.

An der Ausstellungseröffnung nahm auch Dr. Heinz-Peter Behr teil, der deutsche Botschafter in den Niederlanden. In Gesprächen mit Bürgermeisterin Karin Jabs-Kiesler und dem Calmeyer-Biografen Peter Niebaum entstand die Idee, die Calmeyer-Ausstellung demnächst auch im Auswärtigen Amt in Berlin zu zeigen.


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