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Die bizarre Phantomzeit-Theorie stellt das Mittelalter auf den Kopf Karl der Große nur erfunden?

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Die Büste Karl des Großen in der der Domschatzkammer in Aachen.Foto:dpaDie Büste Karl des Großen in der der Domschatzkammer in Aachen.Foto:dpa

Osnabrück. Am 1. Mai 712 war das finstere Mittelalter noch finsterer als ohnehin schon. Diesen Tag gab es nämlich gar nicht. Mehr noch: Es gab auch den Monat und das Jahr nicht, genauso das Jahrzehnt und das ganze Jahrhundert. Das zumindest glauben die Anhänger der Theorie vom erfundenen Mittelalter, auch Phantomzeit-Theorie (oder PHZ) genannt.

Sie meinen es absolut nicht als Scherz, wenn sie sagen, dass gut 300 Jahre erfunden seien. Konkret soll auf das Jahr 614 das Jahr 911 gefolgt sein. Urheber der Theorie ist Heribert Illig (*1947), der zwar sicher besser rechnen kann, als man jetzt vielleicht denkt, aber von anderen Mittelalterforschern wie dem Mediävisten Michael Borgolte abschätzig als „Sektenführer“ tituliert wird. Illigs Theorie geht so: Die Kalenderreform durch Papst Gregor XIII. im Jahr 1582 sei aus rätselhaften Gründen extrem fehlerhaft durchgeführt worden. Illig entwickelt daraus die Theorie der fehlenden Jahrhunderte. Genau genommen will er als Differenzzeit genau 297 Jahre berechnet haben, es handele sich um den Zeitraum von September 614 bis August 911. Geschichtsschreiber sollen sich alle Ereignisse dieser Jahrhunderte später praktisch aus den Fingern gesogen haben, etwa Leben und Wirken Karls des Großen. Alles erfunden?

Die Geschichtswissenschaft betrachtet die These des erfundenen Mittelalters als absurd. Sie ist einfach zu leicht zu widerlegen. Zwar gab es bei den kalendarischen Reformen manche Rechenfehler und Ungenauigkeiten, doch hat sich die Abweichung von der Einführung des julianischen Kalenders 46 v. Chr. bis 1582 auf 12,48 Tage summiert, und nicht auf 297 Jahre. Auch gibt es Tausende Dokumente aus jener Zeit, die es angeblich gar nicht gegeben hat. Und schließlich die Frage nach dem Motiv: Wer würde von diesem 300-Jahre-Betrug profitieren? So wird die Theorie denn auch als Verschwörungstheorie behandelt.

Verschwörungstheorien sind enge Verwandte des Verfolgungswahns. Nach Ansicht von Psychologen sind Personen, die sich in der Welt hilf- und machtlos fühlen, besonders anfällig für Verschwörungstheorien. Sie tendieren dazu, überall neue Muster und Verbindungen zu sehen – auch dort, wo es gar keine gibt..Kontrollverlust wird von der Psyche als extrem starke Bedrohung wahrgenommen. Der energische Versuch, die Kontrolle wiederherzustellen, kann auch die Wahrnehmung der Realität schwer verzerren. Und das kann dann so weit gehen, dass man glaubt, irgendeinen Tag habe es gar nicht gegeben. Oder auch den ganzen Monat und das Jahr nicht und das Jahrzehnt und das Jahrhundert.

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