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Der Konsumtempel im Wirtschaftswunderland

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Der 7. Juli 1955 war ein Donnerstag. In den Kinos hatte der Spielfilm "Jenseits von Eden" mit James Dean Premiere. Und Hans-Günther Winkler gewinnt mit seiner Wunderstute "Halla" die Weltmeisterschaft der Springreiter in Aachen. Die Sensation in Osnabrück aber war die Eröffnung des Kaufhauses Merkur an der Wittekindstraße: Angeblich sollen 40000 Menschen an diesem Tag durch das Haus geströmt sein.

Wenn das Wirtschaftswunder der jungen Bundesrepublik Deutschland einen Namen hat, dann lautet er in Osnabrück ganz eindeutig "Merkur". Nicht allein weil sich dahinter der wundertätige römische Gott der Kaufleute und des Gewerbes verbirgt, sondern weil das Kaufhaus Merkur für Osnabrück eine völlig neue Dimension des Einzelhandels eröffnet hat: Das Prinzip des "alles unter einem Dach", die Magazine des Luxus und der Moden gab es bis dahin allenfalls in Weltstädten wie Paris und London, in Berlin, Frankfurt, Hamburg oder Leipzig.

Schon die Entstehungsgeschichte des Hauses Merkur war rekordverdächtig. Im Februar 1955 begannen die Abbrucharbeiten auf dem Trümmergelände zwischen Möserstraße und der Hase. Einstmals hatte hier das Hotel Germania gestanden. Davon waren nur Trümmer geblieben, aber dann gab es da noch einen massiven Rundbunker, zuletzt als bewachter Fahrradstand genutzt. Den mussten die Arbeiter im Februar erst einmal mit Presslufthämmern in Stücke zerlegen.

Von März bis Juni, in heute unvorstellbaren 99 Tagen, wuchs der Rohbau empor. 60 Meter lang und 28 Meter breit, ein Kellergeschoss und dann fünf Stockwerke.

6800 Quadratmeter Verkaufsfläche: Das Merkur war mit seiner Rasterfassade und dem Staffelgeschoss das eindrucksvollste und modernste Bauwerk der Stadt Osnabrück und damals auch der modernste Warenhaus-Neubau Europas: "Ein Optimum an Preiswürdigkeit und Qualität" - noch ein Superlativ - versprach denn auch Merkur-Generaldirektor Dr. Fonk bei der Eröffnung den Osnabrückern.

Peter Wiemeyer war an diesem denkwürdigen Tag als jüngster "Stift" dabei. Er hatte im Juni 55 seine Lehre als Dekorateur begonnen und ist im Jahr 2003 in den Ruhestand gegangen: Als sich an diesem 7. Juli um 15.30 Uhr nach der offiziellen Eröffnung am Vormittag endlich auch für die Kundschaft die Türen öffneten, "da brach der Verkehr auf der Wittekindstraße zusammen". Immerhin standen die Menschen dicht gedrängt bis zur gegenüberliegenden Straßenseite. "Wir hatten Zählwerke in die Hand bekommen", berichtet Peter Wiemeyer, "allein an meinem Eingang wurden 6000 Menschen gezählt." Manche Jungen sollen dort schon Stunden vorher die besten Plätze verteidigt haben und kannten in Wahrheit nur ein Ziel: stundenlang Rolltreppe fahren!

Denn so etwas hatten die Osnabrücker noch nicht gesehen: Das Kaufhaus Merkur war angetreten mit dem Anspruch, künftig die Rolle als "Nummer1" im Einzelhandel der Stadt zu spielen. Mit einem Vollsortiment mit über 60000 Artikeln, von den "Waren des täglichen Bedarfs" bis hin zur Damen- und Herrenkonfektion, zu Radio und Fernsehen und Elektrogeräten. Selbst Teppiche und Kleinmöbel waren im Angebot.

Unvergesslich die Phonobar im dritten Stock: Da drehten sich Rudi Schurickes "Caprifischer" oder Fred Bertelmanns "Lachender Vagabund" auf dem Plattenteller - und wer beide Hörer ans Ohr presste, der glaubte bereits den neumodischen Raumklang "Stereo" zu hören.

Wer aber von den Strapazen des Auswählens ermattet war, konnte sich in der vierten Etage im hauseigenen Restaurant mit dem überaus nüchternen Titel "Erfrischungsraum" oder in der ein wenig kapriziöseren Milchbar nebenan erfrischen.

Dabei müssen die Warenpräsentation und das Einkaufserlebnis wirklich beeindruckend gewesen sein. Peter Wiemeyer schwärmt heute noch ein wenig von den adretten Verkäuferinnen mit braunen Satinkitteln, "jede bekam zwei Kittel, dazu vier weiße Kragen zum Wechseln", er berichtet von den Präsentations-Carrees, jeweils besetzt mit drei Verkäuferinnen und einer Kassiererin: "Die Registrierkassen mussten noch von Hand gedreht werden." In Zeiten der Selbstbedienung unvorstellbar: Im Hause Merkur arbeiteten damals 600 Verkäuferinnen. Allein die Preisauszeichnung zählte 70 Köpfe.

Die Rolltreppen allerdings baggerten die verehrte Kundschaft zunächst einmal nur aufwärts; zurück ging es dann über das Treppenhaus im Stil der Nierentisch-Epoche. Erst beim Umbau 1964 kamen vier weitere Rolltreppen ins Haus. Da wurde aus "Merkur" zudem "Horten". Es entstanden der Lebensmittel-Supermarkt, das Parkhaus und die charakteristische Waben-Fassade aller Horten-Häuser. 1995 übernahm der Kaufhof-Konzern das Haus und nannte es "Galeria Kaufhof".

Der "Kaufhaus-König" Helmut Horten war übrigens zur Eröffnung des damals 37. Haus seines Konsumenten-Imperiums auch in Osnabrück; ob er selbst das Wort ergriffen hat, ist nicht überliefert. Neun Jahre später reiste er schon im schwarzen Rolls-Royce an.

Welche Spuren das Haus "Merkur" aber bei den Osnabrückern hinterlassen hat, lässt sich an folgender Anekdote ablesen: Vor nicht einmal fünf Jahren stieg eine alte Dame ins Taxi und sagte zu dem Fahrer: "Junger Mann, fahren sie mich mal nach Merkur." Der Student war irritiert, aber clever: Er ließ sich von seinem Fahrgast lotsen, bis in die Möserstraße: "Sehen Sie, das ist doch Merkur!"


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