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Wie’s Wetter wohl wird? Bauernregeln haben eine lange Tradition – Forscher: Manche mit Trefferquote von 65 Prozent


Osnabrück. Meine Mutter hält sich konsequent daran: Vor dem 15. Mai pflanzt sie keine Blumen in den Garten. Warum nicht? Weil es bis zu diesem Tag, der „kalten Sophie“, nachts noch frieren kann – das sagt eine alte Bauernregel.

„Vor Nachtfrost du nicht sicher bist, bis Sophie vorüber ist“, heißt es, und gemeint ist damit die Zeit der sogenannten Eisheiligen vom 11. bis zum 15. Mai. Der Bauernregel zufolge droht in dieser Zeit die letzte Kälteperiode mit Nachtfrostgefahr, bevor endlich wärmere Temperaturen Einzug halten.

Auch wenn manche Bauernregeln mit ihren seltsamen Reimen zum Schmunzeln einladen: Sie enthalten meistens mehr als nur ein Quäntchen Wahrheit. Zum Teil lassen sich ihre Wurzeln sogar bis in die Antike zurückverfolgen. Schon damals haben Gelehrte Zusammenhänge zwischen Wetterverhältnissen und astronomischen Beobachtungen hergestellt. Andere Sprüche beruhen auf den späteren Erfahrungen der Landbevölkerung – deswegen heißen sie auch Bauernregeln. Die Existenz der Menschen auf dem Land, die auf dem Feld arbeiteten und Vieh hielten, war stark von der Witterung abhängig: Schlechte Ernten bedeuteten wenig Einkommen. Und so zielen denn auch viele Bauernregeln – wie die der „kalten Sophie“ – darauf ab, über Wetterverhältnisse der nächsten Wochen Auskunft zu geben, und somit darüber, was auf dem Hof und den Feldern getan werden muss oder wie möglicherweise die Ernte ausfallen wird. Eng verknüpft mit diesen Prognosen sind die sogenannten Lostage. Das sind feststehende Tage im Kalender, meistens an kirchliche Feiertage angelehnt, die traditionell zur Wettervorhersage herangezogen werden.

Der bekannteste von ihnen ist sicherlich der Siebenschläfertag am 27. Juni: „Regnet es am Sieberschläfertag, es sieben Wochen regnen mag“, sagt der Volksmund. Und so hoffen die Menschen sogar heutzutage noch auf sonnig-warmes Wetter, damit sie sich auf den Sommer freuen können. Früher dürften die Bauern wirklich gebangt haben: Regen in den folgenden Wochen war gleichbedeutend mit einer schlechten Ernte.

Übrigens hat der Siebenschläfer, ein possierliches Nagetier, mit diesem Tag nichts zu tun. Der Name geht vielmehr auf eine Legende zurück, die sowohl im Christentum als auch im Islam überliefert ist. Demnach sollen sieben Brüder während der Christenverfolgung in den ersten Jahrhunderten nach Jesu Geburt in einer Höhle bei Ephesus in der heutigen Türkei eingemauert worden sein. Statt zu sterben, schliefen sie ein und erwachten etwa 200 Jahre später wieder, was als Wunder Gottes gefeiert wurde.

Regen lieber im Mai

Regen am Sieberschläfertag war also nicht erwünscht – im Mai dagegen umso mehr: „Ist der Mai kühl und nass, füllt’s dem Bauern Scheun’ und Fass“, reimt die Bauernregel. Verbunden mit diesem Spruch war die Hoffnung, dass das Korn bei ausreichender Bewässerung gut wächst. Wie verheerend ein zu heißer und trockener Mai sein kann, erleben wir sogar heute noch: In diesem Jahr gab es im Wonnemonat zu wenig Regen und zu viel Sonne, und sogleich bangten die Landwirte um ihre Ernteerträge.

Eine weitere Möglichkeit, Aufschluss über das kommende Wetter zu erhalten, waren übrigens Tierbeobachtungen: Die Menschen bemerkten, dass Tiere besonders empfindlich auf Witterungsumschwünge reagierten und sie oft bereits vorhersahen, bevor der Mensch überhaupt eine Änderung erkannte. So wurde das Verhalten der Tiere gedeutet und Rückschlüsse gezogen, die zum Beispiel wie folgt klingen: „Fliegen die Schwalben in den Höh’n, kommt ein Wetter, das ist schön.“ Oder im Umkehrschluss: „Wenn die Schwalben niedrig fliegen, werden wir bald Regen kriegen.“ Begründet wurde dieses Phänomen später damit, dass die Thermik bei schönem Wetter die Beutetiere der Schwalben – kleine Insekten – nach oben treibt, sodass sich auch die Vögel höher in die Lüfte schwingen. Ein Irrtum, fanden Forscher der Universität Bern 2009 heraus: Der Luftdruck sei wesentlich entscheidender für die Flughöhe der Insekten, und der könne bei eher wechselhaftem Wetter auch mal niedrig sein. Dann würden die Schwalben bei Sonnenschein hin und wieder dicht über dem Boden fliegen.

Lässt sich der Schwalbenspruch somit durch wissenschaftliche Beobachtungen in Zweifel ziehen, klingen andere Bauernregeln schon beim Hören gewagt. Oder wer würde sich auf einen Reim wie „Am Neujahrstage Sonnenschein lässt das Jahr uns fruchtbar sein“ verlassen? Eher abergläubisch mutet auch die Huldigung der Amsel als Hausbeschützerin an: „Wenn eine Amsel im Haus, so bleibt der Blitz daraus.“

Schafskälte im Juni

Dichter an der Wirklichkeit sind da doch die Vorhersagen der Wärme- und Kälteperioden, die sich immer wiederkehrend im Jahr beobachten lassen und deshalb in die Bauernregeln eingeflossen sind. So bezeichnet die Schafskälte ein Wetterphänomen, das Meteorologen zufolge immerhin mit einer Wahrscheinlichkeit von knapp 90 Prozent eintritt: Um den 11. Juni herum fallen die Temperaturen nach den ersten warmen Tagen im Mai noch einmal rapide ab, bevor sich der Sommer einstellt. Ihren Namen hat dieses Phänomen im Übrigen von den Schafen, die zu dieser Zeit häufig schon geschoren worden sind und deshalb frieren müssen. Nichts mit Tieren haben hingegen die sogenannten Hundstage zu tun, dem Volksmund zufolge eine Hitzeperiode vom 23. Juli bis zum 24. August. Ihr Name geht auf ein astronomisches Ereignis zurück, das schon die alten Ägypter und Griechen beobachteten: Sirius, der Hauptstern im namensgebenden Sternbild Großer Hund, erscheint am Morgenhimmel. Einen Monat dauert es, bis das Sternbild vollständig zu sehen ist. Dass diese Wanderung in die heißeste Zeit des Jahres fällt, halten Experten für Zufall. Die Bauernregel reimt hierzu: „Hundstage heiß, bringen dem Bauern viel Schweiß“ – ist doch der August die Zeit der anstrengenden Getreideernte.

Wie viel Wahres an den unzähligen Sprüchen dran ist, darüber entbrennt immer wieder Streit. Manche, sagen Forscher, haben eine Trefferquote von etwa 65 Prozent, treffen also in zwei von drei Jahren zu. Zu bedenken ist jedoch bei den alten Regeln, die sich auf Lostage beziehen, dass sie nach der gregorianischen Kalenderreform nicht umdatiert worden sind. Als Papst Gregor XIII. im Jahr 1582 den bis dahin gültigen julianischen Kalender korrigierte, übersprang er dafür zehn Tage – die auf die Lostage eigentlich draufgerechnet werden müssten. Das hieße, nicht das Wetter vom Siebenschläfertag am 27. Juni wäre bestimmend, sondern vom 7. Juli. Anscheinend haben die Bauernregeln vorgesorgt, gibt es doch wettervorhersagende Sprüche für den 2. Juli („Mariä Heimsuch wird’s bestellt, wie’s Wetter 40 Tag’ sich hält“) oder den 10. Juli („Wie’s Wetter am Siebenbrüdertag, es sieben Wochen bleiben mag). Wer also nach Bauernregelart das Sommerwetter prophezeien möchte, sollte sich nicht nur auf den 27. Juni konzentrieren, sondern auch die erste Juliwoche im Blick haben – und dann hoffen, dass dieses Jahr ein gutes Jahr für die Trefferquote des alten Volksglaubens ist.


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