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380-Kilovolt-Stromleitungen Keine durchgängige Erdverkabelung in Region Osnabrück

Von Jean-Charles Fays | 12.10.2015, 22:25 Uhr

Auf den Stromtrassen in der Region Osnabrück ist keine durchgängige Erdverkabelung möglich. Daran ändert auch das geplante Vorranggesetz für Erdkabel nichts, das das Bundeskabinett in der vergangenen Woche gebilligt hat.

Auf der Trasse 16 zwischen Bad Essen-Wehrendorf über Osnabrück-Lüstringen, Melle-Wellingholzhausen bis nach Gütersloh kommt allenfalls auf kurzen Abschnitten eine Erdverkabelung infrage.

Das Bundeskabinett hat in der vergangenen Woche beschlossen, dass rund 1000 neu geplante Leitungskilometer unter die Erde kommen. Das betrifft aber vorwiegend die Stromautobahnen „Südlink“ und „Südost“. Die Gleichstrom-Höchstspannungsleitungen (HGÜ) sollen den in Norddeutschland gewonnenen Windstrom in den Süden bringen. Gleichstrom-Freileitungen sollen dann nicht mehr gebaut werden, wenn Wohnbebauung in weniger als 400 Metern an einer Trasse liegt.

Trasse 16 ist eine Strombundesstraße mit Wechselstrom

Der Projektsprecher für die Trasse 16 des Übertragungsnetzbetreibers Amprion, Arndt Feldmann, erläutert jedoch: „Bei der Trasse 16 handelt es sich um keine Stromautobahn wie Südlink, sondern um eine Strombundesstraße. Der Hauptunterschied ist: Dort haben wir keinen Gleich-, sondern Wechselstrom. Und Erdkabel sind bei Wechselstrom wesentlich komplizierter.“ Er verweist zwar darauf, dass Deutschlands erste Boden-Höchstspannungsleitung in Raesfeld bei Münster bereits verlegt worden ist. Doch es handle sich bei dem Wechselstrom-Erdkabel um ein sehr aufwendiges Pilotprojekt. Um Erdkabel auf einer 3,4 Kilometer langen Strecke zu verlegen, bedurfte es eineinhalb Jahre und einer 42 Meter breiten Trasse. Das Kabel kostete 30 Millionen Euro und nach Amprion-Angaben damit sechs Mal soviel wie eine vergleichbare Überlandleitung. Die Gleichstromleitungen auf den Stromautobahnen brauchen laut Feldmann nicht soviel Platz für die Kabeltrasse. Außerdem gebe es weniger Transportprobleme. „Für die Stromautobahnen sind große Konverteranlagen erforderlich, die den Strom erst in Gleichstrom und am Ende des Weges im Süden dann wieder zurück in den üblichen Wechselstrom umwandeln. Diese Konverter sind sehr teuer und sie lohnen sich nur auf den langen Stromautobahnen“, erklärt Feldmann.

Zahlreiche Trassenkonflikte machen weitere Pilotstrecken möglich

Die Koalitionsspitzen hatten sich schon im Juni darauf verständigt, dass neben dem Vorrecht für Erdkabel auf den Stromautobahnen auch weitere Pilotprojekte für Wechselstrom in das Energieleitungsausbaugesetz (EnLAG) aufgenommen werden. Neben den bislang geplanten vier Pilotstrecken zur Erprobung der Teilerdverkabelung im Höchstspannungsnetz wie etwa in Raesfeld ist nun auch eine Teilerdverkabelung auf der gesamten Trasse 16 zwischen Bad Essen-Wehrendorf über Osnabrück-Lüstringen, Hilter-Borgloh, Melle-Wellingholzhausen (alle im Landkreis Osnabrück) bis nach Gütersloh möglich. Zuvor war auf dieser Trasse nur ein Erdkabel-Pilotprojekt im Bereich der Umspannanlage Osnabrück-Lüstringen im Gespräch. Außerdem sollen auch für Merzen im Landkreis Osnabrück über Cloppenburg bis Conneforde im Landkreis Ammerland Teil-Erdverkabelungen zugelassen werden. Teilerdverkabelungen sollen auch auf den geplanten Stromtrassen zwischen Dollern (Landkreis Stade) und Landesbergen (Landkreis Nienburg/Weser) möglich gemacht werden. Die Bundesregierung begründet das mit der „besonderen räumlichen Situation und zahlreichen Trassenkonflikten“, die keine reine Freileitungstrasse zuließen.

 Weiterlesen: Weitere Erdkabel-Pilotprojekte im Nordwesten möglich 

Feldmann warnt aber davor, die Situation auf diesen Trassen mit dem Vorrang für Erdkabel auf den Stromautobahnen gleichzusetzen. „Denn auf diesen Trassen wird es aufgrund der komplizierten Technik für Wechselstrom-Erdkabel nur in wenigen Abschnitten über wenige Kilometer Erdkabel geben“, prognostizierte Feldmann.

Bundestag muss Vorranggesetz für Erdkabel noch beschließen

Wo genau die Erdkabel in der Region Osnabrück verlegt werden, lasse sich noch nicht sagen, „weil wir uns noch im Raumordnungsverfahren befinden“. Daher würden zurzeit noch die Besiedelungsgebiete und die Bodenbeschaffenheiten geprüft. Außerdem müsse nach dem Kabinettsbeschluss auch der Bundestag das neue Vorranggesetz für Erdkabel erst noch beschließen.

2800 Kilometer Höchstspannungsleitungen bis 2024

Rund 2800 Kilometer Höchstspannungsleitungen sollen im Rahmen der Energiewende bis 2024 neu errichtet werden, um den Windstrom nach Süden zu leiten und die Atomkraftwerke vom Netz zu nehmen. Ob dieser Zeitplan noch eingehalten werden kann, wenn das neue Vorranggesetz für Erdkabel wie geplant bis voraussichtlich Ende des Jahres beschlossen wird, bezweifeln viele Kritiker.