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Lebensgefahr im Gertrudenberg Bund will Osnabrücker Höhlen mit Zement füllen

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Osnabrück. Die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) will die Gertrudenberger Höhlen verfüllen. Es bestehe „Gefahr für Leben und Gesundheit von Menschen“, heißt es bei der Behörde in Erfurt. Das mag in Osnabrück niemand so recht glauben, schließlich ist das Höhlensystem schon über 700 Jahre alt. Aber ein bedeutendes Kulturdenkmal würde unwiederbringlich zerstört.

Unter dem Gertrudenberg befindet sich ein verzweigtes Gangsystem, von dem 900 Meter dokumentiert sind. Genau genommen handelt es sich nicht um eine Höhle, sondern um einen unterirdischen Steinbruch. Der abgebaute Kalkstein wurde im Spätmittelalter in Klostergebäuden und Stadtmauern verbaut. Weil das Höhlensystem im Zweiten Weltkrieg als Bunker diente, ist bis heute der Bund für die Unterhaltung zuständig. Dieser Aufgabe möchte sich die Bima gern entledigen.

Das Gertrudenberger Loch könnte eine Touristenattraktion werden, und die Stadt ist nicht abgeneigt, ihren unterirdischen Schatz zu vermarkten. Wegen der möglicherweise unkalkulierbaren Kosten für die Sicherung des unterirdischen Hohlraums hat sich die Stadt aber bisher gescheut, das Nutzungsrecht und damit die Verantwortung für das Gangsystem zu übernehmen.

Wilfried Kley, der Vorsitzende des Vereins Gertrudenberger Höhlen Osnabrück , würde das Gangsystem am liebsten sofort für Besucher öffnen . Sicherheitsbedenken hat er überhaupt nicht: „Die Höhlen sind absolut sicher“, sagt er. Das 15 bis 20 Meter starke Deckgestein sorge seit Jahrhunderten für ausreichende Standsicherheit. Das hätten mehrere Fachmänner bestätigt.

Ganz anders sieht es die Bima, die sich auf das baufachliche Gutachten eines bergtechnischen Sachverständigen aus der Oberfinanzdirektion Münster bezieht. Nach einem Ortstermin im Dezember 2012 rät der Experte dringend „von einem Befahren der Anlage oder von einem Gestatten der Anlagenbefahrung durch Dritte ab“. Sein Fazit: „Es besteht Lebensgefahr.“ Steine könnten sich lösen und von der Decke stürzen, in den Eingangsbereichen bestehe sogar eine Tagesbruchgefahr. Das ist ein Bergschaden, der sich bis an die Erdoberfläche fortsetzen kann.

Jetzt schlägt die Bima vor, den unterirdischen Hohlraum mit einer Zementschlämme vollständig zu verfüllen. 800000 Euro sind dafür im Gespräch. Innerhalb von zwei Jahren will die Bundesbehörde das Loch gestopft und damit das Höhlenkapitel beendet haben.

Bima bemüht sich um Zustimmung der Grundeigentümer

Zurzeit bemüht sich die Bima um die Zustimmung der drei Grundeigentümer. Zu ihnen gehört auch die Stadt Osnabrück. Am heutigen Dienstag wird sich der Verwaltungsausschuss mit dem Vorschlag aus Erfurt befassen. Die Ankündigung der Bima setzt die Stadt unter Zugzwang. Im Rat gibt es zwar viele Sympathien für den Erhalt des historischen Gangsystems, allerdings auch große Vorbehalte, ein finanzielles Risiko einzugehen.

Zweifel an der Tragfähigkeit des Untergrunds gab es in den vergangenen Jahrzehnten mehrfach im Zusammenhang mit Bauvorhaben. Als die Stadt in den 70er-Jahren das Seniorenheim Haus am Bürgerpark errichten wollte, ließ das Staatshochbauamt zuvor die darunter befindlichen Gänge mit einer Zementschlämme ausfüllen. Augenzeugen berichten, dass die Betonmischer wochenlang vorgefahren seien, um ihre flüssige Fracht in die Tiefe zu pumpen.

Der Verein Gertrudenberger Höhlen hat festgestellt, dass die seit Langem ausgehärtete Schlämme im Untergrund mit Schadstoffen angereichert ist. Bei Analysen wurden erhebliche Konzentrationen an Arsen, Strontium und Schwermetallen nachgewiesen. Diese Beimengungen stammen offenbar aus der Flugasche von Kraftwerken. Ob von ihnen eine Gefahr für das Grundwasser ausgeht, steht noch nicht fest. Es muss noch untersucht werden, ob die Giftstoffe gebunden oder wasserlöslich sind.

Steinbruch, Bierkeller, Bunker: Die Geschichte der Höhlen

Das Höhlensystem ist ein über 700 Jahre alter Kalksteinbruch. Streng genommen handelt es sich auch nicht um Höhlen, sondern um einen von Menschen angelegten unterirdischen Steinbruch. Damals wurde eine bestimmte Gesteinsschicht abgebaut -Trochitenkalk.Während des Zweiten Weltkriegs dienten Teile der Gänge als Bunker zum Schutz vor Bombenangriffen und boten Platz für 4000 Menschen. Daher fällt die Zuständigkeit heute nach dem Allgemeinen Kriegsfolgen-Gesetz (AKG) der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) zu.

1333 erwarb das Gertrudenberger Kloster den mittlerweile stillgelegten Steinbruch. Abgebaut wurden zunächst Steine für die Klostermauern. Auch beim Bau der Stadtbefestigung und bei Ausbesserungsarbeiten am Dom sollen Gertrudenberg-Steine verwendet worden sein. Auch der Klosterkeller wurde damals durch einen Gang angeschlossen. Einen Beweis für die Existenz dieses Ganges ergab sich 1978 bei Abbrucharbeiten am Klosterhauptgebäude. Das Höhlensystem unter dem Gertrudenberg steht unter Denkmalschutz, seine Gänge sind rund 900 Meter lang. Davon sind etwa 500 Meter begehbar, der Rest wurde mit Schutt und Beton verfüllt.

Die Temperatur in den Gängen liegt konstant bei 8 Grad. Deswegen waren sie immer schon eine beliebte Lagerstätte für Bier. 1832 mietete die Brauerei Heilmann den mittleren Teil der Höhle als Bierkeller an. Ab 1853 lagerte die Brauerei Schulze später Berckemeyer und Schultze, Bier im nördlichen Teil der Höhle und die Brauerei Richter im südlichen Teil.

Im Februar 2011 wurde der Verein „Gertrudenberger Höhlen Osnabrück“ gegründet. Er will die Höhlen wissenschaftlich erforschen und zugänglich machen.Nur mit einer Genehmigung der Bima dürfen die Höhlen von Bergbauexperten und Forschern betreten werden.


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