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Was tun, wenn das Kind nie wiederkommt? Neue Selbsthilfegruppe „Verlassene Eltern“ in Osnabrück gegründet

Osnabrück. Er sagte ihr noch „Mama, es wird heute Abend spät, ich fahre noch an den See“. Später kam eine SMS: „Du bist für mich gestorben.“ Drei Jahre ist es nun her, dass Lydia Scholzes 24-jähriger Sohn den Kontakt zu seiner Mutter abgebrochen hat und sie ratlos zurückließ. Wie ihr geht es vielen Menschen in ganz Deutschland. Der Andrang auf das erste Treffen der neuen Osnabrücker Selbsthilfegruppe „verlassene Eltern“ war so groß, dass sie bereits über eine zweite Gruppe nachdenkt.

Der Bruch kann viele Gesichter haben. Manche gehen im Streit, knallen noch die Tür. Andere schreiben einen förmlichen Brief, in dem sie das Eltern-Kind-Verhältnis aufkündigen. Verlassene Eltern sind keine Eltern, deren Kinder ihnen im pubertären Alter den Rücken zukehren. Es geht vielmehr um Kinder im Erwachsenenalter. Kinder, die sich zu einem Zeitpunkt, an dem sie sich längst vom Elternhaus abgenabelt und womöglich selbst eine Familie gegründet haben, dazu entschließen, ihr Leben künftig ohne Vater und Mutter fortzuführen.

Manchmal spielt Geld eine Rolle. Zum Beispiel eine Erbschaft. Manchmal wird die Erziehung als zu dominant empfunden, gut gemeinte Ratschläge als lästig. Manchmal nennen die Kinder gar keine Gründe, warum sie von einem Tag auf den anderen ihre Eltern aus ihrem Leben verbannen. Dann startet bei den Verlassenen die Gedankenspirale um die Frage: Was habe ich falsch gemacht?

Lydia Scholz schüttelt den Kopf. „Es gibt kein Falsch und Richtig. Es gibt auch keine Fehler“, sagt die 54-Jährige und nippt an ihrem Kaffee. Zu diesem Punkt musste sie erst selbst kommen, erläutert sie. Missverständnisse, oh ja, die gebe es. Und ungeschicktes Verhalten. Verständnisprobleme und Generationenkonflikte. Aber keine Mutter, kein Vater solle sich vorwerfen, Fehler gemacht zu haben, sagt sie. „Eltern handeln aus der Sorge um ihr Kind.“ Dass dieses Handeln den Kindern manchmal die Luft abschnürt und als bedrängend empfunden wird, sei eine andere Sache.

Wenn ein Kind geht, kommt zuerst der Schock. Dann kommen die Rettungsversuche. Briefe, SMS, Anrufe. „Ich habe es ja noch gut“, sagt Lydia Scholz. Ihre Briefe wurden gelesen. Das weiß sie dank ihrer Mutter, die ab und zu noch von ihrem Enkel hört. Andere Kinder sind da rigoroser. „Briefe werden ungeöffnet zurückgesandt oder die Annahme verweigert“, berichtet Lydia Scholz aus ihren Erfahrungen aus Selbsthilfegruppen. Denn ehe sie gemeinsam mit einer Bekannten in Osnabrück eine Gruppe eröffnete, fuhr sie regelmäßig nach Hilden, um sich mit anderen Betroffenen auszutauschen.

Nach den Rettungsversuchen kommen die Notlügen und die Scham. „Wenn Nachbarn oder Bekannte fragen: ‚Na, wie geht es denn deinem Sohn?‘, dann sagt man: ‚gut‘ und wechselt das Thema“, sagt Lydia Scholz. Neben ihr auf dem Tisch liegt ein Block für Notizen. Das Thema „verlassene Eltern“ bekannter zu machen ist ihr ein Anliegen. Ihr eigenes Familienleben will sie nicht breittreten – denn auch diesen Artikel wird ihr Sohn lesen. Wie wird er ihn auffassen? Und was wird ihr Umfeld sagen, wenn sie offen dazu steht, dass die Familienfassade Kratzer hat?

Statt Vorwürfen fordert sie von ihrem Umfeld und der Gesellschaft Verständnis für den Schmerz, den Eltern empfinden und der gerade an Geburtstagen, Weihnachten oder Ostern unerträglich scheint. Es ist die Ohnmacht, dieses Verdammtsein zum Warten, da man nichts tun kann, um den Bruch zu kitten.

Auch im Internet tauschen sich betroffene Eltern aus. Schreiben von Familienfesten, an denen sie von der Tochter wie Luft behandelt und auch direkte Fragen ignoriert wurden. Vom Herzklopfen, wenn man dem eigenen Kind doch einmal zufällig in der Stadt begegnet ist und es vom Weiten gesehen hat. Oder sie berichten von einem Brief eines Rechtsanwaltes, der ihnen „Stalking“ vorwirft, also eine penetrante Belästigung durch Anrufe, Briefe, SMS. Noch einmal sagt Lydia Scholz: „Ich habe es ja noch gut.“ Sie weiß, dass ihr Sohn einen festen Job hat, eine feste Freundin und in welcher Stadt er lebt. Viele Eltern hätten gar keine Ahnung, wie es ihrem Kind geht. „Ich glaube, viele Kinder wissen gar nicht, was sie ihren Eltern und auch sich selbst antun“, sagt Lydia Scholz. „Was wollen sie später einmal ihren eigenen Kindern erklären, wenn die nach Oma und Opa fragen?“

Immer mehr Kinder seien es in den letzten Jahren geworden, die ihre Eltern verlassen haben. Das ist der Eindruck der 54-Jährigen, offizielle Zahlen gibt es nicht. Eine Frage der Generationen sei dies. Der Druck auf die Jüngeren sei enorm, zugleich gehe in der globalisierten Welt die Bedeutung des familiären Zusammenhalts verloren. Es gibt aber auch Hoffnung.

Lydia Scholz kennt Fälle, in denen Kinder zu ihren Eltern zurückgekehrt sind. Nach sechs Jahren Funkstille hat sich eine 32-Jährige wieder bei ihren Eltern gemeldet. Aus dem Gefühl heraus, nicht gut genug gewesen zu sein, im Leben gescheitert zu sein, hatte sie sich ihrer Eltern entsagt. „Auch jetzt noch ist es nicht leicht“, sagt Lydia Scholz. Das Band sei zart und zerbrechlich. Aber der Kontakt ist da. Auch Lydia Scholz glaubt fest daran, dass sie ihren Sohn nicht verloren hat. „Mein Bauch sagt es mir: Eines Tages werden wir uns wiedersehen.“

Kontakt zur Selbsthilfegruppe „verlassene Eltern“ im Büro für Selbsthilfe und Ehrenamt des Landkreises Osnabrück, Telefon 0541/5 01 31 28.


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