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Theater im Niemandsland „Entsichert“: „Spieltriebe 4“ beschäftigt sich mit der Welt nach 9/11

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Osnabrück. Beim Wort „Friedensstadt“ verdreht manch ein Osnabrücker leicht genervt die Augen. Ralf Waldschmidt hingegen begreift das Profil als Aufgabe für sich und seine Arbeit als künftiger Intendant des Theaters. Die „Spieltriebe“ zur Eröffnung seiner ersten Saison nehmen den zehnten Jahrestag der Anschläge vom 11. September zum Anlass, über Krieg und Utopien vom Frieden nachzudenken. Gestern stellten er und sein Team das Programm vor – auf dem Gelände der Kaserne am Limberg.

Der Wind weht durchs kniehohe Gras, die Sonne brennt auf den rissigen Asphalt, und weit und breit kein Mensch: Viel Vorstellungskraft braucht es nicht, um sich in einem verlassenen Militärcamp irgendwo am Ende der Welt zu wähnen, gerade an diesem heißen Montag-vormittag. Dabei liegt die Limberg-Kaserne, nun gut, nicht mitten in der Stadt, aber doch wenigstens am Rand, zwischen Belm und Osnabrück. Aber mit dem Abzug der Briten ist das Leben hier zum Erliegen gekommen. Angeblich trainiert eine Football-Mannschaft hier irgendwo, und ein Tonstudio hat hier auch sein Zuhause gefunden. Doch die meisten Gebäude stehen leer und verstärken wie Resonanzräume das Gefühl, durch ein Niemandsland zu wandern.

Hierher will Ralf Waldschmidt Theater und damit Leben bringen: Die Kaserne ist ein Zentrum des „Spieltriebe“-Festivals; zwei von fünf Routen führen auf und durch das Gelände: Die Kirche, der Supermarkt, das Casino und das Schießkino hat Waldschmidts Team für das Festival aufgetan. Dabei geht es aber nicht nur darum, möglichst spektakuläre „Locations“ zu bespielen. Waldschmidt, Hilko Eilts und Katja Lillih Leinenweber – das „Spieltriebe“-Team – denken konzeptioneller. „Das Thema Friedensstadt ist für uns, die wir neu nach Osnabrück kommen, eine spannende Sache“, sagt Waldschmidt bei der Vorstellung des Programms in der neuen Mannschaftsmensa. Und wo ließe sich besser über Frieden nachdenken als in einer Kaserne, aus der sich Militär und Krieg verabschiedet haben?

Noch entscheidender für die Konzeption der „Spieltriebe“ war aber ein zweiter Anlass: der zehnte Jahrestag der Anschläge vom 11. September. Für ein Festival, das eine Woche vor dem Termin über die unterschiedlichsten Bühnen der Friedensstadt geht, leitete das Team „die Verpflichtung“ ab, das „zum Thema zu machen.“ Denn die Anschläge markieren „einen Wendepunkt“, heißt es im Programmflyer, „dessen Brisanz durch den Tod Osama bin Ladens erneut auf drastische Weise deutlich geworden ist.“ Daran erinnert auch der Titel des Festivals: „Entsichert“ steht als Leitmotiv über den 14 Produktionen.

Dabei gibt sich Waldschmidt gar nicht mal der Illusion hin, das Theater könnte Probleme lösen, wie sie durch 9/11 offenbar geworden sind. „Es werden wenige Antworten zu hören sein“, sagt er. „Aber wir werden Fragen stellen, wie sie nur das Theater stellen kann.“ Nicht abbilden, was ist, sondern „die Chance bieten, Fantasien zu entwickeln, wie es sein könnte“ – darin sieht Waldschmidt die Stärke des Theaters. Womit er zum Exkurs über seine Theaterphilosophie ansetzt.

Waldschmidt versteht die Bühne als Ort, an dem sich Zeitachsen kreuzen, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft treffen. Exemplarisch zeigt sich das im Stück, das die Spieltriebe-Routen umrahmt: „Tod einer Hündin“ fragt, wie sich der Mensch in einer Welt aus Krieg und Gewalt behaupten kann, und zwar ausgehend von den Dramen „Toerinnen“ und „Hekabe“ von Euripides. So verstanden, reflektiert auch Waldschmidts Form der „Spieltriebe“ das Theater als Kunstform, wie es das Festivalformat unter seinem Erfinder Holger Schultze zum Prinzip erhoben hat. Doch will Waldschmidt den Erfolg seines Vorgängers nicht kopieren, sondern das Festival weiterentwickeln, gewissermaßen zukunftsfest machen: mit einem inhaltlichen Ansatz.

Auch andere Prinzipien Schultzes übernimmt Waldschmidt und variiert sie. So legt er ebenfalls den Schwerpunkt auf das zeitgenössische Theater, realisiert von jungen Regisseuren. Neben den Neulingen hat er aber auch erfahrene Theatermacher verpflichtet, um „Erfahrungshorizonte zu mischen und den künstlerischen Reichtum zu erhöhen“. Und schließlich bereichert er das Spektrum der Spielformen um das Moment des Performativen: Mit „Wartopia“ entwickelt Regisseur Pedro Martins Beja zusammen mit seinem Team ein Stück aus Livemusik, vorproduzierten und in Echtzeit erstellten Videos. Es setzt sich mit der Diskrepanz zwischen den Bildern vom Schrecken des Kriegs und der Faszinationskraft, die etwa Kriegsspiele ausüben, auseinander. Eine Performance, die in der Kirche auf dem Kasernengelände ihren Platz gefunden hat.

Seit gestern proben die Teams nun in der Kaserne und an den weiteren Spielorten in der Stadt: im Piesberger Gesellschaftshaus, am Gertrudenberg, natürlich im Theater. Vorarbeiten laufen aber schon länger: Für die Performance „Blogsphere Iraq“ hat das Regieteam um Liz Rech eine Lkw-Ladung Sand ins Schießkino gekarrt, Schubkarre um Schubkarre, 22 Tonnen. Das erhöht den Authentizitätsfaktor: Das Stück verarbeitet zwei Internet-Blogs von US-Soldaten im Irakkrieg. Ein Stück, das sich perfekt in die Ödnis der Limberg-Kaserne fügen könnte.


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