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„Ein Indianer kennt keinen Schmerz“ - Ein dummer Spruch, der wehtut

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„Wenn man einem Gespräch unter Deutschen zuhört“, wundert sich die US-Zeitung „Sho-Ban News“ aus Idaho, „kann man den Ausspruch hören, dass ein Indianer keinen Schmerz kenne.“ Da wundern wir uns aber, dass die sich wundern. Denn „Sho-Ban News“ ist die Zeitung der Shoshone-Bannock-Stämme im Nordwesten der USA, eine Publikation von Indianern für Indianer – wenn jemand wissen müsste, ob Indianer Schmerz kennen oder nicht, dann ja wohl die.

Nun, erstens wundern sich die Schoschonen zu Recht, weil Indianer als normale Menschen selbstverständlich Schmerz kennen, und zweitens wundern sie sich zu Recht, weil sich ausgerechnet Menschen im sehr fernen Deutschland diesen Mumpitz ausgedacht haben. Und weil der Spruch überall sonst auf der Welt unbekannt ist, muss man sich ihn wohl hierzulande ausgedacht haben. Wer ist bekannt dafür, sich alle möglichen Geschichten aus fernen Ländern ausgedacht zu haben? Richtig, der 200 Millionen Mal gedruckte Sachse Karl May.

Historiker gehen davon aus, dass der Spruch von den Indianern und dem Schmerz auf Werke wie „Der Schatz im Silbersee“ zurückgeht, wo es heißt: „Ein Indianer wird von frühester Kindheit an in dem Ertragen körperlicher Schmerzen geübt. Er gelangt dadurch so weit, dass er die größten Qualen ertragen kann, ohne mit der Wimper zu zucken.

Ein jammernder Mann am Marterpfahle

Wenn der Indianer gefangen wird und am Marterpfahle stirbt, so erträgt er die ihm zugefügten Schmerzen mit lächelndem Munde, singt mit lauter Stimme sein Todeslied und unterbricht dasselbe nur hier und da, um seine Peiniger zu schmähen und zu verlachen. Ein jammernder Mann am Marterpfahle ist bei den Roten eine Unmöglichkeit.“ Tatsächlich waren solche Rituale bei amerikanischen Ureinwohnern durchaus verbreitet, wie etwa James Fenimore Coopers „Lederstrumpf“-Romane und später auch Berichte von Forschern belegen.

Cooper übrigens war mit etlichen Indianern gut bekannt und diente Karl May vielfach als Inspiration.

Bleibt festzuhalten, dass Indianer lediglich trainiert darin waren, Schmerz zu ertragen, und das fand in Deutschland mit seinen von protestantisch-calvinistischer Moral geprägten preußischen Tugenden natürlich Bewunderung. Denn zu diesen Tugenden zählten Härte (gegen sich mehr noch als gegen andere), Selbstverleugnung („Wer je auf Preußens Fahne schwört, hat nichts mehr, was ihm selbst gehört“ – Walter Flex) und Tapferkeit ohne Wehleidigkeit („Lerne leiden ohne zu klagen“ – Friedrich III.).


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