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Lodernde Flammen durften nicht verlöschen

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Was ist mit dem Lokführer? Liegt er noch schwer verletzt in der umgekippten, brennenden Zugmaschine, nur wenige Meter von dem noch größeren Flammeninferno entfernt? "Wir kommen nicht an die Lok, es ist zu gefährlich. Die Hochspannungsleitungen sind herabgefallen. Wir können nichts tun", sagen fast verzweifelt die Feuerwehrleute. Erst nach über einer halben Stunde die Erleichterung: beide Lokführer hatten sich selbst retten können, sind in Sicherheit.

Es war eine dramatische Nacht in Schinkel. Doch ebenso wie für die beiden Lokführer endete sie für hunderte Bürger, die nur einen Steinwurf entfernt von der Bahnlinie an der Bremer Brücke ahnungslos in ihren Betten schliefen, glimpflich. "Osnabrück hat großes Glück gehabt", sagt am Mittag der Feuerwehrmann und Chemie-Experte der Firma Bayer, Rolf Marwede, mit sehr ernstem Gesicht.

"Zugunglück, Explosion" wussten die Feuerwehrleute nur, die gegen 23.30 Uhr am Mittwochabend zur Bremer Brücke rasten. Sie fuhren auf eine 80 Meter hohe und 30 Meter breite Flammenwand zu, die den Himmel taghell erleuchtete und bis Hasbergen zu sehen war. "Madrid", schoss es so manchem durch den Kopf, "jetzt auch hier?"

Fast unerträgliche Hitze prallte Einsatzleiter Klaus Fie-ning und seinen Kollegen von der Feuerwehr entgegen, als sie die kleine Stichstraße von der Bohmter Straße zu den Gleisen hochhasteten. Sie wussten nicht, was brennt. Wie viele Waggons? Welche Chemikalien? Jeden Augenblick hätte es eine Explosion geben können.

"Es bestand allerhöchste Lebensgefahr", sagt Gesamteinsatzleiter Heiko Schnittker später und sein Kollege Jan Südmersen ergänzt: "Wenn solch ein Kesselwagen explodiert, steht im Umkreis von 500 Metern kein Haus mehr. Kein Mensch überlebt".

Keine Zeit zu zögern, eine Katastrophe muss verhindert werden. "Nur massenweise Wasser hilft", entscheidet Klaus Fiening und die Männer bringen so dicht es eben geht Wasserwerfer an die Flammen heran. Erst eine halbe Stunde später erfahren sie von der Bahn, das die Waggons mit Propangas gefüllt sind. Jetzt kann noch besser eingeschätzt werden, wie die gefährlichen Stoffe reagieren und wie sie bekämpft werden müssen.

"Saubere Arbeit, gut reagiert", lobt Chemie-Experte Marwede später. Die Feuerwehrleute mussten bei ihrer gefährlichen Arbeit einen Balanceakt schaffen: Das Propangas, das aus einem leckgeschlagenen Kessel strömt und sich entzündet hat, darf nicht völlig gelöscht werden. Sonst würde es eine Gaswolke bilden, die über dem nahen Wohngebiet explodieren könnte. Das Propan muss langsam und kontrolliert verbrennen. Das dauert Stunden. Der Boden neben den Gleisen hat sich vollgesogen, immer wieder schießen hohe Flammensäulen sogar durch den Löschschaumteppich hindurch. Morgens um 6 Uhr die letzte: 25 Meter hoch. Gleichzeitig müssen drei weitere Waggons, gefüllt mit Propan und Propylen, gekühlt und vor einer Explosion bewahrt werden.

250 Feuerwehrleute aus Stadt und Umkreis, Polizei, Bundesgrenzschutz und Technisches Hilfswerk sind im Einsatz. Sofort nach dem Unfall werden zwei Häuser an der Schinkelstraße evakuiert, später weitere Anwohner. 86 werden bis in die Morgenstunden in der Gesamtschule Schinkel von der Sondereinsatzgruppe Rettung betreut. Sicherheit geht vor, Die Feuerwehrbereitschaft "Umwelt" des Landkreises nimmt Messungen zum Erkennen von explosionsfähigen Dämpfen vor. Gesundheitsgefährdungen der Anwohner durch Rauch oder andere Stoffe wurden nicht festgestellt.

Am Morgen wird das Ausmaß sichtbar: Der Zug mit 20 Waggons fast völlig zerstört. Wagen ineinander verkeilt, Masten umgerissen, Gleise verbogen. Die Lok ausgebrannt. Das alles nur wenige Meter von der Brücke über die Bohmter Straße entfernt.

Vormittags hofft Bahnhofsmanager Horst Bollmann noch, dass die Hauptstrecke nach Norden bald wieder für seine Züge freigegeben wird. Seit 6 Uhr versuchen er und seine Kollegen, Reisenden zu helfen, die ihren Zug erreichen müssen - der aber Osnabrück nicht angefahren kann. Schon in der nacht war es zu erheblichen Verspätungen auf dem deutschen Streckennetz gekommen, weil den Zügen die wichtige Nord-Süd und West-Ost-Achse durch Osnabrück versperrt war.

Chemie-Fachleute rechnen jedoch mit tagelanger Sperrung der Nordstrecke. Gestern Abend wurde damit begonnen, das Flüssiggas aus den umgekippten Kesseln zu bergen: Wasser wurde eingefüllt, das das Propangas verdrängt. Die verbleibenden Gase werden über den Tanks abgefackelt. Solange dies dauert, dürfen wegen anhaltender Explosionsgefahr keine Züge auf den anderen 20 Nachbargleisen fahren.

Bildergalerie
Das Zugunglück in Osnabrück

Rückblick: Das Unglück im Februar 2002
Flammen über dem Güterbahnhof
Unglücksursache noch unklar
Das Gift sickerte in den Boden
Unglücksursache Schienenbruch

Hintergrund
Dusche nach dem Gefahrgutunfall


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