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Biografie vorgestellt Wenn es kracht, dann skandalös - Ein Abend mit Ansgar Brinkmann und Freunden



Osnabrück. Wie viele Verrückte verträgt ein Fußballteam? „Zwei, maximal drei, wenn der Trainer gut ist“, sagt Ansgar Brinkmann. Bei einer launigen Lesung hat der 41-jährige Ex-Profi im voll besetzten Medienhaus der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ seine Autobiografie vorgestellt. Einer der letzten echten Typen des deutschen Fußballs präsentierte Anekdoten rund um das Leder – und einen grandiosen Anmach-Spruch.

Es sieht zwar nicht mehr brasilianisch-leichtfüßig aus, wie Ansgar Brinkmann auf der Bühne den Ball jongliert, sondern eher staksig, ungelenk, typisch deutsch eben – aber auch zuverlässig, denn das Leder bleibt sicher in der Luft. Symbolisiert dies eine Wandlung von Ansgar Brinkmann? Vom „Enfant terrible“, dem ewig unkontrollierbaren Wildfang, zum gesetzten, reifen Herrn? Könnte man meinen, wenn man seiner Lebensgefährtin Inga glaubt: „In unseren zehn Jahren hat er es nur viermal richtig krachen lassen, dafür immer skandalös“, sagt die hübsche, resolute Frau mit dem blonden Kurzhaarschnitt. Krachend beschreibt Brinkmann in seiner Autobiografie das erstmalige Zusammentreffen mit seiner Inga, das er jedoch mit Routine meistert: „Ich stellte mich zu ihr. ‚Du bist mein einziger Lichtblick hier heute Abend‘, sagte ich. Wie gewohnt.“

Den „weißen Brasilianer“ Brinkmann machte neben grandiosen Dribblings die Kunst berühmt, sich traumwandlerisch an der Schwelle zwischen Genie und Wahnsinn zu bewegen – und dabei fußballerisch und privat immer wieder in beide Richtungen auszuschlagen. Wie in seiner Mainzer Zeit, wo sich sein Prosecco-Frühstück mit dem fränkischen Frauenhelden Thomas Ziemer gern bis spät in die Nacht zog und er als rechter Flügelflitzer ohne defensive Ambitionen einen gewissen Verteidiger Jürgen Klopp („Ansgaaaar, komm zurüüüück“) zur Verzweiflung trieb.

Und natürlich beim VfL Osnabrück, als er nach einer ausschweifenden Siegesfeier in seinem Porsche gestoppt wurde und sich der drohenden Alkoholkontrolle durch Flucht aus dem Polizeiauto entzog. „Ich war flink. Die haben schnell gemerkt, dass es sinnlos ist, mich zu verfolgen“, lacht Brinkmann.

Diese und noch viel mehr Anekdoten hat Autor Bastian Henrichs aufgezeichnet: Gesammelt bei stundenlangen Gesprächen und einem dreitägigen Ostsee-Segeltörn, bei dem das Boot den Hafen von Heiligendamm nie verlassen hat, aber um das Füllgewicht einiger Jack-Daniels-Flaschen erleichtert wurde. Es ist auch die authentische Persönlichkeit des Ex-Profis, die das Buch trägt und die Zuhörer bei der Lesung fesselt. Man steht mit ihm auf dem Platz, als Eintracht Frankfurt 1999 im Abstiegskampf-Finale gegen Kaiserslautern kurz vor Schluss noch ein Tor braucht, leidet mit Brinkmann, als Teamkollege Jan Age Fjörtoft den von ihm perfektionierten Übersteiger völlig falsch ansetzt – und jubelt mit, als dem Norweger das Tor trotzdem gelingt. „Dieses Gefühl werde ich nie vergessen – für solche Momente spielst du“, sagt Brinkmann zu den Neue-OZ-Redakteuren und Moderatoren des Abends, Harald Pistorius und Stefan Alberti.

Große Gefühle, die auch melancholische Züge tragen, wenn Brinkmann mit dem Spruch „Ich habe nie jemand anderem geschadet, nur mir selbst“ die verpassten Gelegenheiten kommentiert, als er sich mit Eskapaden oder falschen Entscheidungen eine noch größere Karriere verbaute. Die wehmütige Stimmung durchbricht passenderweise VfL-Profi Björn Lindemann, der in diesem Moment ins Medienzentrum kommt. Brinkmann schlagfertig: „Jaja, auf Lindes Buch freue ich mich auch schon…“


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