Oflag VIc: Wo Juden noch 1944 beten durften Förderverein will Gedenkstätte im Lager Osnabrück-Eversheide einrichten

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Osnabrück. Als die Nazis die jüdischen Gemeinden in Deutschland längst zerschlagen hatten, gab es in Osnabrück noch ein jüdisches Gemeindeleben. Im Kriegsgefangenenlager an der Landwehrstraße feierten serbische Offiziere jüdischen Glaubens bis 1944 ihre Gottesdienste. Eine Initiative will einen Ort des Gedenkens schaffen. Doch sie fühlt sich im Stich gelassen.

Quebec Barracks nannte die britische Armee die Kaserne Eversheide, die jetzt zum Verkauf steht. Auf dem 38 Hektar großen Areal soll ein Gewerbegebiet entstehen. Ein auf Fotovoltaik spezialisiertes Unternehmen stehe schon in den Startlöchern, heißt es bei der Bima, der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, die das Gelände vermarktet.

In den mehr als 30 Baracken hatten die britischen Militärs Büros und Magazine untergebracht. Diesen Flachbauten steht der Abriss bevor, wenn die Investoren das Kommando übernehmen.

Der Förderverein „Antikriegskultur und Friedenshandeln“ will unbedingt verhindern, dass das Barackengelände dem Erdboden gleichgemacht wird. Doch er fühlt sich von der Bima unter Druck gesetzt. Bis zum 8. April soll der Verein mitteilen, ob er bereit ist, ein 2000 qm großes Grundstück mit einer 70 Jahre alten Baracke für 49000 Euro plus Erschließungskosten zu erwerben.

Die Baracke Nr. 35 steht direkt hinter dem Zaun an der Landwehrstraße. Walter Gröttrup, der Vorsitzende, des Fördervereins, hat an der Stadt Osnabrück vorbei das Landesamt für Denkmalpflege eingeschaltet und erreicht, dass sie unter Denkmalschutz gestellt wird. Aber der Verein hat überhaupt kein Geld. Gröttrup und seine Mitstreiter Peter Niebaum und Helmut Schmitz sind der Ansicht, dass weit mehr erhalten werden müsste als die Baracke Nr. 35.

Am Kriegsgefangenenlager Eversheide, im Nazi-Jargon hieß es Oflag VIc (abgekürzt für Offizierslager), fallen mehrere historische Besonderheiten auf, die in Osnabrück kaum bekannt sind. Inhaftiert waren seit 1941 etwa 5000 serbische Offiziere. Diese königstreue Garde kehrte nach dem Krieg nicht in Titos sozialistisches Jugoslawien zurück. Viele der Männer blieben in Osnabrück und gründeten später die serbisch-orthodoxe Gemeinde.

Bemerkenswert erscheint aus heutiger Sicht, dass die Nazis für das Lager Eversheide über einen längeren Zeitraum die Genfer Konvention respektierten. Zwar gab es Grausamkeiten und Erschießungen, aber die gefangenen Offiziere wurden nicht zur Zwangsarbeit herangezogen. Stattdessen verbrachten sie ihre Zeit mit einer Art selbst organisierter Volkshochschule, indem sie sich gegenseitig Kenntnisse aus dem Zivilleben vermittelten.

So ist es nachzulesen im Buch „Wir sind Zeugen“, das der spätere niedersächsische Landesrabbiner Zvi Asaria 1975 auf der Basis seiner Tagebuchaufzeichnungen veröffentlicht hat. Asaria, der den Namen Hermann Helfgott trug, gehörte zu den jüdischen Lagerinsassen. Zu den Eigentümlichkeiten der Geschichte gehört es, dass diese zunächst 143 und später etwa 400 jüdischen Offiziere ein Lager im Lager bildeten und unbehelligt ihre religiösen Feste und Glaubensriten feiern konnten.

Asaria beschreibt in seinem Buch, dass er in der Baracke 18 mit Zustimmung der deutschen Lagerkommandantur ein Bethaus eingerichtet hatte, also eine Art Synagoge, in der tägliche Gottesdienste und alle jüdischen Feste gefeiert wurden. Als die zivilen Juden aus Osnabrück längst deportiert waren, durften die jüdischen Offiziere aus der Eversheide noch ihre Toten auf dem Johannisfriedhof bestatten .

Dass sich eine Behörde in Hitlerdeutschland auf diese ungewöhnliche Toleranz einließ, wirft Fragen auf, die Historiker noch nicht beantworten können. Helmut Schmitz vom Förderverein „Antikriegskultur und Friedenshandeln“ vermutet, dass es innerhalb des NS-Apparats doch gewisse Entscheidungsspielräume gab, die später oft verleugnet wurden. Michael Grünberg, der Vorsteher der Jüdischen Gemeinde Osnabrück, glaubt dagegen, dass der Offiziersstatus der Gefangenen die Nazis zu einem gewissen Respekt veranlasste.

Gegen die Genfer Konvention wurde spätestens verstoßen, als rings um das Lager Eversheide Flugabwehrstellungen (Flak) aufgebaut wurden. Damit wurde das Kriegsgefangenenlager zur Zielscheibe alliierter Luftangriffe. Am 6. Dezember 1944 kamen 161 Männer bei einem Bombenangriff ums Leben.

Der Förderverein will eine Gedenkstätte einrichten, um dieses Kapitel der Osnabrücker Geschichte anschaulich zu machen. Doch die Aktivisten stehen fast auf verlorenem Posten. Michael Grünberg von der Jüdischen Gemeinde würdigt zwar ihr Engagement, spricht sich aber für zentrale Orte des Gedenkens aus wie den Augustaschacht in Ohrbeck oder das Konzentrationslager Bergen-Belsen.

„Die Haltung der Jüdischen Gemeinde ist für uns als Stadt nicht unerheblich“, sagt Kultusdezernentin Rita Maria Rzyski. Sie hält das Anliegen der Initiative zwar für ein „wichtiges Thema“, sieht aber mit Blick auf die Haushaltslage nicht, dass die Stadt finanziell einspringen könnte.


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