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Pommesgabel gegen den bösen Blick - Ein Handzeichen für viele Gelegenheiten

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Rocken trotz Regens: Diese Fans signalisieren bei „Rock am Ring“ mit dem einschlägigen Handzeichen ihren unbedingten Willen zur Party.Rocken trotz Regens: Diese Fans signalisieren bei „Rock am Ring“ mit dem einschlägigen Handzeichen ihren unbedingten Willen zur Party.

Nun, da überall wieder Rockfestivals stattfinden, hat sie wieder Hochkonjunktur – die Faust mit abgespreiztem Zeige- und kleinem Finger, bekannt als Mano cornuto (oder kurz Corna), Devil horns (Teufelshörner), Teufelsgruß, Goat horns, Throwing the Goat, Metal Fork oder einfach Pommesgabel. Sie werden sich wundern, wie viele Bedeutungen dieses Zeichen haben kann.

Nicht zu knapp wunderten sich auch fünf türkische Jugendliche in Istanbul Anfang Mai, die auf dem Weg zu einem Rockkonzert vorbeifahrende Autos mit der Pommesgabel begrüßten. Dafür wurden sie in Handschellen abgeführt und 21 Stunden lang festgehalten. Der Grund: Premierminister Tayyip Erdogan fuhr mit seinem Corso an den Pommesgabeln vorbei, er habe ein Exempel an der verlotterten Jugend und ihrer wüsten Rockmusik statuieren wollen. Ein Eigentor: Von Oppositionspolitikern bis zur internationalen Presse hob ein Protest gegen den intoleranten Premier an.

Dabei hat das Handzeichen  in der Türkei tatsächlich auch eine politische Bedeutung, denn es ist der Gruß der Grauen Wölfe (wobei eigentlich noch Daumen, Zeige- und Ringfinger nach vorne gestreckt werden). Diese Nationalistenorganisation strebt eine panturkistische Türkei an, die sich vom Balkan bis zu den Uiguren im Westen Chinas erstreckt. Papst-Attentäter Ali Agca etwa war einer von ihnen.

Natürlich gibt es das Handzeichen schon viel länger als die Grauen Wölfe, die sich erst ab 1961 formierten. Die Mano cornuto– die grammatikalisch richtig Mano cornuta heißen müsste – wurde schon auf etruskischen Grabsteinen abgebildet, stammt also aus einer Zeit älter als die alten Römer. Was die Etrusker damit sagen wollten, ist allerdings nicht überliefert. Klar ist hingegen, dass sich die Geste zunächst besonders in Italien durchgesetzt hat. Dort signalisiert sie, heimlich hinter dem Kopf von jemandem gezeigt, dass man demjenigen Hörner aufgesetzt hat. Jemandem die Hörner über dem Kopf zu zeigen, wenn ein Foto gemacht wird, ist ein verbreiteter Scherz. Besonders Silvio Berlusconi fällt bei offiziellen Fototerminen immer wieder aus der Rolle, indem er Amtskollegen damit veräppelt. Bei Erdogan sollte er sich das lieber zweimal überlegen.

Quer durch alle Generationen von Italienern wird die Corna zur Abwehr des Bösen Blicks sowie von Unglück aller Art eingesetzt. Schwarzer Katze begegnet? Corna. Unter Leiter durchgegangen? Corna. Leichenwagen gesehen? Na, was wohl. Der italienische Präsident Giovanni Leone schockierte 1973 die Nation, als er bei einem Besuch in Neapel während eines Choleraausbruchs die Hände der Erkrankten mit der einen Hand schüttelte und mit der anderen Hand hinter seinem Rücken die Corna zeigte. Die Geste wurde als Beleidigung der Kranken aufgefasst.

Erfreulicher ist es, wenn die Corna bei Rockkonzerten zum Einsatz kommt, laut Soziologen ist hier der Hintergrund, das Gruppengefühl, die Szene-Identität sowie die Begeisterung für die Musik zu demonstrieren. Der im Mai verstorbene Sänger Ronnie James Dio behauptete, die Corna in der Rock-Szene nach seinem Einstieg bei Black Sabbath etabliert zu haben. Der war allerdings erst im November 1978. Im Juni 1977 aber wurde Kiss-Bassist Gene Simmons auf dem Cover der Platte „Love Gun“ mit Pommesgabel gezeigt. Doch auch er war nicht der Erste. Bereits am 13. Januar 1969 war John Lennon auf der Beatles-Platte „Yellow Submarine“ mit Corna zu sehen. Allerdings gehen viele davon aus, dass eigentlich das gebärdensprachliche „I love you“ (dt. Ich liebe dich) gemeint war, dargestellt üblicherweise als Corna plus ausgestrecktem Daumen. Dazu passt, dass auf der Platte Lennons herziges Liebeslied „All you need is love“ zu hören ist.

Genauso undurchsichtig wie mit dem Handzeichen (in SMS darzustellen mit \m/) ist es mit dem Essbesteck: Die Pommesgabeln aus Plastik haben meist drei Zacken, die aus Holz nur zwei. Außer in Benelux – dort bevorzugt man generell den Zweizack. Die Holzvariante ist im Gastronomie-Großhandel ein gutes Drittel teurer. Am billigsten ist – die Mano cornuto. Nur taugt die nicht zum Pommes-Essen.


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