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Unterwasser-Beziehungsgeflecht Juli Zeh huldigt im Taucher-Krimi „Nullzeit“ dem großen Vorbild Patricia Highsmith

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Osnabrück. In Romanen wie „Spieltrieb“ (2004) und „Schilf“ (2007) hat Juli Zeh ihre Doppelbegabung als schreibende Juristin für philosophische Krimis eingesetzt. In „Nullzeit“ lässt sie nun einen Aussteiger lernen, dass man vor Verantwortung nicht weglaufen kann.

Endlich mal ein Buch, das sich selbst gut findet. Im Klappentext lobt der Verlag den „meisterhaft konstruierten Psychothriller in der Tradition von Patricia Highsmith“. Und der Ich-Erzähler meldet schlicht: „Ich kann nicht anders, als ihre Genialität bewundern.“ Damit meint er zwar nicht seine Autorin, sondern die Strippenzieherin eines erotischen Mordkomplotts. Im Grunde läuft das aber auf dasselbe raus. Denn was auch immer an der Intrige scheitert oder glückt – es verdankt sich weniger einer inneren Logik als eben doch nur der Autorin. Zehs Roman ist nämlich wirklich konstruiert – nur eben nicht meisterhaft.

Betrunken am Abgrund

Im Zentrum steht der vierzigjährige Aussteiger Sven. In Deutschland hat er das Jura-Studium mit einer Sinnkrise beendet. Um nicht mehr über das Leben anderer Leute entscheiden zu müssen, ist er nach Lanzarote ausgewandert, wo er eine Tauchschule mit Pension betreibt. Sein Lebensgrundsatz der Nicht-Einmischung wird obsolet, als Jola und ihr Freund Theo bei ihm einchecken: sie eine schöne, junge, reiche Soap-Darstellerin er ein deutlich älterer, sich selbst und die Welt verachtender Schriftsteller. Das ungleiche Paar eint ein Hang zu lebensgefährlichen Machtproben – mal balancieren beide betrunken auf den Klippen herum, dann dreht sie ihm beim Tauchen die Luft ab. Im Gegenzug wird die Frau geschlagen und vergewaltigt – zumindest schreibt sie das in ihr Tagebuch. Die zwei Selbstzerstörer ziehen Sven in ihre Borderline-Beziehung, bis er die Kontrolle über sich selbst verliert. Dazu passt dann die Titelmetapher: Wer beim Tauchgang die Nullzeit überschreitet, muss beim Aufstieg Zwischenstopps einlegen; sonst tötet ihn der Stickstoff im eigenen Körper. Genauso löst die Nähe von Jola und Theo in ihrem Tauchlehrer Sven Gefühle aus, die als seelische Form der Selbstvergiftung durchgehen. Am Ende aber hat er was gelernt: Das Urteil über andere zu verweigern, bewahrt nicht vor der Schuld; aus der Verantwortung kann keiner emigrieren.

In ihrem Entwurf vom Krimi als psychologischem Kammerspiel bedient Juli Zeh sich tatsächlich bei Patricia Highsmiths „Ripley“-Romanen – vom Helden, der sich nach dem Highlife sehnt, über die bedrohliche Erotik bis hin zum Strand-Setting inklusive Jet-Set-Schickeria. Allerdings fehlt Zeh Highsmiths Interesse für die Figuren – die hier bloße Funktionsträger im Grundriss einer Plot-Idee bleiben. Was dem Personal an psychologischer Tiefe abgeht, gleichen Aperçus und Spruchweisheiten aus, in denen die Autorin mal das Wesen der Schönheit, mal den Unterschied zwischen Mann und Frau auf den Punkt bringt. Hier schleichen sich doch noch Selbstzweifel in den Roman. Offenbar traut Zeh ihren Sentenzen selbst so wenig, dass sie diese immer wieder ironisiert oder fragwürdigen Figuren in den Mund legt. Indem die Autorin den eigenen Stil untergräbt, bekommt der Roman einen Zug der Selbstdemontage: Erst baut Zah das Meer als mythischen Ur-Ort der Evolution auf; dann zerschlägt sie ihre Metaphorik mit dem zutreffenden Hinweis: „Über Sex und Ozeane ist viel Kitschiges gesagt worden.“ Wenn sie ihrem Helden sprechende Albträume ins Hirn pflanzt, sagt er: „Ich hasste Träume, die von einem Psychologen erfunden schienen.“ Selbst die erotische Sprache, mit der Zeh die Geschichte sexuell auflädt, steht zur Debatte. („Sagt man Schwanz oder Penis?“) Sätze wie dieser gehen leider unbeanstandet durch: „Schließlich setzte sie sich auf mich und ritt mich wie ein erfahrener Jockey ins Ziel.“

Literarisches Eigenlob

Das Selbstgespräch der Autorin über ihr Handwerk führt dazu, dass eine ohnehin spürbar ausgedachte Geschichte noch papierener wirkt. Der Ich-Erzähler findet es trotzdem gut. Am Ende gratuliert er noch einmal der Frau, die fast seine Existenz ruiniert hätte: „Die Komplexität. Die Raffinesse. Die schiere Kälte, mit der sie ihre Überlegungen angestellt und Stück für Stück in die Tat umgesetzt hat, getragen von der Überzeugung, dass das Leben wie ein Kriminalroman funktioniert: Es verzeiht keine Schwächen.“ All das klingt leider ganz danach, als würde die Autorin sich damit ihr eigenes Zeugnis ausstellen. Nur hat ihr eigener Krimi sehr wohl Schwächen.

Juli Zeh: „Nullzeit“. Roman. Verlag Schöffling & Co. 256 Seiten. 19,95 Euro.


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