Ein Fall für Fays in der Kita Selbstversuch: Ein Tag als Erzieher



Osnabrück. „Erzieher in einer Kita, das ist bestimmt anstrengend.“ Mit solchen Warnungen wurde ich immer wieder konfrontiert, bevor ich einen Tag als Erzieher in der Kita Heilig Geist arbeitete. Die Skeptiker haben recht, was das gemeinsame Bauen einer meterlangen Sandburg anbelangt. Was die Arbeit mit den Kindern betrifft, haben sie unrecht. Sie macht vor allem eines: glücklich.

Die Leiterin der Regenbogen-Gruppe Kerstin Heuer nimmt mich um halb acht mit in ihre Ganztagsgruppe. Einige Kinder sind schon im Frühdienst da, begrüßen die Erzieher, ihre Freunde und suchen mit mir zusammen Spielzeug aus einer Kiste, um einen Zoo aus Walen, Dinosauriern, Pinguinen, Seehunden und Tierpflegern aufzubauen. Da ich mich nach meinem Tag als Tierpfleger im Zoo in diesem Metier auskenne, erkläre ich, was welches Tier auszeichnet. Gemeinsam machen wir die Tierlaute nach. Die meisten trudeln bis neun Uhr ein. Es ist die letzte Woche vor den Sommerferien der Kita. Dass die Schulferien bereits zwei Wochen früher begonnen haben und viele Eltern mit ihren Kindern bereits im Urlaub sind, macht sich bemerkbar. Von sonst 25 sind noch 15 Kinder anwesend.

Mit einem rituellen Schlag auf die Klangschale beginnt um neun Uhr der offizielle Teil des Kindergartentages. Der Gong ist das Signal zum Aufräumen des Spielzeugs. Heute bauen die drei- bis sechsjährigen Kinder zu Ehren des Geburtstagskindes Laura bereits morgens einen Stuhlkreis auf. Gruppenleiterin Kerstin – wir duzen uns, die Kinder nennen Sie Frau Heuer und mich Herrn Fays – schickt Laura zum Schminken zu Kita-Leiterin Anja Lemme. Mit einem kunterbunten Schmetterling im Gesicht kommt Laura freudestrahlend zurück und wünscht sich das Spiel „Pitsch Patsch Pinguin“. Laura versteckt sich unter einem Tisch und spielt einen Eisbären, der sich am Ende des Liedes auf die im Stuhlkreis watschelnden Pinguine stürzt.

Sitzen ist witzig

Ich kann mich gerade noch auf meinen Kinderstuhl setzen. Neben den Kindern, die nicht einmal die Hälfte meiner 1,92 Meter messen, muss das witzig aussehen. Die Knie befinden sich in der Sitzposition etwa auf Brusthöhe, das Gesäß auf Wadenhöhe. Manche Holzstühle knarren bedrohlich, als ich mich setze. Die Kinder finden das witzig. Der vierjährige Leon will zwischen weiteren von Laura ausgesuchten Spielen und der Geschenkübergabe (die Erzieherinnen Kerstin und Saskia schenken ihr einen Knautsch-Ball mit Smiley) immer wieder von mir getragen werden. Als ich ihn hochhebe, kommt schnell die farbige Miracle hinzu. Danach die blonden Finn, Tyron, Luca und Jona. Als wir um 10.20 Uhr das erste Mal nach draußen gehen, hebe ich die süße Brillenträgerin Miracle wie ein Flugzeug hoch und hebe danach einen der Jungen mit der linken und einen mit der rechten Hand hoch. Im Gruppenraum nahm das Heben Überhand. Deshalb musste ich versprechen, dass wir das auf die Pause verschieben.

Ich bin der einzige männliche Erzieher hier. Das scheint den Kindergartenkindern zu gefallen. Ansonsten passen in den sieben Gruppen 18 Mitarbeiter auf zurzeit 146 Kinder auf. „Die Erzieher verdienen zu wenig. Von dem Gehalt können sie keine Familie ernähren. Deshalb arbeiten sie lieber im Heimbereich“, erklärt Gruppenleiterin Kerstin.

Maurice ist mit dem falschen Bein aufgestanden oder hat andere Probleme, über die er nicht sprechen will. Auf jeden Fall sitzt er morgens auf seinem Stuhl im Sitzkreis und bewegt sich bei keinem der Geburtstagsspiele. Erst als wir in den Außenbereich der Kita gehen und ich meinen neuen Freund Leon dazu bewegen kann, dass er mit Maurice gegen mich Fußball spielt, taut er auf. Der Sechsjährige ist ein Bewegungstalent und hat bereits einen harten Schuss. Nach den ersten Treffern sind seine Sorgen wie verflogen und er gewinnt an Selbstbewusstsein. Nach dem Spiel will Maurice Elfmeterschießen. Mal steht Leon gegen Maurice im Tor, mal Maurice gegen Leon. Die Torentfernung ist bei Maurice doppelt so groß wie bei Leon. Dennoch ist die Wucht, mit der Maurice den Ball in die Maschen drischt, ungleich härter. Dann trifft Maurice Leon an der Wange. Der Vierjährige weint sofort. Ich nehme ihn hoch, wische seine Tränen weg, sage unter Männern: „Indianer kennen kein Schmerz“ , und lege ihn auf meine Schulter. So mache ich es zu Hause routinemäßig auch mit meinem eigenen viermonatigen Sohn, wenn er weint. Kerstin holt einen Kühlakku. Doch als sie damit zurück kommt, sind die Tränen bereits getrocknet und Leon fährt mit meiner Unterstützung (ich schiebe ihn) kurz danach Fahrrad, bevor wir mit der halben Regenbogengruppe eine Sandburg bauen.

Sandburg wird Lavaberg

Was mit einigen spielerischen Spatenstichen und einem kleinen Sandberg beginnt, entwickelt sich bald zu einem größeren Projekt. Linus erklärt die Sandburg zunächst zum Lavaberg. Er ist in der Gruppe zunächst der Meinungsführer und setzt sich mit seinen Ideen durch, doch dann setzt sich eine Gruppendynamik in Gang. Maurice, Tyron und Jona halten dagegen und sehen darin eher eine Ritterburg. Gruppenleiterin Kerstin und ich erklären, dass Linus sich nun auch mal der Mehrheit beugen muss.

Tyron schreit: „Wir brauchen einen Wassergraben.“ Linus will ein langes Rohr in den Graben legen, doch ich erkläre ihm, dass auch das wenig praktikabel ist, weil wir im Kreis um die Burg graben müssen. Maurice, Tyron und Jona stimmen zu. Linus erwidert: „Nein, ich bin der Prinz.“ Ich muss lachen. Erst recht, als er hinzufügt: „Du bist der König.“ Damit sind die Rollen klar verteilt. Wir fangen an, ringsum die Burg einen etwa 30 Zentimeter tiefen Graben auszuheben.

Die Gruppe Pusteblume kommt hinzu. Als sie unsere Burg sehen, wollen sie auch mitmachen. Ich schlage vor, dass wir weiter hinten eine zweite Burg bauen und die beiden Sandburgen mit den Wassergräben verbinden. Gesagt, getan. Ich ziehe als Baumeister die Linien für die Wassergräben und wende etwas übermotiviert bei den ersten Spatenstichen so viel Kraft auf, dass der Holzstab in der Mitte bricht. Das ist mir wirklich peinlich. Ich wische mich dabei, dass ich mich beim Graben selbst wieder wie ein Kind fühle. Kita-Leiterin Lemme nimmt es gelassen und flachst: „Das kommt alles ins Zeugnis.“ Die Idee findet sie aber so toll, dass sie verspricht: „Nachher holen wir einen Wasserschlauch und füllen die Gräben.“

Meine persönliche Mittagspause lasse ich sausen, arbeite stattdessen weiter an der Burg und esse später im Gruppenraum mit den Kindern Brokkoli mit Kartoffelpüree und Fischstäbchen. Vor dem Essen schlägt Kerstin wieder auf die Klangschale. Dann beten wir. Beim Essen schweigen wir. „Das ist wichtig, damit die Kinder runterkommen. Es ist heiß draußen, und sie müssen sich ausruhen“, erklärt Kerstin. Die abgekämpften Kleinen empfinden das nicht als Strafe. Es entsteht fast eine meditative Stille. Nach dem Essen helfe ich den Erzieherinnen in der Gemeinschaftsküche beim Spülen und Abtrocknen. Danach geht es wieder in die Gruppe. Wir stärken uns mit den Muffins von Geburtstagskind Laura. Dann geht es wieder heraus. Wir vollenden die Gräben, bis das Wasser in einer Acht durch die Burgen fließt. Die Kinder sind überwältigt, freuen sich so sehr über das gemeinsam geschaffene Werk, dass die Eltern manche nur gegen große Gegenwehr mit nach Hause nehmen können. Eine Mutter, die ihr Kind förmlich wegziehen muss, sagt: „Na, da haben Sie ja wirklich alle Herzen erobert.“ Als auch ich mich nach dem Aufräumen um vier Uhr verabschiede, fühle ich mich nicht geschafft, sondern glücklich.


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