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Einmal um den Pudding Westerberg: Kinderlachen statt Kasernenhofgebrüll

Von Thorsten Wöhrmann

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Osnabrück. Jan ist neun und meint: „Hier kann man gut Fußball spielen.“ Der kleine Zauberer Leo und sein Freund Schlangi, eine Schlange aus Stoff, finden in der versammelten Nachbarschaft ein Publikum. Dort kann er seinen Zauberspruch aufsagen: „Eene meene Hexendreck – die Schlange ist jetzt weg.“ Nur ein kleiner Junge ist nicht zufrieden. Er schluchzt und jammert an der Schulter seiner Mutter. Er will weg aus der Sophie-Charlotte-Straße und zu McDonald’s.

Dort, wo jahrzehntelang die rauen Befehle der Offiziere und Kommandanten über den Kasernenhof schallten, ertönt jetzt Kindergeschrei. Im Schatten der Von-Stein-Kaserne auf dem Westerberg leben seit etwa acht Jahren Familien. Die Wohnhäuser sind so angebracht, dass vor und hinter ihnen mehrere Höfe entstehen konnten.

„Kinder finden hier ein gutes Umfeld“, sagt Sven Schulte, Vater zweier Kinder; ein drittes ist unterwegs. In der Sophie-Charlotte-Straße wohnen fast nur Familien mit Kindern. So finden die Mädchen und Jungen immer jemanden zum Spielen. Sie können auf der Straße oder in den Höfen Fußball spielen, sich Zaubertricks ausdenken, auf einem neuen Spielplatz toben oder am Wochenende auf dem ehemaligen Kasernenplatz spielen, der jetzt von der Hochschule als Parkplatz genutzt wird. Da rückt McDonald’s schnell in den Hintergrund. Der kleine Junge, der kurz zuvor noch Rotz und Wasser geheult hat, läuft nun lachend und juxend hinter den Kindern her, die auf dem Fahrrad in die Runde fahren.

In der Sophie-Charlotte-Straße haben nicht nur Kinder ein kleines Paradies gefunden. „Das ist hier wie auf dem Land, nur mitten in der Stadt“, sagt Klaus Kohake. Er steht mit seiner Meinung nicht allein. Kohake kommt aus dem kleinen Ort Varel in Friesland. Dort gebe es ähnliche Strukturen, sagt er. Die Nachbarn helfen sich nicht nur mit Mehl oder Eiern aus, sie leben und feiern auch zusammen. „Wer mal seine Ruhe haben will, der kann sich aber auch zurückziehen. Das wird akzeptiert“, sagt Martina Schulte, die auch auf dem Land groß geworden ist.

Die Hof-Feste sind eine Spezialität der Leute aus der Sophie-Charlotte-Straße. Erst am vergangenen Sonntag haben alle zusammen gefeiert. Im Winter wie im Sommer treffen sich die Nachbarn aus allen Höfen. „Die schönsten Feste sind die spontanen“, sagt Michael Werner, der unter anderem das „Büdchen am Westerberg“ betreibt. Er erzählt, dass er eines Abends von der Arbeit nach Hause kam und die Nachbarn auf seiner Terrasse saßen. Seine Frau hatte sie eingeladen. Michael Werner lächelt angesichts der Erinnerung an dieses spontane Fest in sich hinein. Als er wieder in die Gegenwart zurückkehrt, sagt er: „Da wusste ich: Hier bin ich richtig.“

Kinder in jedem Haus

Die gute Nachbarschaft spiegelt sich jedoch nicht nur in den gemeinsamen Festen wider. „Hier wird gegenseitig auf die Kinder aufgepasst“, sagt Klaus Kohake. Hanna Schumacher, die sich als „Oma von Theo“ vorstellt, nimmt die Rasselbande von der Sophie-Charlotte-Straße in ihre Obhut, oder jemand, der gerade Zeit hat, holt die Kinder in sein Haus. Dort finden sie Spielsachen.

„In jedem Haus wohnen Kinder. Das macht den Charme der Siedlung aus“, meint Kai Oeltjendiers. Für die Kleinen gebe es zudem viele Anlaufpunkte in der Nähe: Die Musikschule an der Caprivistraße, eine Schwimmschule, eine Grundschule, Kindergärten und ein Kinderarzt – alles ist zu Fuß erreichbar.

Das Klischee, dass am Westerberg nur Betuchte wohnen, können die Bewohner der Sophie-Charlotte-Straße nicht bestätigen. Zwar steht ein Porsche in einer Einfahrt. „Hier lebt aber überwiegend normaler Mittelstand“, sagt Sven Schulte und fügt diskret an: „Und viele Lehrer.“ Er selbst ist Architekt.

Dass die Siedlung an der Sophie-Charlotte-Straße im Schatten des Hochschulgebäudes liegt, habe auf das Leben dort keine Auswirkungen, meinen die Anwohner. „Manchmal parken die Studenten wild“, sagt einer. Ein anderer verweist auf Vorteile für die männlichen Bewohner der Straße. „Man sieht hier viele junge Frauen“, sagt der Mann, der lieber anonym bleiben will, um keinen Ärger mit seiner Gattin zu provozieren.

Einmal ging das Bier aus

Apropos: Dass es mal Ärger unter den Nachbarn in der Sophie-Charlotte-Straße gab, daran können sie sich nicht erinnern. Sie gehen kurz in sich und überlegen. Dann fällt Michael Werner was ein: „Damals, als das Bier ausgegangen war.“Für viele ist es ein Glück, auf dem Westerberg in Osnabrück zu leben


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