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Veterinäramt bestätigt Ansicht Georgsmarienhütte: Kastrationspflicht gegen Katzenschwemme

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Zwei Jungkatzen vom vergangenen Herbst hält Lucia Ackermann von den Georgsmarienhütter Grünen hier im Tierheim Hellern auf dem Arm. Obwohl die Vermittelungschancen für Jungtiere eigentlich gut seien, steige die Verweildauer der Fundtiere stetig an, berichtet Tierheimleiterin Martina Rüthers. Eine Kastrations- und Kennzeichnungsverordnung würde Tierhalter in die Pflicht nehmen und die Zuordnung der markierten Tiere ermöglichen.Foto: Gert WestdörpZwei Jungkatzen vom vergangenen Herbst hält Lucia Ackermann von den Georgsmarienhütter Grünen hier im Tierheim Hellern auf dem Arm. Obwohl die Vermittelungschancen für Jungtiere eigentlich gut seien, steige die Verweildauer der Fundtiere stetig an, berichtet Tierheimleiterin Martina Rüthers. Eine Kastrations- und Kennzeichnungsverordnung würde Tierhalter in die Pflicht nehmen und die Zuordnung der markierten Tiere ermöglichen.Foto: Gert Westdörp

Georgsmarienhütte. Die Anordnung einer Kastrations- und Kennzeichnungspflicht für Freigängerkatzen „ist fachlich eine Maßnahme, um mittel- und langfristig der ,Katzenschwemme‘ gegenzusteuern“. Diese vom leitenden Veterinärdirektor für Stadt und Landkreis Osnabrück, Dr. Jörg Fritzemeier, unterzeichnete Antwort erhielten die Georgsmarienhütter Grünen Ende Januar auf ihre vor gut zweieinhalb Monaten an den Landkreis gerichtete Eingabe.

Hintergrund und Auslöser für den Vorstoß der Grünen, zu dem auch ein Bürgerantrag auf Anordnung einer Kastrationspflicht im GMHütter Rat gehört, war ein Informationsbesuch im Tierheim in Osnabrück-Hellern im August 2011, das zu diesem Zeitpunkt mit 130 Katzen völlig überfüllt war. Ebenso wie beispielsweise das Katzenhaus auf dem Tierschutzhof Krevinghausen und alle anderen Tierheime und Auffangstationen.

Fakt ist, dass vor allem im Sommer, also von April/Mai bis September, die Zahl der unterzubringenden Fundkatzen von Jahr zu Jahr steigt und zeitweise jeden Rahmen sprengt, bestätigen Tierheimleiterin Martina Rüthers vom Tierschutz Osnabrück und Umgebung und der langjährige ehemalige Vorsitzende des Katzenschutzbundes Osnabrück, Michael Muris. „Gleichzeitig ist die Verweildauer von einigen Wochen auf Monate bis Jahre gestiegen“, so Rüthers.

Im Dezember, so geht aus dem Antwortschreiben an die Grünen hervor, waren bei der jüngsten Kontrolle des Veterinärdienstes im Osnabrücker Tierheim immer noch 95 Katzen untergebracht. „Bei 53 Katzen war zum Zeitpunkt der Kontrolle der in der Erlaubnis nach Paragraf 11 Tierschutzgesetz als Auflage benannte Mindestflächenbedarf in unterschiedlichem Maße unterschritten.“

Einmalige Pauschale

Zu wenig Platz also für die Tiere. Aber bei Überfüllung einen Aufnahmestopp verhängen wie zum Beispiel der Katzenschutzbund auf dem Tierhof in Krevinghausen können die Tierschützer in Hellern nicht: „Das wäre Vertragsbruch gegenüber den Kommunen“, erklärt Martina Rüthers. Im Gegensatz zu den ehrenamtlichen Tierschützern in Krevinghausen, die ihre Arbeit ausschließlich aus Spenden und Mitgliedsarbeit finanzieren, ist das Tierheim durch Verträge mit der Stadt und den Umland-Kommunen verpflichtet, Fundtiere aufzunehmen, und bekommt dafür für jedes Tier einen pauschalen Geldbetrag. „Wir müssen dann sehen, wie wir die unterbringen“, sagt Rüthers. Abgabetiere, also jene Tiere, die wegen Krankheit, Pflegebedürftigkeit oder Tod ihres Halters ein neues Zuhause brauchen und für die es kein Geld von den Kommunen gibt, kann das Osnabrücker Tierheim schon seit Jahren nicht mehr aufnehmen: „Wir können nur bei der Vermittlung helfen.“

Im Januar, Februar und März hat sich die Situation zwar wie jedes Jahr einigermaßen entspannt: Letzte Wochen waren 65 Katzen im Katzenhaus des Tierheimes und 13 in Pflegestellen untergebracht. Beim Katzenschutzbund leben derzeit etwa 50 Samtpfoten im Katzenhaus des Tierschutzhofes Krevinghausen. Mit den Tieren in privaten Pflegestellen seien es etwa 80 Tiere, davon 15 schwer vermittelbare Dauergäste, berichtet der Vorsitzende Andreas Renner auf Anfrage. Aber das ist nur die Ruhe vor dem (An-)Sturm, denn mit der Geburt der ersten Frühjahrskätzchen im April explodiert dann auch wieder die Zahl der Fundkatzen. Das stellt nicht nur die ehrenamtlichen Tierschützer, sondern auch die hauptamtliche Leiterin des Tierheims in Hellern vor enorme Probleme: Jedes aufgenommene Fundtier kostet nicht nur Futter, Wasser, Streu und im Winterhalbjahr exorbitant hohe Energiekosten, sondern muss untersucht, entfloht, entwurmt, geimpft und kastriert – und oft genug auch noch wegen Verletzungen oder Krankheiten behandelt werden. „Wir bekommen pro Tier einen einmaligen Festbetrag von 102 Euro – egal, wie lange das Tier hier ist“, erzählt Martina Rüthers. Das reicht natürlich nicht einmal, um die Routine-Tierarztkosten bei der Aufnahme zu decken. Im Gespräch mit unserer Zeitung und mit Lucia Ackermann von den Georgsmarienhütter Grünen erklärt die Tierheimleiterin, warum die Einführung einer Kastrations- und Kennzeichnungspflicht für Katzen mit Freilauf so wichtig ist: „Wie man sieht, haben Aufklärung und Appelle nichts genützt. 2004 hatten wir im Februar gerade mal zehn Katzen hier. Jetzt, im Februar 2012, sind es 65 plus 13 in Pflegestellen. Tiere werden wie Wegwerfartikel behandelt. Wir haben zum Beispiel einen Dreibeinigen, der war auf dem Tierfriedhof ausgesetzt worden. Und einen Ur-Opi mit nur noch einem Zahn, der war auch ausgesetzt am Zaun. Die Einführung der Verordnung ist ganz wichtig, damit Tierhalter in die Pflicht genommen werden!“ „Eine Katze, die markiert und kastriert ist, hat einen Halter und ist zuzuordnen“, betont auch Michael Muris. Und: Tierschutzvereine bekämen dann endlich auch eine Rechtsgrundlage, um die grenzenlose Vermehrung bei Kolonien verwilderter Hauskatzen durch Kastrationsaktionen einzudämmen.

In 70 Kommunen Pflicht

Apropos Grenzen: Über 70 Kommunen in Deutschland, vor allem im Norden und Westen, haben die Kastrations- und Kennzeichnungspflicht (per Mikrochip oder Tätowierung) schon eingeführt. Darunter auch die Landkreise Cloppenburg und Herford. Verwilderte Streunerkatzen aber machen nicht vor Kreisgrenzen halt. Schon deshalb wäre eine flächendeckende Regelung auf lange Sicht am wirksamsten.

Denn eins steht fest: Solange es Katzenhalter gibt, die unkastrierten Tieren Freilauf gewähren, wird es Samtpfoten geben, die zu streunen beginnen und sich ungehemmt vermehren. Privat abgegebene Katzenbabys verhindern überdies die Vermittlung von Fundkatzen aus Tierheimen. Und draußen geborener Nachwuchs zahmer Katzen bleibt meist menschenscheu, verwildert, erhöht seinerseits die Populationsdichte immer weiter und wird so zur ordnungs-, gesundheits-, hygiene- und tierschutzpolitischen Zeitbombe. 80 Millionen Nachkommen kann ein einziges Katzenpaar in nur zehn Jahren theoretisch haben! (Diese statistische Hochrechnung geht von zwei Würfen im Jahr aus, bei denen jeweils 2,8 Junge überleben, die sich dann ihrerseits nach durchschnittlich sechs Monaten entsprechend fortpflanzen.)


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