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Geerbte Unverträglichkeit mit schlimmen Folgen Indianer und Alkohol: Wie Feuer und Wasser

Von Waltraud Messmann

Die Totempfähle gelten heute als Identitätssymbole der indigenen Völker und schmücken so manchen Park. Dieses Exemplar steht im Stanley Park im kanadischen Vancouver. Foto: Waltraud MessmannDie Totempfähle gelten heute als Identitätssymbole der indigenen Völker und schmücken so manchen Park. Dieses Exemplar steht im Stanley Park im kanadischen Vancouver. Foto: Waltraud Messmann

Osnabrück. Von Winnetou, dem Freund und Blutsbruder Old Shatterhands, heißt es, er habe niemals Feuerwasser getrunken. Das war eine gute Entscheidung des weisen Häuptlings in den Erzählungen von Karl May. Denn die ursprünglich aus Ostasien stammenden Ureinwohner Amerikas vertragen Alkohol noch viel schlechter als zum Beispiel die Europäer.

Die Ursache der speziellen Alkoholunverträglichkeit der Indianer und Inuit ist angeboren: Alkohol ist ein Zellgift. Nach dem Konsum ist die Leber deshalb bemüht, den Alkohol so rasch wie möglich abzubauen. Dabei hilft ihr ein Enzym namens ADH (Alkoholdehydrogenase).

Den Urvölkern Nordamerikas sowie vielen ostasiatischen und einigen afrikanischen Bevölkerungsgruppen fehlt dieser Stoff aber weitestgehend. Die Folge: Der Alkohol konzentriert sich sehr schnell im Körper, und er verbleibt dort auch viel länger.

Das führt nicht nur dazu, dass diese Menschen sehr viel schneller sturzbesoffen sind und sich kaum auf den Beinen halten können – auch die gesundheitlichen Auswirkungen sind natürlich noch stärker als im Normalfall.

Doch warum haben Menschen so unterschiedlich effektive Entgiftungsmechanismen für Alkohol entwickelt?

Nach Ansicht vieler Experten liegt der Grund in der genetischen Selektion der Einwohner Europas während des Altertums und des Mittelalters. Mithilfe alkoholischer Getränke konnten einige Menschen Seuchen und Epidemien überleben. Damals kam es vor allem in den europäischen Städten durch mit Bakterien verunreinigtes Trinkwasser zu zahlreichen Seuchen. Menschen, die dank einer aktiven ADH alkoholhaltige und deshalb keimfreie Getränke gut vertrugen, hatten unter den damaligen Umständen also einen Überlebensvorteil. Den Nachkommen wurde diese hilfreiche Fähigkeit vererbt.

Asiatische Völker, von denen auch die Indianer und Inuit abstammen, dagegen begannen viel früher, Wasser in abgekochter Form vorzugsweise als Tee zu konsumieren. Für die Menschen in diesen Kulturen brachte es keinen Vorteil, eine wirksame ADH zu haben, weil sie bis in die Neuzeit nie mit Alkohol konfrontiert waren, vermuten Wissenschaftler. Ihre angeborene Alkoholunverträglichkeit wurde auch für die Indianer erst dann zum Problem, als die europäischen Siedler, um ihr Vordringen auf den amerikanischen Kontinent zu erleichtern, großzügig Feuerwasser an die einheimischen Stämme verteilten.

Ende des 19. Jahrhunderts hatten die europäischen Einwanderer dann sämtliche Indianer unterworfen. Knapp zwei Millionen Indianer leben noch heute in den USA – ein Drittel von ihnen in Reservationen. Das Leben dort ist von Armut geprägt. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, das Gesundheitswesen schlecht und der Alkoholismus weit verbreitet.

Zwar ist in den meisten Reservaten der Verkauf von Alkohol verboten, doch ganz in der Nähe ihrer Grenzen haben sich ganze Städte breit-gemacht, deren geschäftstüchtige Einwohner zu einem guten Teil vom Verkauf von Alkohol an die Indianer leben.

Egal, aber wo die Ureinwohner heute wohnen – in Reservaten oder unter den Weißen in den Städten –, oft scheitern sie an den Bedingungen der amerikanischen Gesellschaft. Viele von ihnen leiden unter Depressionen. Und ein Drittel aller Indianer sterben vor Erreichung des 45. Lebensjahres an Krankheiten, die mit Alkohol verbunden sind.


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