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Berichten Sie uns! Zum zehnjährigen Bestehen von Cinema-Arthouse und Cinestar: Kinogeschichte(n) aus Osnabrück

Von Reinhard Westendorf

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Gute Laune im Filmpalast: Von 1950 zum Abriss im Jahr 1972 begeisterte das Osnabrücker „Ritz“ an der Lotter Straße/Ecke Bergstraße seine Zuschauer. 1000 Gäste passten in den Saal. Foto: ArchivGute Laune im Filmpalast: Von 1950 zum Abriss im Jahr 1972 begeisterte das Osnabrücker „Ritz“ an der Lotter Straße/Ecke Bergstraße seine Zuschauer. 1000 Gäste passten in den Saal. Foto: Archiv

Osnabrück. Vor zehn Jahren entstanden in Osnabrück zwei neue Anziehungspunkte für Filmliebhaber: Cinema-Arthouse und Cinestar. Mit einem Schlag änderte sich die Kinolandschaft der Stadt. Aber wie sah es eigentlich davor aus? Ein Rückblick auf die wichtigsten Wegmarken.

Die Filmpaläste: Anfang 1972 wurde ein legendäres Stück Osnabrücker Kinogeschichte abgerissen. Das repräsentative „Ritz“-Filmtheater an der Ecke Lotter Straße/Bergstraße war seit seiner Eröffnung am 13. Januar 1950 für viele Osnabrücker der Inbegriff schöner Kinostunden. Der Saal mit 1000 Plätzen war ein Schmuckstück der glorreichen Filmpalast-Kultur der Fünfzigerjahre und lockte selbst internationale Filmstars zu Premieren in die Hasestadt. Bei den Abschiedsvorstellungen mit dem Disney-Klassiker „Das Dschungelbuch“ am 16. September 1971 ließ es sich Besitzer Josef Stuchtrup nicht nehmen, allen Damen persönlich ein Rosensträußchen zu überreichen.

Bereits 1953 hatte der Osnabrücker Kinopionier mit den neuen „Rosenhof-Lichtspielen“ am Rosenplatz einen weiteren traditionsreichen Kinosaal mit 780 Plätzen positioniert. Ein ruhmreicher Filmpalast für knapp 1000 Zuschauer war auch das 1953 eröffnete „Astoria“ an der Ecke Möser- und Georgstraße, als dessen architektonische Besonderheit der vom Parkett aus stufenartig ansteigende Rang galt. Das „Astoria“ trotzte der Kinokrise der 60er- und 70er-Jahre noch länger, aber am 1. Februar 1979 schloss sich auch hier der Vorhang. Auf dem Tiefpunkt der lokalen Kinogeschichte gab es 1980 in Osnabrück dann nur noch drei gewerbliche Kinosäle: „Rosenhof“, „Universum“ und das „Filmtheater am Hasetor“.

Das „andere Kino“: Angesichts des Dahinsiechens des kommerziellen Kinos forderten zu Beginn der 70er-Jahre bundesweit Kulturpolitiker und Filmenthusiasten die Einrichtung kommunaler Spielstätten. In Osnabrück gab es zwar nie ein reines kommunales Kino, aber ein reges Interesse am „Kino zum Selbermachen“. Neben der traditionsreichen „Jungen Filmgemeinde“ im Haus der Jugend bereicherten insbesondere die 1975 gegründete studentische „Initiative Unifilm“ und ab 1977 das „Kino in der Lagerhalle“ ihr Publikum mit einem alternativen Angebot an Filmkultur.

Einige Aktivisten aus dieser nicht gewerblichen Filmarbeit gründeten 1980 den „Förderkreis Osnabrücker Kinokultur e.V.“ und die aus diesem Verein hervorgegangene „KiOS Filmtheater GmbH“. Diese Gruppe wollte am Rande der Altstadt ein vom damaligen Kultusdezernat begrüßtes Programmkino betreiben, musste ihre ambitionierten Kinoträume aber bald begraben. Wirtschaftsdezernent Dr. Schubert brachte für den Standort an der Bocksmauer 19 überraschend einen gewerblichen Mitbewerber ins Spiel. So beendeten die finanzkräftigeren „Atlantis Filmtheater Betriebe“ im September 1981 mit der Eröffnung der „Atlantis Filmstudios“ die Bemühungen um ein „etwas anderes Kino“.

Schachtel- und Studiokinos: Dennoch bescherten die beiden „Atlantis“-Kleinstkinos (97 und 47 Plätze) den Filmfreunden mit bis zu sieben verschiedenen Filmen an einem Tag ein vielfältiges Programmkino-Angebot. Ein halbes Jahr vor dem „Atlantis“ startete im Frühjahr 1981 in der Spichernstraße das „Cinema“ in einer flachen Container-Halle seinen Spielbetrieb. Durch den Betreiber Rolf Schrader entwickelte sich das Service- und Raucherkino zu einem beliebten Treff für Nachtschwärmer. Allerdings sorgten die täglichen Spätvorstellungen auch für Ärger und Prozesse mit Anwohnern.

Gleich fünf „Zimmerkinos“ mit zusammen 513 Plätzen bot das an alter Stätte neu gebaute „Astoria“-Kinocenter ab März 1982 zur Auswahl an. Betrieben vom Göttinger Kinounternehmer „Porno Krause“ , erwarb sich insbesondere das „Kino E“ mit seinen „Lebensgeister weckenden“ Filmen und „Partnertime am Wochenende“ einen leicht anrüchigen Ruf.

Wie man ein großes, aber unrentables Einzelhaus zu hässlichen, aber gewinnbringenden Schachtelkinos verbaut, demonstrierte 1983 Deutschlands berühmt-berüchtigter Kinokönig Heinz Riech, der aus dem „Rosenhof“ fünf buchstäblich schräge Kinokartons schnitzte.

Filmkunsttheater und Kinokrieg: Von einem „Kinokrieg“ in Osnabrück war 1990 zu lesen. Der Hannoveraner „CinemaxX“-Gründer Hans-Joachim Flebbe hatte drei Jahre zuvor den Rosenhof vom Immobilienbesitzer erworben, was Riechs betreibende Ufa-Theater AG aber nicht akzeptieren wollte. Als die gerichtliche Zwangsräumung dennoch folgte, hinterließ Riechs Abrisskommando ein verwüstetes Kino. Knapp zwei Jahre nach der Schließung erstanden die „Rosenhof-Lichtspiele“ wieder auf als großes Filmtheater mit 420 roten Komfortsesseln. Zur Neueröffnung am 18. März 1992 konnte Hans-Joachim Flebbe bei der Premiere der deutschen Komödie „Schtonk“ auch den einstigen „Rosenhof“-Erbauer Josef Struchtrup begrüßen. Der unnachgiebige „Kinokrieg“-Verlierer Heinz Riech hatte aber bereits zuvor eigenhändig die Baugrube für einen Kinocenter-Neubau an der Johannisstraße ausgehoben. Die später auf insgesamt neun Bildwände ausgebaute „Ufa-Filmpassage“ nahm 1990 den Spielbetrieb mit zunächst zwei Sälen auf.

Osnabrücks letzter ortsansässiger Kinobetreiber Rolf Schrader musste im April 1991 Abschied von seinem geliebten „Cinema“ nehmen, konnte sein Stammpublikum aber bereits zwölf Tage später in einem Neubau mit zwei Sälen an der Pagenstecherstraße begrüßen. Schrader betrieb seit 1986 auch das „Filmtheater Hasetor“ mit den beiden Geschäftsführern Hans-Christian Saßnick und Herman Thieken erfolgreich als Filmkunst- und Programmkino. Saßnick und Thieken führten als mittlerweile selbstständige Betreiber ab 1996 auch das „Cinema“ als Programmkino in eigener Regie und bis zur wilden Abrock-Party im September 2001 auch das „Universum“ in der Großen Straße.

Multiplex und Arthouse: Im Herbst 2001 erlebte Osnabrück eine rekordmäßige Großkino-Offensive. Im Abstand von nur sechs Wochen wurden das „Cinema-Arthouse“ am Erich-Maria-Remarque-Ring (fünf Säle) und der „Ufa-Palast“ (sieben Säle) am Hauptbahnhof eröffnet. Das von Verleger Leo Victor Fromm als Bauherr verantwortete und von der S&T Kinokunst GmbH (Saßnick und Thieken) betriebene „Cinema-Arthouse“ rundete ab Oktober 2001 den „Medieninsel“-Neubau am Berliner Platz ab.

Pläne für ein Freizeit- und Geschäftszentrum mit Kinocenter am Bahnhofsvorplatz hatte es bereits 1997 gegeben. Durch die zwischenzeitliche Kooperation und erneute Trennung der beiden Kinogiganten Ufa-Theater GmbH und CinemaxX AG gab es zunächst Irritationen um den Betreiber und den Start des Multiplex-Kinos. Das CinemaxX kam am Bahnhof überraschend nicht zum Zug. Im November 2001 öffnete der „Ufa-Palast“ mit einer Gesamtkapazität von 2090 Plätzen seine Pforten. Bereits im Jahr 2003 übernahm das Lübecker Kinounternehmen Kieft & Kieft das Großkino von der insolventen Ufa, das seitdem unter dem „Cinestar“-Logo firmiert. Seit der Einstellung des Kinobetriebs im „Rosenhof“ Anfang Oktober 2002 buhlen gegenwärtig in Osnabrück noch 22 gewerblich betriebene Leinwände um die Gunst der Kinogänger.

 

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