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Von NY in eine traurige Vergangenheit Tafel bei L+T in Osnabrück erinnert an das Schicksal der jüdischen Gründer des Kaufhauses

Würdigung für die Gründer: Ronald Stern (links) und seine Frau Elarie stehen vor der Erinnerungstafel bei L+T, die auf die Betreiber des vormaligen Kaufhauses Alsberg hinweist. Sie mussten vor dem NS-Regime fliehen. Heutige Gesellschafter hatten die Tafel in ihrem Geschäft angebracht: Mark und Dieter Rauschen (Vierter und Fünfter von links) sowie Mitglieder der Familie Haberland aus Düsseldorf. Foto: Hermann PentermannWürdigung für die Gründer: Ronald Stern (links) und seine Frau Elarie stehen vor der Erinnerungstafel bei L+T, die auf die Betreiber des vormaligen Kaufhauses Alsberg hinweist. Sie mussten vor dem NS-Regime fliehen. Heutige Gesellschafter hatten die Tafel in ihrem Geschäft angebracht: Mark und Dieter Rauschen (Vierter und Fünfter von links) sowie Mitglieder der Familie Haberland aus Düsseldorf. Foto: Hermann Pentermann

Osnabrück. Der Wirt interessierte sich für die beiden Gäste aus New York City. Weshalb sie nach Osnabrück gekommen seien, wollte er wissen. Ronald Stern antwortete auf Englisch: „Freunde besuchen.“ Daraufhin spürte er unter dem Tisch einen leichten Tritt, den ihm seine Frau Elarie verpasst hatte – und dann sagte er die Wahrheit.

Und die beginnt mit der Lebensgeschichte seines Großvaters Ludwig Stern, der bis 1935 Mitinhaber des Kaufhauses Alsberg war. Dann fädelten die Nationalsozialisten die sogenannte „Arisierung“ ein, und Lengermann und Trieschmann übernahmen. Die jüdischen Gründer des Geschäfts, das heute L+T heißt, gerieten bald in Lebensgefahr. Sie konnten gerade noch rechtzeitig in die USA fliehen.

Was Ronald und Elarie Stern wunderte: Der Wirt wusste sofort, wovon die Rede war. Es war der Beginn eines langen Gesprächs. Zwei Tage später erzählte Ronald Stern beim Empfang im Rathaus von dieser Begegnung – und schien immer noch überrascht: „Niemand versteckt hier, was damals geschehen ist.“ Das gelte auch für Mark Rauschen, den jetzigen L+T-Geschäftsführer. Der hatte die New Yorker eingeladen. Es ging um die Erfüllung eines Herzenswunschs von Ronald Stern: eine Gedenktafel, die in dem Geschäft an der Großen Straße das Werk der drei Unternehmensgründer Ludwig Stern, Gustav Falk und Max Katz würdigt. Sie hatten das Textilgeschäft Alsberg 1910 eröffnet und es 1935 aufgeben müssen, weil sie Juden waren.

Als 1933 die Demokratie zerbrach, begann auch das Ende der Firma Alsberg. Der Hass der Nationalsozialisten auf Juden breitete sich aus. Wer in ihren Geschäften einkaufte, musste mit Ärger rechnen. Kunden wurden fotografiert. 1935 gaben Stern, Falk und Katz auf. Sie mussten ihr Kaufhaus für einen Bruchteil seines Wertes verkaufen. Die Nationalsozialisten sprachen von „Arisierung“. Davon profitierten Friedrich Lengermann und Alfred Trieschmann: Sie kamen von Mülheim und Essen nach Osnabrück und übernahmen das Geschäft.

Ludwig Stern, seine Frau Greta und ihr Sohn Ralph verließen Osnabrück – ebenso wie Gustav Falk und Max Katz. Für die Sterns war Berlin die nächste Station. 1939 gelang es Ludwig Stern, seinem inzwischen 18-jährigen Sohn Ralph die Ausreise nach England zu ermöglichen. Im Jahr darauf reisten die Eltern nach New York – kurz bevor es zu spät war. Die Nationalsozialisten hatten den Juden inzwischen alle Rechte genommen, und der Massenmord stand kurz bevor. Die Sterns mussten ein Vermögen aufbringen, um die sogenannte „Reichsfluchtsteuer“ zahlen zu können, die dazu diente, vermögende jüdische Auswanderer vor ihrer Ausreise auszuplündern. Auch den Familien Falk und Katz gelang eine von Todesangst begleitete Flucht – ebenfalls in die USA.

Ronald Stern berichtete, wie sich seine Großeltern mühsam in Amerika zurechtfanden: Ludwig Stern als Hausmeister, Greta als Putzfrau. Später betrieben sie mit ihrem Sohn Ralph ein Stoffgeschäft. „Sie arbeiteten hart.“ Größere Erfolge wie früher in Osnabrück blieben ihnen aber verwehrt. Nach dem Krieg kam ein Vergleich mit der Firma L+T zustande, doch konnte der die Verluste und die bitteren Erfahrungen nicht aufwiegen. Und die Entschädigungsbehörde lehnte eine Wiedergutmachung ab.

Ralph Stern reiste nach Osnabrück, um in Schulen über die Diskriminierungen zu erzählen, die er als Jugendlicher erlebt hatte. Doch eine Versöhnung fiel ihm schwer, wie sein Sohn Ronald berichtete. Das zeigte sich auch im Familienalltag in New York: „Bei uns zu Hause gab es keine deutschen Produkte. Als ich mir dann einen Volkswagen kaufte, war mein Vater entsetzt.“ Die deutsche Sprache blieb Ronald fremd. Er wurde Polizist und Rettungssanitäter.

Mittlerweile ist Ronald Stern 56 Jahre alt. Und nun lernte er die Osnabrückerin Maria Nordmann kennen, die einst bei Alsberg gearbeitet hat, inzwischen 100 Jahre alt ist und sich noch lebhaft an seinen Großvater erinnert. Ebenfalls bewegend: die Begegnung mit Helga Kleina, der Tochter der Erzieherin seines Vaters.

Beim Empfang im Friedenssaal des Rathauses legte Bürgermeisterin Karin Jabs-Kiesler ihre auf Deutsch verfasste Rede beiseite und sprach das amerikanische Ehepaar auf Englisch an – aus der offiziellen Begegnung wurde eine persönliche: „Ich wünsche Ihnen von Herzen, dass Sie diese Tage in Osnabrück nicht nur als schmerzlich erleben, sondern die Stadt auch mit einer gewissen Zuversicht verlassen können.“

Das ist geschehen. Ronald Stern sagte der Autorin Martina Sellmeyer („Stationen auf dem Weg nach Auschwitz“) und dem Historiker Joachim Castan, ihm komme es jetzt so vor, als würden sein verstorbener Vater und seine Großeltern zu ihm herüberlächeln. Und dann ist da noch der Osnabrücker Wirt, dem er seine Geschichte erzählt hat: „Er ist ein neuer Freund.“


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