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Kombiniere: Jubiläum! 100. Geburtstag von Nick Knattertons „Vater“ Manfred Schmidt

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Osnabrück. Kombiniere: Comics sind doch was Gutes! Eigentlich wollte Manfred Schmidt mit „Nick Knatterton“ nur beweisen, das Comics primitiver Schund sind. Tatsächlich wurde er mit der Serie für die Illustrierte „Quick“ zum Wegbereiter der „Neunten Kunst“.

Hannover. Ironie des Schicksals: Nick Knatterton sieht nicht nur aus wie Sherlock Holmes. Er hat seinem Erfinder auch dasselbe Schicksal beschert. Arthur Conan Doyle war der Erfolg seiner Detektivgeschichten lästig. Er sah sich als Autor historischer Romane. Knattertons geistigem Vater ging es so ähnlich: Stolz war Manfred Schmidt (1913–1999) auf seine Reisereportage – reich wurde er mit dem Comic für die Illustrierte „Quick“. Heute, am 15. April, wäre der Zeichner, Autor und Journalist 100 Jahre alt geworden.

Die Kunstform, die ihn zum Star machte, galt dem Autor schlicht als „primitiv“. Tatsächlich wirkt die Anlage seiner Figur wie eine hämische Versuchsanordnung – mit der Leitthese: Wenn man nur plump genug die Erzählmuster etablierter Helden von Holmes bis Superman zusammenklaut, erschreibt man sich mühelos ein Erfolgsformat. Erstaunlicherweise hatte er recht!

Das parodistische Moment macht Knattertons Abenteuer auch heute noch lustig. Mitunter arten die Strips zu Orgien der Selbstkommentierung aus, ohne die kein Bild auskommt. Regelmäßig werden die spektakulären Stunts des unerschrockenen Meisterdetektivs in schematischen Grafiken erklärt; immer wieder bestärkt oder relativiert Schmidt die Sprechblasen seines Helden, indem er seine auktorialen Ergänzungen in eigenen Textboxen danebenschreibt.

Die Selbstironie, mit der Schmidt das Genre ad absurdum führt, federt auch Passagen ab, die heute gestrig wirken: Gangsterbräute und Sekretärinnen werden im Knatterton-Kosmos schon mal nach ihrer Körbchengrößen getauft. Mit zugedrücktem Auge kann man das als Spott über die pubertären Fantasien von Genre-Comics lesen; so ganz wird man allerdings nie den Eindruck los: Auch Schmidt und Knatterton finden „Silvana Busonia“ am Ende attraktiver als die knabenhafte „Lady Plettbratt“.

Zeitgeist hat sich den Schmidt’schen Anti-Comics aber nicht nur im Frauenbild eingeschrieben: Mit ihren tagesaktuellen Anspielungen könnte man die Magazingeschichten heute sogar im Geschichtsunterricht einsetzen. Denn der Autor zeigt sich in seinen Geschichten als fleißiger Nachrichtenleser, der das Rabaukentum seiner Abenteuer für den aufmerksamen Leser mit kabarettistischen Anspielungen spickt: Sein Meisterdetektiv setzt schließlich nicht nur ruchlosen Juwelendieben nach, sondern in ungezählten Wortspielen auch dem Bundeskanzler. Schmidt erlaubt sich sogar, Konrad Adenauer ins Indianerkostüm zu stecken – um mit dem Häuptling „Alter Fuchs“ auch Themen wie Wiederbewaffnung und Westanbindung in die Welt des Detektivs zu schmuggeln – und das eigentlich verachtete Unterhaltungsmedium Comic damit inhaltlich aufzuwerten.

In Deutschland wurde mit Manfred Schmidt also ausgerechnet ein Kritiker zum Wegbereiter der „Neunten Kunst“. In seiner Skepsis gegenüber der Sprechblase hat der Zeichner erst sich selbst und mit ihm dann auch seine Leser überzeugt: Die Möglichkeiten des Comics sind mit den Knalleffekten der Kinderunterhaltung nicht annähernd ausgeschöpft.


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