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„Amok“ zeigt die Geschichte des Betrügers und Fünffachmörders Jean-Claude Romand „Eigentlich ein träger Typ“

Zwei Schauspieler, viele Identitäten: Clemens Dönicke (links) und Dietmar Nieder spielen alle Rollen in „Amok“ und haben sich außerdem intensiv mit der Geschichte des Jean-Claude Romand befasst. Foto: Gert WestdörpZwei Schauspieler, viele Identitäten: Clemens Dönicke (links) und Dietmar Nieder spielen alle Rollen in „Amok“ und haben sich außerdem intensiv mit der Geschichte des Jean-Claude Romand befasst. Foto: Gert Westdörp

Osnabrück. Viele Jahre gab Jean-Claude Romand sich als ein anderer aus – und wurde zum Mörder. Die Uraufführung „Amok“ geht diesem rätselhaften Charakter auf den Grund.

Eigentlich muss Jean-Claude Romand sehr unauffällig gewesen sein. Regisseur Jan-Christoph Gockel zeigt auf das Schwarz-Weiß-Bild dieses Mannes, der auf dem Plakat zu „Amok“ zu sehen ist. Eine graue Gestalt mit randloser Brille, Halbglatze und ausdruckslosem Gesicht. „Eigentlich ein total träger Typ“, sagt Gockel. Kaum zu glauben, das Romand fünf Menschenleben auf dem Gewissen hat.

1993 brachte er in einem kleinen Ort nahe Genf seine Frau, seine Kinder und seine Eltern um. Bis dahin hatte Romand 17 Jahre lang aller Welt vorgegaukelt, er sei ein angesehener Mediziner der Weltgesundheitsorganisation WHO. Doch statt ins Büro zu fahren, ging er im Wald spazieren. Bis sein Schwindel aufflog. Auch sich selbst versuchte er halbherzig mit Tabletten zu töten. Doch er überlebte und sitzt bis heute im Gefängnis.

Wenn Dramaturgin Patricia Nickel-Dönicke und Jan-Christoph Gockel über Jean-Claude Romand reden, ist ihnen anzumerken, dass sie sich intensiv mit diesem seltsamen Charakter befasst haben, der auf der einen Seite so harmlos erscheint, auf der anderen Seite aber zu lauter Lügen und Gewalt fähig ist. „Er lässt sich in kein psychologisches Schema einordnen“, sagt Nickel-Dönicke über Romand, der zunächst nur behauptete, eine verpatzte Prüfung bestanden zu haben und sich ein immer größeres Gebäude aus Lügen und Finanzbetrug aufbaute.

Patricia Nickel-Dönicke und Jan-Christoph Gockel haben auf der Grundlage von Emmanuel Carrères Roman „Amok“ ein Stück über den Fall geschrieben. Auch den Autor selbst haben sie ins Stück eingebaut. Denn Carrère schreibt nicht nur über die Tatsache, sondern auch über seine Gefühle zu dem Fall. Das Buch, so Gockel, fange sogar mit dem Wort „Ich“ an.

Und so sind die Hauptpersonen des Stücks der Autor und Jean-Claude Romand. Gespielt werden sie von Clemens Dönicke und Dietmar Nieder, die auch alle anderen Rollen übernehmen. Die Schauspieler würden die Geschichte „irre gut kennen“, sagt der Regisseur. Auf der Bühne entwickelten Dramaturgin und Regisseur mit Nieder und Dönicke die Rohfassung des Stücks in szenischer Arbeit weiter. „Die beiden stehen als sie selbst auf der Bühne“, erklärt Jan-Christoph Gockel, dessen Wunsch es wäre, dass die Zuschauer den Schauspielern nach der Vorstellung Fragen zu der Geschichte stellen.

Mit „Amok“ folgt nur einen Tag nach der Boulevardkomödie von „Cash“ im Theater am Domhof wieder ein Stück über einen Lügner, der seiner Umgebung mehrere Jahre lang etwas vorspielt. Patricia Nickel-Dönicke und Jan-Christoph Gockel heben vor allem die Unterschiede der Produktionen hervor: Geht es am Vorabend lustig zu, ist „Amok“ ernst. Und ist die eine Geschichte erfunden, beruht die andere auf Tatsachen. „Wir zeigen aber auch unsere Fiktion zu der Geschichte“, betont Gockel.

Dietmar Nieder und Clemens Dönicke schlüpfen so nicht nur in verschiedene Figuren, sondern auch in unterschiedliche Rollen im Inneren des Jean-Claude Romand. „Es geht darum, in seine Welt einzutauchen“, so Jan-Christoph Gockel. In eine Welt also, deren Prinzip es ist, „immer wieder Rollen und Identitäten zu wechseln“. Im Gefängnis wechselte Romand wieder die Rolle. Dort wurde er Mitglied einer christlichen Gebetsgemeinschaft und so zum reuigen Sünder, der nur Opfer seines Schicksals ist.

„Amok“ Premiere am Sonntag, 3. April, um 19.30 Uhr im Emma-Theater. Kartentel. 0541/7600076


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