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Verhaltensauffälliger Teenager Schulzeit eines Serienmörders: die Graphic Novel „Mein Freund Dahmer“



Osnabrück. Jeffrey Dahmer hat zwischen 1978 und 1991 17 Männer und Jungen entführt, betäubt und mit Hirn-Injektionen zu „Zombies“ zu machen versucht; er hat sie ermordet und die Leichen missbraucht, teils auch gegessen. 1992 wurde Dahmer verurteilt, 1994 von einem Mithäftling erschlagen. Der Comic-Zeichner Derf Backderf ist mit Dahmer in Wisconsin zur Schule gegangen. Über diese Zeit hat er eine Graphic Novel geschrieben: „Mein Freund Dahmer“.

Den späteren Serienmörder schildert Beckderf als verhaltensauffälligen Teenager; stoisch und steifbeinig geht er durch die Schulflure und imitiert aus heiterem Himmel die Spasmen eines Hirngeschädigten. Sein Hobby sind Tierkadaver, die er in Säure auflöst. Ab einem gewissen Alter erscheint er nur noch betrunken – Eltern und Lehrer reagieren nicht; unter den Schülern weiß es jeder. Warum Dahmer sich systematisch betrinkt, ahnt allerdings keiner: Mit dem Alkohol betäubt er Fantasien von Sex mit Toten. Während der Schuljahre kompensiert er diese Neigung, indem er Hunde tötet. Menschen ermordet Dahmer erst nach dem Abschluss. Mit der ersten Leiche endet das Buch.

Monster von Milwaukee

Backderf unterfüttert seine Erinnerungen mit intensiven Recherchen: Er hat Klassenkameraden befragt und Verhöre und Interviews mit dem Täter und seinen Eltern ausgewertet. Das erlaubt es ihm, auch Episoden zu schildern, die er selbst nicht autobiografisch bezeugen kann. Beim Zeitraum der Erzählung beschränkt er sich trotzdem auf die Schulzeit. Ein Kunstgriff, mit dem er Sensationalismus radikal ausklammert. Statt den Horror auszubeuten, erzählt er stilsicher eine Außenseiter-Geschichte, die in vielem erschreckend vertraut bleibt.

Die Medien nannten Dahmer später das „Monster von Milwaukee“. Backderf zeigt, wie falsch solche distanzierenden Formulierungen sind. In der Schule galt der spätere Mörder zwar als Kuriosum – aber offenbar nicht mal als das auffälligste. Als Backderf erfährt, dass einer seiner Klassenkameraden wegen der grauenhaften Mordserie verhaftet wurde, fällt ihm Dahmer erst an zweiter Stelle ein.

Randgestalten gehören zum Schulalltag, und der Autor schildert am eigenen Beispiel, wie schwierig der Umgang mit ihnen ist – gerade für Jugendliche, die mit sich selbst genug zu tun haben. Im Fall von Dahmer gab es sogar einen zweischneidigen Versuch, den isolierten Schüler zu integrieren: Backderf war Mitglied des „Dahmer-Fanclubs“, der den späteren Triebtäter in seinen Ticks imitierte, ihn auf Jahrbuch-Fotos schmuggelte und in halb ironischer, halb solidarischer Zuwendung durch den Schulalltag brachte. Echte Nähe baut keiner zu ihm auf.

Mit solchen Beobachtungen ist „Mein Freund Dahmer“ weniger ein Serienmörder-Comic als eine Coming-of-Age-Geschichte der sozialen Überforderung. Das blutige Nachleben von Jeffrey Dahmer wird zum unheilvollen Hintergrund für leider sehr alltägliche Schulerfahrungen: In der verschwommenen Atmosphäre aus Entschlusslosigkeit, Unbehagen und falschem Humor hat sich die Schulgemeinschaft einfach um den Extremcharakter herumorganisiert – ein quälender Befund, in dem sich viele wiederfinden dürften.

Nach Amokläufen und Serienmorden wundern sich die Hinterbliebenen regelmäßig: Warum ist vorher niemandem etwas aufgefallen? Backderfs Comic, vom „Time-Magazine“ unter die zehn besten Sachbücher des Jahres 2012 gewählt, hebelt die Fragestellung aus: Jeffrey Dahmer ist allen Mitschülern aufgefallen. Es wusste nur niemand, wie ihm zu begegnen wäre. Darin besteht das große Verdienst dieses Buchs: Es thematisiert die Hilflosigkeit einer Gemeinschaft, in die das Böse einbricht – das aber nicht als Tat, sondern nur als Entwicklungsmöglichkeit.

Derf Backderf: „Mein Freund Dahmer“. Eine Graphic Novel über den Serienmörder Jeffrey Dahmer. Metrolit Verlag, 224 S., 22,99 Euro.

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