Survival-Training für Anfänger Nichts gibt so gut Zunder wie ein Tampon

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Osnabrück. Wie man sich bei einem Flugzeugabsturz verhält, erfährt man von der freundlichen Stewardess – wenn man ihr denn zuhört. Doch wer zeigt mir, wie ich mich anschließend im Dschungel durchschlage? Dirk Linnemeyer hat die Überlebenskunst von einem amerikanischen Fährtenleser gelernt. Bei einem Seminar irgendwo in der Wildnis des Osnabrücker Landes hat er sein Wissen jetzt weitergegeben.

Meine erste Lektion: Wenn man Brennnesselblätter fest zusammenrollt, gehen die brennenden Härchen kaputt und man kann die Blätter essen. Meine zweite Lektion: Lecker ist die Brennnessel deshalb noch lange nicht. Kräuterfrau Andrea Gerhards ist anderer Meinung. Sie preist sämtliches Grünzeug an, als handle es sich dabei um Amuse Gueule aus der Küche des Osnabrücker Gourmettempels La Vie. Immerhin teilt Dirk meine Meinung: „Ich finde, das schmeckt alles gleich langweilig.“

Dirk heißt mit vollem Namen Dirk Linnemeyer, doch beim Überlebenstraining gilt dasselbe wie auf der Skipiste: Alle sind per Du. Eigentlich ist Dirk Kampfsportler und so etwas wie Europas höchstrangiger Ninja-Meister. Wie man mit einem Straßenräuber kurzen Prozess macht, weiß er also. Weil er aber auch wissen wollte, wie man den Kampf mit der Wildnis gewinnt, hat er sich vom amerikanischen Fährtenleser Tom Brown ausbilden lassen.

Wir sitzen an einem See. Die acht Seminarteilnehmer kennen Dirk vom Kampfsport; statt gemeinsam auf der Matte zu stehen, kauen sie jetzt gemeinsam Pflanzen. „Das hier ist der weiße Gänsefuß oder auch Melde genannt“, sagt Kräuterfrau Andrea. „Der ist richtig lecker, schmeckt wie Nüsschen.“ Die Gänsefuß-Stängel werden herumgereicht und jeder darf mal abbeißen. Begeisterung kommt nicht auf. Aber eigentlich soll uns das Grünzeug ja auch nur vor dem Verhungern bewahren, wenn – ja, wenn wir mal in der Wildnis auf uns alleine gestellt sein sollten. Wahrscheinlicher ist, dass einer von uns Lottomillionär wird. Aber Dirk sagt, wer auf jede denkbare Situation vorbereitet ist, fühlt sich im Alltag freier.

Die Pflanzen dienen dem Überlebenskünstler nicht nur als langweiliger Essensersatz. Mit ihrer Hilfe kann man sich auch deutlich interessantere Nahrung beschaffen. „Die Fäden des Brennnessel-Stängels lassen sich eindrehen und zu einem festen Band verarbeiten“, sagt Dirk. „Daraus kann man sogar eine Bogensehne machen.“

Hilfreich für den Einzelkämpfer in der Wildnis wie für den normalen Kräutersammler ist außerdem, wenn er giftige von ungiftigen Pflanzen unterscheiden kann. Laut Andrea versteckt sich zwischen dem Trendkraut Bärlauch gerne mal der kleine Aronstab, dessen Verzehr in der Regel mit schwerem Durchfall und Erbrechen endet. Deshalb: nie ohne Pflanzen-Bestimmungsbuch oder einen Fachmann zum Kräutersammeln gehen. Seminarteilnehmer Guido meint, man könne alternativ auch die Schwiegermutter zum Testen mitnehmen.

Nach der Pflanzenkunde folgt die Königsdisziplin der Überlebenskünstler: Feuer machen. Wer das beherrscht, kann sich wärmen, Wasser abkochen, lebende wilde Tiere fernhalten und tote wilde Tiere grillen.

Dirk lässt seine Seminarteilnehmer mit dem Feuerbohrer arbeiten. Dafür schnitzt man sich einen Stab, spannt ihn in einen Bogen ein, stellt den Stab senkrecht auf ein Stück Holz und erzeugt dann Reibung, indem man den Bogen wie eine Säge hin und her bewegt. Der beim Bohren entstehende Holzstaub wird in einer Kerbe gesammelt, und schließlich sollen die glühenden Späne zusammen mit Zundermaterial zum Brennen gebracht werden.

Was in der Theorie schwierig klingt, erweist sich in der Praxis als – noch schwieriger. Sogar Survival-Profi Dirk fühlt sich genötigt, seinen Versuch mit den Worten „Ich habe das seit zehn Jahren nicht mehr gemacht“ einzuleiten.

Zuerst stellt Dirk den Bohrer auf sein Stück Holz mit der Kerbe und presst ein weiteres Stück Holz von oben auf den Bohrstab. Damit das obere Ende nicht auch zu glühen beginnt, reibt Dirk es über Nase und Stirn, wo das Gesicht am fettigsten ist. Überlebenskünstler, die zu trockener Haut neigen, sind hier eindeutig im Nachteil.

Nach Fixieren und Einfetten legt Dirk los, er zieht den Bohrer hin und her, hin und her, zuerst laufen ihm Schweißtropfen die Stirn runter, dann steigt Rauch auf. Schnell nimmt Dirk den Stab weg, befördert den glühenden Holzstaub in sein Zundernest und pustet fast zärtlich hinein. Es glimmt, es flackert kurz auf, doch dann ist die Flamme auch schon wieder erloschen.

Noch völlig außer Atem meint Dirk, im Fernsehen gäbe es jetzt einen Schnitt. „Und dann würde Bear Grylls, den wir Schmierlapp nennen, vor einem Feuer stehen und in die Kamera grinsen.“ Bear Grylls, der sich für seine Fernsehshow in der Wildnis aussetzen lässt, ist der zurzeit bekannteste Survival-Experte der Welt und bei den echten Überlebenskünstlern offenbar so beliebt wie verdorbenes Wasser.

Auch die Seminarteilnehmer schaffen es an diesem Tag nicht, ein Feuer zu entzünden. Die zwei Belgier Geert und Benoit sind noch am nächsten dran. „Wir haben einen Papst!“, ruft Guido, als bei den beiden riesige Rauchwolken aufsteigen. Doch es nützt nichts, abends müssen die Survival-Schüler ihr Lagerfeuer mit dem Feuerzeug entzünden.

Während Benoit Würstchen grillt und Geert mit seiner Machete Holz schlägt, zeigt uns Dirk, was jeder Überlebensexperte in der Wildnis bei sich tragen sollte. „Ein Messer, Angelhaken, Tabletten zur Wasserreinigung…“ Er kramt weiter in seinem Survival-Kit, jetzt holt er ein Kondom und einen Tampon heraus. „Mit dem Kondom kann man Wasser holen, und die Tampon-Watte ist hervorragendes Zundermaterial“. Verhütungsmittel und Intim-Hygieneprodukte clever umgenutzt – auch das ist Überlebenskunst.

Für heute ist die Survivalschule vorbei. Morgen lernen die Seminarteilnehmer, wie man Fallen baut und sich in der Wildnis tarnt. Einen letzten Tipp hat Dirk aber noch: „Wenn man sich Lappen um die Füße wickelt und morgens über eine taufeuchte Wiese läuft, kann man damit mehrere Liter Wasser sammeln.“

Wer das mal im Alltag ausprobieren will, dem sei allerdings gesagt: Achten Sie möglichst darauf, dass Sie niemand dabei beobachtet.


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