Für Indianerdorf im Dschungel 40 Geigen aus Osnabrück gehen nach Bolivien


Osnabrück. 40 Geigen machen sich in diesen Tagen auf den Weg von Osnabrück in das kleine bolivianische Dorf Urubichá. Die Idee stammt von Claudia Kayser-Kadereit, Leiterin des Forums musikalische Erwachsenenbildung (FME), die Geigen stammen aus dem Bestand des ehemaligen Musikhauses Bössmann.

Die zugehörige Geschichte klingt unglaublich. Sie beginnt damit, dass zwei bolivianische Studenten im vergangenen Jahr an einem Orchesterworkshop des FME teilnahmen und von ihrer Heimat erzählten. Urubichá ist ein kleines Dorf, bewohnt von Guarayo-Indianern, zehn Autostunden von jeder Zivilisation entfernt und mitten im Dschungel. Es gibt allerdings dort ein Musikgymnasium, und praktisch jeder spielt ein Instrument. Besonders beliebt ist die Barockmusik. Wie konnte es überhaupt dazu kommen?

Christine Teske, damals ebenfalls Teilnehmerin des Workshops, hörte bei den Erzählungen besonders genau hin und reiste später für zwei Monate nach Urubichá. Sie erzählt von Jesuiten, die im 17. Jahrhundert in die Gegend kamen und die Ureinwohner vor allem mit ihrer Musik begeisterten. „Die Jesuiten sind aber nur kurze Zeit dageblieben und dann von den Spaniern des Landes verwiesen worden“. Fortan lebten die Guarayos völlig isoliert von der restlichen Welt im Dschungel. „Im 20. Jahrhundert hörte ein Franziskanermönch diese Geschichte und machte sich auf die Suche nach dem Volk. Er wurde schließlich durch Geigenklänge angelockt, und es gelang ihm, das Vertrauen der Menschen zu gewinnen“. Über Jahrhunderte hatten die Guarayos sich die Barockmusik bewahrt, sie selbst komponieren heute noch im barocken Stil und bauen auch selbst Geigen, wie sie es damals gelernt haben: Nach dem Vorbild einer Stradivari.

Die begabtesten Musiker des Landes stammen aus Urubichá, noch nie hat ein Bewerber die Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule nicht geschafft. Dabei stammen auch sämtliche Lehrer des Musikgymnasiums aus dem Dorf. Doch das Unterrichtssystem scheint traumhaft: „Jedes Kind wird individuell gefördert. Jedes Kind im Dorf macht Abitur.“

Bemerkenswert ist auch der Lebensstil des Dorfes, sehr einfach und nach unseren Begriffen ärmlich: Es gibt kein fließendes Wasser, einfache kleine Hütten, nur ein einziges Dorftelefon, seit kurzem aber eine Stromleitung. Daraufhin, erzählt Christine Teske, wollte eine Firma dem Dorf Fernseher spendieren. Das ganze Dorf kam zusammen. Als auf dem Bildschirm der erste Schuss fiel, hielten die Eltern ihren Kindern die Augen zu und waren erbost, dass man so was zeigt. Die Firma zog unverrichteter Dinge wieder ab. Das Zusammenleben muss außerordentlich harmonisch sein, und auch das Verhältnis zur Natur. „Sie fällen keine Bäume für den Instrumentenbau, sondern nehmen nur solche, die durch Tropenstürme gefallen sind.“

Nach ihrer Rückkehr aus Urubichá erzählte Christine Teske im Forum musikalische Erwachsenenbildung, dass dort dringend Instrumente für die Kleinen gebraucht würden. „Fünf bis sechs Kinder müssen sich dort eine Geige teilen, kein Kind hat ein eigenes Instrument.“ Als Claudia Kayser-Kadereit die 40 Geigen im ehemaligen Bössmann-Lager sah, wusste sie daher sofort: „Die müssen irgendwie nach Urubichá!“ Für etwa 6000 Euro hätte der Bössmann-Nachfolger Kemp die ehemaligen Leihinstrumente verkaufen können. Auf die Hälfte der Summe verzichtet das Musikhaus, die andere Hälfte wirbt Claudia Kayser-Kadereit bei den Mitgliedern und Förderern ihres Vereins ein.

Ein weiteres Problem, der Transport, konnte inzwischen gelöst werden: Die Geigen werden bei Kemp in große Kartons gepackt und von der Spedition Hellmann zu einem Sonderpreis bis zu jenem Schiff gefahren, das sie in einem Container mit Hilfsgütern für Straßenkinder in La Paz nach Bolivien bringt.


0 Kommentare