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Leben im Zeichen des Rotstifts Osnabrücker Student schreibt Buch übers Leben als Lehrerkind

Von Cornelia Achenbach

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Osnabrück/Köln. Wenn die Eltern an der Schule unterrichten, die man selbst besucht, hat man es schwer. Wenn man noch dazu unsportlich, dicklich und verpickelt ist, hat man endgültig verloren. Der Osnabrücker Student Bastian Bielendorfer weiß, worüber er in seinem Roman „Lehrerkind – Lebenslänglich Pausenhof“ schreibt. Denn erst war er Schüler an der Grundschule seiner Mutter, dann am Gymnasium seines Vaters.

Dass er überhaupt ein Buch geschrieben hat, das hat er Günther Jauch zu verdanken. Denn im vergangenen Oktober saß Bielendorfer bei „Wer wird Millionär?“ auf dem Stuhl und schwitzte. „Die Renaissance war die Wiedergeburt welcher Epoche?“ lautete die Frage. Barock, da war sich der Student ziemlich sicher. Doch Jauch verunsicherte den 27-Jährigen, sodass er den Telefonjoker zog – seinen Vater. „Die anderen Telefonjoker waren auch alle Lehrer“, sagt Bielendorfer und lacht.

Noch etwas mehr ins Schwitzen geriet der Student, als sein Vater erst mal gar nicht erreichbar war. „Der hat einfach nicht verstanden, wie das Handy funktioniert. Typisch Lehrer eben.“ Er grinst. Als sein Vater dann schließlich doch noch abnahm, war dieser schwer enttäuscht. „Zum einen davon, dass ich ihn schon bei der 8000-Euro-Frage anrufe, zum anderen, dass ich diese Frage nicht beantworten konnte. Deswegen hat er nur ‚Antike, das weiß man doch‘ ins Telefon gebrüllt und gleich wieder aufgelegt.“ Wohl mit dem Gedanken: „Bastian, das muss besser werden.“ Im Hause Bielendorfer eine Standardformel.

Bei 32000 Euro und einer Frage nach Fischparasiten war Schluss. Auch wenn das keine Summe ist, mit der man sich zur Ruhe setzen kann, hatte der Fernsehauftritt doch sein Gutes: Denn nebenbei erwähnte der 27-Jährige, dass er ein Buch über das Leben als Lehrerkind schreiben wolle. Und kurz nach der Sendung klingelte auch schon das Telefon, die Verlage hatten Interesse an der Geschichte. Nun ist das Buch im Piper-Verlag erschienen.

Vater korrigiert E-Mails

Sicherlich: Alle Eltern sind ihren Kindern vor ihren Freunden peinlich. Oft ein Leben lang, doch insbesondere in der Pubertät. Aber während andere Kinder die Stunden der Scham auf ein Klassenfeste-Minimum reduzieren können, sind Lehrerkinder ihren Eltern ständig ausgesetzt. Sie sind einfach immer da. Sie wissen meistens, noch ehe man nach Hause kommt, dass man eine schlechte Note bekommen hat, dass man wieder aus dem Religionsunterricht geflogen ist, heimlich geraucht hat oder in wen man gerade verliebt ist. Alles Dinge, die Eltern eigentlich nicht wissen sollten. Und wenn es ganz schlecht läuft, dann machen sie sich sogar noch vor Schülern über einen lustig. Bei Bastian Bielendorfer lief es ganz schlecht.

„Ich werde häufig gefragt, wie viel von dem, was ich geschrieben habe, erfunden ist. Aber tatsächlich ist fast alles so geschehen. Manches davon ist ja auch so absurd, das kann sich kein Mensch ausdenken.“

Ein kleiner Einblick ins Schicksal eines Lehrerkindes: Während sich andere Kinder auf eine Schultüte voll ungesunden Inhalts freuen, musste Bastian Bielendorfer sie am heimischen Basteltisch selbst bauen. Und da Bastian Bielendorfer kein begabter Bastler war, sah sie entsprechend aus. Auszug aus dem Buch: „Meine Schultüte kam nicht aus dem Einzelhandel, der schnöde Glitzerbecher mit winkenden Mickymäusen und hechelnden Hundewelpen vertrieb. Nein, auf der Seite meiner Schultüte stand deutlich lesbar der Aufmacher der WAZ vom 17. Juni 1990: Kommission schließt Ermittlungen zu Tschernobyl-Vorfall ab.“

Ebenfalls „typisch Lehrer“: eine gewisse Korrekturwut. Als Bastian Bielendorfer, gerade erst des Schreibens mächtig, seinem Vater ein Entschuldigungsbriefchen schrieb, da er ihn einen Blödmann genannt hatte, erhielt er diesen zurück –mit Rotstift korrigiert und mit einer Note versehen: „Dein Sprachbild sowie die Rechtschreibung lassen noch sehr zu wünschen übrig, die Entschuldigung ist ohne größere Begründung verfasst, insgesamt gerade mal ein schwaches Ausreichend. Bastian, das muss besser werden.“ Und Bielendorfer ergänzt: „Mein Vater schickt mir übrigens noch heute meine E-Mails korrigiert zurück.“

Auf Lehramt studiert

Auch wenn das alles ganz lustig klingt, war es eine harte Schulzeit: „Ich hatte an der Schule im Grunde keine Freunde, und die Abifeier war für mich wie eine Art Befreiungsschlag.“ Dass er nur gemobbt wurde, weil er Lehrerkind war, glaubt er allerdings nicht. „Wer in Gelsenkirchen aufwächst und sich nicht für Fußball oder Autos interessiert, stattdessen Bücher liest und ins Theater geht, hat es eben schwer.“

Neben kleinen Anekdoten beschreibt Bielendorfer in seinem Buch auch verschiedene Lehrertypen. Zum Beispiel den Sportlehrer („Der Beruf Sportlehrer ist das Sammelbecken für alle diejenigen, die wegen sadistischer Neigungen von der Fremdenlegion abgelehnt worden sind.“) oder den Lateinlehrer („Das Selbstvertrauen des gemeinen Lateinlehrers speist sich einerseits zwar daraus, dass er ein besonders altehrwürdiges und klassisches Fach unterrichtet, ist andererseits aber auch dadurch angekratzt, dass sein Lehrgegenstand in etwa die gleiche Alltagsnähe und Relevanz hat wie das Erlernen des Morsealphabets oder der Schädelvermessung.“).

Bei all diesen Spitzen ist das Buch jedoch an keiner Stelle boshaft oder gar lehrerfeindlich. „Wenn man ein guter Lehrer sein will, ist das ein unglaublich schwerer, anstrengender und aufwendiger Job“, sagt der 27-Jährige. Er muss es wissen. Schließlich hat er selbst versucht, Lehrer zu werden. „Aber nicht aus Idealismus, sondern einfach aus Orientierungslosigkeit.“

Seine Eltern hatten ihm abgeraten: „Sie waren der Meinung, dass jeder, der in der heutigen Zeit freiwillig Lehrer werden sollte, entweder Masochist sei oder einen bemerkenswerten Hirnschaden hätte“, schreibt Bielendorfer. Und sie sollten recht behalten: Der erste Einsatz vor einer Klasse wurde zum Desaster. Am Ende der Stunde stand die Hälfte der Schüler vor dem Zimmer, damit Bielendorfer in Ruhe unterrichten konnte, wobei er automatisch in fürchterlichen Lehrerjargon verfiel („Was sagt man, wenn der Lehrer den Raum betritt?“). „Man lernt im Lehramtsstudium, wie man Morpheme zerlegt, aber wie man Schülern etwas beibringt, das lernt man nicht.“ Bielendorfer schmiss sein Lehramtsstudium und zog nach Osnabrück.

Mit Psychologie hatte er endlich das passende Fach für ihn gefunden. Osnabrück, das war: ein gutes Stück weit weg von seinen Eltern, eine gute Universität, Poetry Slam in der Lagerhalle und schöne Abende im Kartoffelhaus, „meinem Stammlokal, das ich sehr vermisse“.

Dennoch zog er nun mithilfe des Jauch-Geldes nach Köln, wo er bereits an einem zweiten Buch schreibt, während Günther Jauch noch das erste liest. Seinen Eltern hat der Lehrerkind-Roman übrigens so gut gefallen, dass sie ihn im Kollegium verkauft haben. Natürlich hat Bastian Bielendorfs Vater die Erstauflage auch schon Korrektur gelesen, und noch den einen oder anderen Rechtschreibfehler gefunden. Einen Fehler hat er allerdings selbst verursacht. Welchen? Das werden aufmerksame Leser sicher merken.

Bastian Bielendorfer: „Lehrerkind. Lebenslänglich Pausenhof“. Piper, 304 Seiten, 9,99 Euro.


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