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Abgefahrene Züge, abgefahrene Musik Kulturbiotop mit ungewisser Zukunft: Rock’n’ Roll im Güterbahnhof


Osnabrück. Im Sommer duscht Carsten Gronwald gerne mal auf dem Dach der alten Frachthalle. Der 30-jährige Tausendsassa wohnt in der Güterabfertigung, dort, wo früher die Frachtzettel ausgefüllt wurden. Ganz unbemerkt hat er den stillgelegten Güterbahnhof in ein Kulturbiotop verwandelt, in dem 300 Leute abgefahrene Musik machen, Theater spielen oder Kunst produzieren. Und das alles rein privatwirtschaftlich, ohne öffentliche Zuschüsse.

Schiene oder Straße? 1997 ist in Osnabrück der Zug abgefahren. Die Bahn gab den Kampf auf, und der Güterbahnhof fiel brach. Aber in die Gebäude, die nach den Plänen der Stadt allesamt zum Abriss vorgesehen sind, schlüpften nach und nach allerlei bunte Gestalten, die der provisorische Charakter nicht abschrecken kann.

Die Hauptfigur in diesem Krimi an der Rampe ist Carsten Gronwald, gelernter Speditionskaufmann, Schlagzeuger und Interimsgastronom. Als Musiker wusste er, dass in Osnabrück Proberäume fehlen. Carsten Gronwald schloss einen Mietvertrag mit der Bahn-Tochter Aurelis ab und warb in der Szene für seine „Traumfabrik Petersburg“ in der Verwaltung vor dem heruntergekommenen Gleisstelllager.

Lange musste er nicht trommeln, die Bands rannten ihm die Bude ein. Alles ist dabei, wie der Kulturmanager betont: „Von den düsteren Typen bis zu den Pop-Studenten“. Rock’n–Roll, Punk oder Country, 17-Jährige proben in Hörweite von grau melierten Herren jenseits der 60. In jedem Raum das gleiche Bild: Schlagzeug, Gitarren, Verstärker, dazu ein Sofa vom Sperrmüll und ein paar Kisten Bier. Was sich unterscheidet, ist die Biersorte.

Rund 50 Euro zahlt eine Band für ihren Proberaum in der Traumfabrik Petersburg, inklusive Strom. Der wird während der Betriebsstunden von einem heizölbetriebenen Generator erzeugt. Ein Stromanschluss wäre Carsten Gronwald lieber gewesen, aber den hat die Bahn gekappt.

Der Profi im Tonstudio

Für Auftritte im kleinen Kreis steht eine Probebühne zur Verfügung. Größere Events finden gelegentlich in der alten Kranhalle statt. Ein Ort zwischen Aufbegehren und Vergänglichkeit, mit ölgetränktem Hirnholzpflaster, eingeschmissenen Fensterscheiben und graffitibemalten Wänden.

In diese Halle kann Matthias Eilert blicken, wenn er in seinem Tonstudio sitzt. Der 19-jährige Fremdsprachenschüler ist eine begehrte Adresse in der Traumfabrik Petersburg. Auf knapp 13 Quadratmetern hat er alles, was er für eine professionelle CD-Aufnahme braucht. Bands wie Tafkat oder Belie the Trueside gehören zu seinen Kunden.

Nebenan, in einem kleinen Büro über dem Hauptgebäude hat die Malerin Susanne Heitmann ihr Atelier eingerichtet. Ein kleiner Saal am Kopfende ist regelmäßiger Treffpunkt für Tangotänzer und Capoeira-Kampfsportler. Am anderen Ende hat sich das Theater am Güterbahnhof eingerichtet. Wenn Zuschauer kommen, laufen alle durch die Wohnung von Carsten Gronwald und holen sich Stühle.

Klar, dass diese Initiativen ihr Eigenleben entwickeln und Publikum anziehen. Der Chef der „Traumfabrik Petersburg“ sieht es mit gemischten Gefühlen. Er will nicht, dass es seinem Kulturbetrieb eines Tages so ergeht wie der Kunstschule der Stadt, die wegen der Brandschutzbestimmungen dichtgemacht wurde.

Mietvertrag bis 2012

Wie es mit der Kulturfabrik weitergeht, ist ohnehin offen. Zwei Investoren haben den gesamten Güterbahnhof gekauft, um daraus ein Gewerbegebiet zu machen. Sie kündigen an, dass die Kultur-szene bleiben soll. Aber was ist mit den Gebäuden? Der Bebauungsplan der Stadt sieht ihren Abriss vor, um Platz für die Verlegung der Frankenstraße zu schaffen.

Carsten Gronwalds Mietvertrag läuft erst einmal bis Ende 2012. Der Erfinder der Traumfabrik Petersburg ist zuversichtlich, dass sein Kulturbetrieb Zukunft hat. Vielleicht nicht mehr ganz so provisorisch, und vielleicht eines Tages ohne den Staub aus der Bundesbahnzeit, der dem Traum noch immer anhaftet.


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