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Eine Insel aus Beton Wohnen unter der Autobahnbrücke

Gepflegt: Der Mann unter der Brücke hält seinen Hausstand sauber und ordentlich. Foto: Thomas OsterfeldGepflegt: Der Mann unter der Brücke hält seinen Hausstand sauber und ordentlich. Foto: Thomas Osterfeld

Osnabrück. Herr Gligorov ist nicht zu Hause. Sein Bett ist gemacht. Die Decke liegt glatt auf der Matratze. Der Bettvorleger ist frisch gefegt. Die Wandbilder sind Graffiti, an einer Säule stehen Blumen. Sie zieren den Ort, an dem ein junger Mensch starb. Herr Gligorov wohnt unter einer Autobahnbrücke.

Eine Frau mit Hund geht vorbei. Sie führt regelmäßig Tiere des nahe gelegenen Tierheims aus. Herrn Gligorov kennt sie schon lange. Seit Wochen wohnt er dort unter der Brücke, erzählt sie. Jedes Mal, wenn sie vorbeikommt, erweitert sich der Hausstand. Immer ist alles sehr ordentlich. Der Mann stört niemanden, sagt sie. „Wer daran Anstoß nimmt, hat noch ganz andere Probleme.“ Ihr Tonfall lässt vermuten, dass sie eines dieser Probleme werden könnte. Dann geht sie weiter. Der Hund zerrt.

Als Gligorov nach Hause kommt, zieht er die Schuhe aus und lässt sich in seinen Sessel fallen, der knarrt und federt ein bisschen. Er schaut auf eine grüne Wiese. Ein Pferd weidet dort, eine Schimmelstute. „Whitey“ nennt Gligorov sie. Der Farbe wegen. „Sie ist sehr gefräßig“, sagt er. Manchmal füttert er sie und spricht mit ihr.

Die beiden kennen sich, seit Gligorov zum ersten Mal unter der Brücke schlief. Anfangs im Schlafsack auf einem Zeitungsbett. Dann suchte er sich eine Matratze aus dem Sperrmüll, später den Stuhl und Decken. Die sind gewaschen gewesen, die Decken, sagt Gligorov. Er hat sich im Stuhl nach vorne gebeugt, die Hände hängen gefaltet zwischen seinen Knien. Die Decken für den Müll gewaschen. Er schüttelt den Kopf. Das gibt es nur in Deutschland. Gligorov ist 47 Jahre alt, an manchen Stellen glitzert es silbern aus seinen schwarzen Haaren. Als Kind mazedonischer Gastarbeiter kam er nach Deutschland. Zum ersten Schultag ging er ohne Schultüte. „Damals hab ich neidisch auf die anderen geschaut.“

Ein Radfahrer fährt vorbei, blickt herüber. Gerade lange genug, um nicht aufdringlich zu wirken. Gligorov zuckt die Schultern. „Wenn die gucken, denke ich: Lass die gucken. Ich muss wohl ’ne Aura haben, die sie interessiert. Einfach winken und fertig. Manche winken zurück. Ist ja auch positiv.“

Dann redet er von den Brückenlichtern. Die stören manchmal. Nicht beim Schlafen, sondern wenn er den „perfekten Sternenhimmel“ betrachten will. Gligorov beugt sich weiter in seinem Sessel nach vorne und lacht, weil ihm ein Vergleich eingefallen ist, den er lustig findet: „Hat hier was von Osnabrück Crusoe, wie Robinson Crusoe, nur halt Osnabrück.“ Auf dem Pflaster unter der Brücke ist er gestrandet. Das Dröhnen der Lkw über seinem Kopf ist sein Wellenrauschen.

Genauso wie Robinson nicht ewig auf der Insel blieb, will auch Gligorov weg. Wieder eine Wohnung, ein Bankkonto, Konzerte besuchen und in den Urlaub. Die Brücke, das ist nur vorläufig. Er hat das nicht gewollt. Aber etwas in seinem Leben ging schief.

Was es war, will er nicht sagen. Genauso wenig wie seinen richtigen Namen. Er war mal Koch, sagt er, hatte eine Wohnung. Seit zehn Jahren ist er jetzt in Osnabrück. Hat zuletzt am Bahnhof geschlafen. Doch dort ist er vertrieben worden. Dann ist er herumgefahren, hat „halt einfach so gesucht, wo es trocken war“. Bis er diese Brücke fand, die breit genug ist, dass der Regen nicht hereinpeitscht. „Hier genieße ich Gastrecht.“

Manche haben zu ihm gesagt, dass er gar nicht wie ein richtiger Penner wirke. „Ich will auch gar nicht in die Szene. Hab zu viel Schlechtes gehört“, sagt Gligorov. Gewalt, Drogen, Alkohol. Er greift in eine Plastiktüte zu seinen Füßen, holt eine Wasserflasche heraus. Er trinkt nur Wasser, Saft und Milch. Keinen Alkohol. Das Bierfässchen neben seinem Bett erwähnt er nicht. Dafür fällt ihm etwas anderes ein, die Tüte knistert. Er reckt ein Shampoo in die Höhe, als stemme er einen Pokal. „Man darf sich nicht vernachlässigen“, sagt er. Er kann sich beim Sozialdienst katholischer Männer in der Stadt waschen und duschen, sagt er. Sein Duschgel hält er in der Hand, als sei es ein Heilmittel gegen das Pennerdasein.

„Ordnung sollte sein, das lernt man ja im Leben“, sagt Gligorov. Jeden Abend fegt er das Pflaster rund um seinen Schlafplatz, denn der soll rein sein. Müll sammelt er in Plastiktüten, die er regelmäßig entsorgt.

Abrupt steht Gligorov auf, geht zwei Schritte bis ans Kopfende seines Bettes und beginnt, in einer Tasche zu kramen, tiefer und immer tiefer. Er holt ein Taschentuch, setzt sich wieder, schnäuzt sich. „Nachteil ist: Nase läuft. Sieht man ja. Im Winter ist’s schlimmer.“

Aber dann will er ohnehin weg sein. Irgendwo in einer Unterkunft. Am liebsten in einer Wohnung. Er sucht schon so lange danach. Aber die Vermieter wollten immer nur wissen, wo er bislang gelebt habe und was er beruflich mache. Bei denen hat er keine Chance.

Eine Wohnung, das wäre ein Traum, ein kleiner – und der erste Schritt zu seinem großen Ziel: zurück in den gelernten Beruf. Zurück unter die Kochmütze, zurück an den Herd. Denn den gibt es unter der Brücke nicht.


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